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Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Kreuz mit dem Kreuz

Beitragvon mike1024 am Mi 15. Apr 2015, 17:42

Das Kreuz mit dem Kreuz

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, so sagte vor hunderten von Jahren ein preußischer König.
Recht hatte er, dieser Meinung bin ich auch!
Nur wenn man seine Art von Seligkeit jemand anderen unbedingt aufdrücken will, ist es so gar nicht mein Ding.
Und je nach der Aufdringlichkeit solcherart missionierender Individuen bringt es mich dann mehr oder weniger auf die Palme.
Doch bekomme ich da zuweilen unverhofft Schützenhilfe.
Und wehe dem selbsternannten Heilsprediger, wenn diese Schützenhilfe dann Fell und Krallen hat!

*
Es hat sich zu einer festen Institution entwickelt, dass ich samstags meine Einkäufe erledige.
Ehrlich gesagt, es ist auch der einzige Tag der Woche, an dem ich genügend Zeit dafür aufbringen kann.
Und natürlich ist immer eine meiner Miezen dabei.
Mehrere mitnehmen geht leider nicht, denn so eine breite Schulter habe ich nicht und zu meiner eigenen Sicherheit möchte ich ein felides Gerangel um den besten Platz auf meiner Schulter vermeiden.
An jenem bewussten Samstag war es Belle die mit durfte, während Tapsi und Edward mehr oder weniger beleidigt zuhause bleiben mussten.
Nun, mit einigen Leckerlis würde ich die beiden schon besänftigen müssen, sonst werden sie mich drei Tage mit dem Arsch nicht mehr anschauen.
Jedenfalls überlege ich mir schon mal die Einkaufsroute, die ja letztendlich wie üblich am Bahnhof bei einer Tasse Espresso enden soll.
An Samstagen ist immer in der Innenstadt sehr viel los.
Das erste Ziel ist der Wochenmarkt auf dem Münsterplatz.
Vor allem die Betreiber der Marktstände, an denen ich Stammkunde bin, kennen mich und meine Miezen, so dass manch anregendes Gespräch zustande kommt. Auch Fotos werden gemacht, meistens von Touristen.
Irgendwann sind auch die Besorgungen auf dem Wochenmarkt erledigt und ich sollte noch bei einem Drogeriemarkt-Fachmarkt vorbeischauen, der auch CD’s und DVD’s führt.
Dort habe ich vor einigen Tagen eine DVD bestellt, welche jetzt da sein dürfte.
Zu diesem Behufe muss ich die Fussgängerzone überqueren.
Samstag ist dort immer viel los. Belle schaut sich von der Schulter aus neugierig um, es könnte ja sein, dass man etwas interessantes versäumt.
Denn da gibt es Strassenmusiker, Künstler, diverse Promoter, politische Parteien, oder auch selbsternannte Heilspropheten von Sekten und Glaubensgemeinschaften jedweder Coleur.
Ich will ja niemandem zu nahe treten, denn in diesem unserem Lande kann ja jeder glauben an was er will. Meinetwegen auch an den Grossen grünen Arkelanfall.
Doch solange die mich in Ruhe lassen, interessieren sie mich im dem Maße, wie es mich interessiert, wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Manche dieser Erleuchteten sind unaufdringlich und versuchen nur irgendwelche Broschüren unter die Leute zu bringen. Eine andere Sorte predigt lauthals ihre teilweise doch ziemlich kruden Ansichten in den samstäglichen Volksauflauf.
An eben so einem marktschreienden Messias muss ich vorbei.
Denn der hat sich exakt neben den Eingang des Geschäftes postiert, welches ich zu betreten gedenke. Auf einem offensichtlich selbstgezimmerten Podest versucht er, den allgemeinen Lärmpegel der Fussgängerzone akustisch zu überbieten. Dabei hält er ein kleines Kreuz in der Hand.
Eigentlich achte ich nur auf ihn, weil ich an ihm vorbei muss. Es ist irgend etwas von einem nahen Ende zu verstehen, dass Gottes Reich nahe wäre und dass man Buße tun soll.
Während ich an ihm vorbeigehe, bricht seine Rede unvermittelt ab.
Das fällt mir jetzt schon auf und ich drehe mich zu dem Prediger um.
Der, ein bärtiger Typ, geschätzt etwa fünfzig Jahre alt, starrt mich mit offenem Mund an.
Ah, jetzt dämmert mir war ihn zu Unterbrechung seines Redeschwalls veranlasst hat.
Der Anlass ist rot-weiss gefleckt und sitzt auf meiner Schulter.
Nun, nicht nur Belle sondern auch Edward und Tapsi und früher Miezka und Mowgli haben schon viele Leute in erstaunen versetzt, für mich ist das nichts neues mehr.
Irgendwie bin ich heute gut drauf uns so rede ich den Missionar an: „Keine Angst, die beisst nicht.“ Der Typ stiert mich immer noch an, so schiebe ich hinterher: „Die verschluckt die Leute am Stück! Aber nur jeden Dritten!“ Die entgleiste Mimik des Verbalakrobaten fängt sich langsam wieder, während ich nachsetze: „Aber zwei waren heut’ schon da!“
Irgendwie kann man sehen, wie meine Worte versuchen, sich einen Weg durch seine Hirnwindungen zu bahnen und ganz offensichtlich irgendwo die Kurve nicht mehr kriegen.
Jetzt hat sich der Heilsbringer gefasst: „Sünde, Sünde! Du bist verflucht! Du trägst die Kreatur des Teufels! Sünde! Bereue!“
Äh... Falscher Film? Versteckte Kamera?
Nein, eher falsche Zeit. Mir scheint, ich bin durch dämonische Kräfte im Mittelalter gelandet.
Eine andere Möglichkeit ist, der Typ stammt aus dem Mittelalter und hat durch dubiose Experimente verrückter Wissenschaftler einen Zeitsprung in’s 21. Jahrhundert gemacht.
Denn wenn ich ihn so anschaue, dann meint der das was er sagt, ernst.
Meine Wenigkeit jedenfalls muss sich gewaltig zurückhalten, denn ich stehe kurz vor einem Lachanfall. Also diese Situationskomik ist einfach genial.
Nicht aber für Belle.
Denn die ist einfach nur neugierig.
So liegt sie nicht mehr auf meiner Schulter, sondern steht, ganz auf den Prediger ausgerichtet, darauf. In dessen Augen funkelt durch die felide Anmache inzwischen so etwas wie Furcht.
Jetzt hält er das Kreuz direkt vor Belle’s Gesicht und schreit, fast in Panik: „Vate reto! Vate Reto!“
Belle indes weicht nicht zurück, sie hält das Kreuz wohl für ein neues Spielzeug und versucht danach zu grabschen.
Das ist dem Schreiprediger dann doch zuviel: „Rühr mich nicht an, Satan. Fahre zurück in die Hölle!“
Also, wenn das jetzt weitergeht, kann ich das Lachen nicht mehr verhalten, obwohl sich alles nur in Sekunden abgespielt hat.
Jedenfalls kann der Typ froh sein, dass ich Belle dabei habe und nicht einen der Kater, die wären nicht so zart mit ihm umgegangen, vor allem Edward nicht.
Jetzt bückt der Mensch sich, immer noch das Kreuz gegen uns haltend, schnappt sich sein Podest und verschwindet in der Menge.
Erst jetzt bekomme ich mit, dass eine Menge Leute diese skurrile Szene beobachtet haben und einfach stehen geblieben sind. Und einige davon haben ein fettes Grinsen im Gesicht.
So wie’s aussieht gönnen die meisten dem selbsternannten Messias den Schrecken.
Für Belle jedenfalls sind die Folgen enorm.
So viele Streicheleinheiten von allen möglichen Leuten hat sie noch nie bekommen. Und sie geniest jede einzelne.
Da soll noch einer sagen, Wanderprediger seien zu nichts nutze.
Hallelujamiau!
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mike1024
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