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Das Elfenbeinsiegel

Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:28

Das Elfenbeinsiegel

„Miezka, kennen denn die Menschen viele Katzengeschichten?“ fragt Edward.
„Nun einige kennen sie. Doch wir Katzen sind für viele Menschen ein Geheimnis.“ antwortet Miezka, „darum kennen sie nicht alle unsere Geschichten.“
„Ein Geheimnis? Aber an uns ist doch nichts geheimes.“
„Doch Edward, manchmal schon, denn wir Katzen haben Geschichten, die wir sonst keinem Menschen erzählen.“
„Wirklich keinem?“
„Nun, es gibt nur ganz wenige die solche Geschichten erfahren haben.“
„So? Und wie haben diese Wenige davon erfahren?“
„Wie sie davon erfahren haben? Nun da erzähle ich dir am besten die Geschichte des Elfenbeinsiegels. Setz dich also neben mich und höre gut zu.“

*
Das Elfenbeinsiegel – Die Erbschaft


„Wir haben uns hier versammelt um das Testament des zwar im hohen Alter, doch leider verstorbenen William Fitzgerald Longrey zu eröffnen. Wie ich allerdings feststellen muss, fehlt jedoch noch ein Mitglied der Erbengemeinschaft. Da wir allerdings jetzt schon über eine Stunde warten und Mister Burner noch nicht erschienen ist, muss ich davon ausgehen, dass er keinerlei Interesse an dem Erbe hat.“ „Ja, ja, machen sie endlich weiter, Mr. Samson und kommen sie zur Sache.“
Raleiph Samson von der Kanzlei Samson, Samson & Samson wollte soeben würdevoll seine Rede fortsetzen, als die Tür des Offices aufgerissen wurde und ein junger Mann atemlos hereingestürzt kam.
„Entschuldigen sie die Verspätung Mr. Notary, der Londoner Verkehr, sie wissen ja, wie das ist.“ Er wandte sich an die anderen Anwesenden: „Habt ihr schon angefangen?“ Er bekam keine Antwort, jedoch einige missbilligende Blicke.
Der Notar fuhr in seiner Rede fort: „Schön, Mr. Burner, dass sie doch noch zu uns gefunden haben. Nun, Ladies und Gentlemen, da alle anwesend sind, werde ich zur Testamentseröffnung kommen.“
Fast feierlich holte er ein Dokument aus einer Mappe und begann vorzulesen.
„Ich, der unterzeichnete William Fitzgerald Longrey geboren in Glasgow, Schottland verfüge, dass mein Besitz nach meinem Ableben folgendermaßen aufgeteilt werden soll:
Meine Haupterben sollen meine Kinder Lisa und Mortimer sein. Sie sollen die Villa erhalten und über mein Vermögen verfügen können. Mein Neffe Jack hat sich als fähiger Jurist erwiesen, daher soll er der neue Besitzer meiner Kanzlei werden und ich hoffe, dass er viele interessante Fälle zu Gunsten seiner Mandanten ausfechten kann. Meine Schwester Nelly soll Peter, meinen Papagei, den ich von meiner Reise nach Venezuela mitgebracht habe, erhalten. Denn die alte Giftspritze ist genau so geschwätzig wie er und ich wünsche, dass sie einmal merkt wie das ist wenn jemand ununterbrochen nur Mist redet.
Da wäre noch mein Großneffe Jonathan. Eigentlich ist er ein Taugenichts und lebt nur in den Tag hinein. Doch er ist der Einzige in dieser Familie, der nicht auf die Konventionen achtet und sich so seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Dies rechne ich ihm hoch an, denn es gab eine Zeit, in der ich ebenso gedacht habe. Daher vermache ich ihm ein kleines Häuschen, das ich in der Nähe von Chipperfield besitze. Es ist schon älter, aber damit wird er hoffentlich eine Aufgabe haben.“
Es gab erst ein Gemurmel, dann stand Nelly auf. „Das ist ein Skandal, das lassen wir uns nicht bieten!“ schrie sie Mr. Samson an. „ Komm Edgar, wir gehen!“ herrschte sie ihren Mann an. Dann rauschte sie ab. Edgar zuckte nur mit den Schultern und folgte Nelly in gebückter Haltung.
Interessiert sah Mr. Samson dem Paar nach. „Nun, wenn es ihr Wille ist... Ich denke sie hat hiermit ihr Erbe ausgeschlagen. Nun, Mr. und Mrs. Longrey, sie als Kinder und somit direkte Nachkommen des Erblassers wären damit die nächsten Erben des Papageis. Nehmen sie das Erbe an?“
Sie alle gönnten Nelly die Abfuhr, denn keiner konnte sie wirklich leiden, sie war tatsächlich das, was man allgemein als „Giftspritze“ bezeichnete.
Lisa und Mortimer sahen sich ratlos an. „Nun,“ antwortete Mortimer für beide, „eigentlich bleibt uns nichts anderes übrig, nicht wahr? Oder was würde sonst mit dem Vogel geschehen?“
„Der nächste Erbe wären Sie, Mr. Wilson.“ Jack Wilson winkte ab. „Oh nein bitte nicht, ich kenne dieses Tier, ich hätte keine ruhige Minute mehr. Nein danke. Aber was ist mit Jonathan?“ Er sah den Großneffen des Verblichenen an. „Nun,“ antwortete der, „wie sie wissen, liebe ich Tiere. Und eines davon, welches bei mir lebt, mag Vögel. Sie hat sie sozusagen zum fressen gern. Ihr wisst, wen ich meine: Kyra.“ „Ach ja, ich vergaß, deine Katze.“ „Na schön,“ meinte Mortimer, „dann nehmen wir das Federvieh bei uns auf. Was soll’s.“ „Gut, das wäre also geklärt.“ sagte Mr. Samson. „Mrs. und Mr. Longrey, ich habe alle notwendigen Papiere vorbereiten lassen. Sie brauchen nur noch zu unterschreiben, damit ich ihnen den Schlüssel zur Villa überreichen kann und auch die Zugangsdaten zu den Konten sowie die notwendigen Papiere für die Bank.“ Er machte eine Pause und sah Jack Wilson an.
„Auch für Sie habe ich alles vorbereiten lassen. Einen Schlüssel für die Kanzlei habe ich jedoch nicht, der befindet sich in den Händen des bisherigen Stellvertreters ihres Onkels. Ich werde den Mann verständigen, so dass der Betrieb nahtlos weitergeführt werden kann.“
Wieder machte der Notar eine Pause. Er holte einen letzten Schlüsselbund aus seiner Schreibtischschublade und überreichte ihn Jonathan Burner.
„Mr. Burner hiermit darf ich ihnen den Schlüssel ihres neuen Besitzes überreichen. Die Papiere erhalten sie in den nächsten Tagen per Post“ sagte der Notar zu Jonathan Burner.
Er überreichte ihm den Schlüsselbund mit einigen älteren Bartschlüssel daran. Lisa, Mortimer und auch Jack grinsten nur ziemlich unverhohlen.
Natürlich wussten sie alle um den Zustand des Häuschens, das Jonathen geerbt hatte und waren im Grunde froh, dass sie sich nicht damit herumschlagen mussten.
Jonathan verabschiedete sich von dem Notar und seiner Verwandtschaft. Er würde erst mal im nächsten Pub etwas trinken und realisieren, dass er jetzt Hausbesitzer war.
Zuhause angekommen, schaute er erst nach Kyra. Die Katze hatte er von einem Farmer, der den ganzen Wurf ertränken wollte. Jonathan war auf einem Sonntagsausflug zufällig an dem Gehöft vorbeigekommen und konnte den Farmer überreden, ihm den ganzen Wurf zu überlassen. Es waren drei Kätzchen und zwei davon konnte Jonathan an Freunde verschenken. Das Dritte nannte er Kyra und es blieb bei ihm. Drei Jahre war das jetzt her und Kyra und er waren sehr gute Freunde geworden. Seine Wohnung war nicht sehr groß, doch jetzt, mit einem Häuschen als Erbe, würde er umziehen können. Natürlich wusste er, dass das Haus schon älter war, doch da er dort wohnen würde und somit keine Miete mehr zu bezahlen hätte, könnte er es mit eventuellen Renovierungsarbeiten langsam angehen lassen.
Und für Kyra wäre so ein Haus, auch wenn es klein war, schon ideal. Er war kein totaler Katzennarr wie so viele, doch er liebte Kyra. London war voll von Katzen und es waren viele herrenlose Streuner darunter. In der Islington Tribune hatte Jonathan sogar einen Artikel über einen Strassenmusiker gelesen, der mit einem roten Kater auftrat und der ihn überallhin begleitete. Er hatte sich schon lange vorgenommen, dieses Duo anzuschauen, doch irgendwie war immer etwas dazwischen gekommen.
Da er momentan solo war, musste er sich niemand gegenüber rechtfertigen, daher beschloss er, am nächsten Tag das Haus anzuschauen.
Nur für heute hatte er genug und wollte sich erst mal etwas zu essen machen, bevor er sich mit Kyra beschäftigte. Doch auch das ging nicht sehr lange, er war nach diesem aufregenden Tag einfach zu müde und so schlief er auf der Couch ein.
Mitten in der Nacht wurde er von Kyra geweckt, die ihm das Gesicht ableckte.
Schlaftrunken schleppte er sich ins Bett.
Der nächste Morgen war auch nicht viel besser. Jonathan war total übermüdet und musste sich zu einem Frühstück zwingen. Einzig Kyra nahm das gelassen und versuchte, sich über die Butter herzumachen.
Er dachte nach.
Nun, heute würde er also seine Erbschaft in Augenschein nehmen.
Er würde ein Taxi rufen müssen, denn ein eigenes Fahrzeug besaß er nicht und das Haus lag einige Meilen außerhalb von London.
Kyra sollte mitkommen, denn er wusste nicht, wann er wieder zurück sein würde.
Der passte es zwar ganz und gar nicht, in den Transportkorb gesteckt zu werden, doch was sein musste, musste eben sein!
Die Fahrt ging erst über die Autobahn; dann über holprige Feldwege.
Schließlich hielt das Taxi vor einem fast zugewachsenen Garteneingang.
„Macht 39 Pfund und 11 Pence.“ meinte der Taxifahrer. Gute Güte, glaubte der etwa, Jonathan würde sein Geld auf der Straße finden? Zähneknirschend bezahlte er. Ein Trinkgeld gab er nicht.
Er öffnete ein quietschendes Gartentor und trat ein.
Dann sah er das Haus.
Sichtlich alt und renovierungsbedürftig lag es in einem kleinen und verwildertem Garten.
Jonathan kämpfte sich durch Unkraut und Gestrüpp über den zugewachsenen Weg auf die Haustüre zu.
Mit etwas Mühe bekam er das verrostete Türschloss auf und schob sich durch eine klemmende Tür ins Innere. Erst mal stellte er Kyra’s Transportkorb ab, dann sah er sich um.
Alles war Staubig und so wischte er erst mal einen Tisch ab um seine Sachen dort abzulegen.
Kyra miaute in ihrer Box, sie wollte raus! Nachdem er die Haustür mit Mühe wieder geschlossen hatte, entließ er Kyra aus dem engen Behältnis. Sofort begab sich die Katze auf Entdeckungsreise, doch blieb sie immer in dem Raum in dem auch Jonathan war. In dem Haus musste schon seit Jahren niemand mehr gewohnt haben, so wie es aussah. Doch anscheinend war immer wieder jemand da gewesen und hatte nach dem Rechten geschaut, sonst wäre der Zustand noch schlimmer gewesen. Sein Großonkel hatte wohl einen Verwalter oder etwas ähnliches gehabt.
Er beschloss sich von oben nach unten durchzuarbeiten und also mit dem Dachboden anzufangen. Die Treppe dorthin machte keinen sehr vertauenswürdigen Eindruck und Jonathan setzte nur sehr vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Endlich war er oben.
Was für ein Gerümpel. Er würde das meiste auf den Müll werfen, denn verkaufen konnte man das nicht und er selbst konnte auch nichts damit anfangen.
Natürlich war das jetzt für Kyra der ideale Spielplatz und wahrscheinlich gab es auch Mäuse hier, die sie jagen konnte, doch Jonathan hatte jetzt keine Nerven dafür, er sah nur die Menge Arbeit die da auf ihn zukam.
Also begann er den kompletten Dachboden zu durchforsten und aufzuräumen.
Kyra war ihm gefolgt und schaute seinem Treiben interessiert zu.
Immer wieder versuchte sie Wollmäuse und Staubflocken, die es hier oben in ziemlicher Menge gab, zu fangen. Jonathan musste aufpassen, dass er bei seiner Aktion nicht auf sie trat, denn für die Katze war das alles nur ein neues Spiel. Sie schnüffelte hier und schnüffelte da, begutachtete die alten Sachen und blieb schließlich vor einem schäbigen, abgenutzten Koffer sitzen, den sie intensiv anstarrte.
Erst wurde sie von Jonathan nicht beachtet, denn der sah nur die riesige Menge Arbeit, die auf ihn zukam. Dann bemerkte er, wie Kyra den Koffer fixierte. Sie machte das zwar auch öfter in der Wohnung, dass sie minutenlang irgend einen Gegenstand anstarrte, doch so intensiv wie sie diesen Koffer anstarrte, hatte er sie noch nie erlebt.
„Hast wohl auch was entdeckt.“ sagte Jonathan und strich sanft über Kyra’s Rücken. Die Katze genoss das und stellte ihren Schwanz senkrecht. Sie strich um seine Beine.
Dieser Koffer war ziemlich schwer. Er zerrte ihn in die Mitte des Raumes und versuchte ihn zu öffnen. Nach einigen Versuchen bekam er ihm auf. Doch er waren nur vollgestopft mit alten Klamotten. Ein Tropenhelm lag auch noch darin. Das Ganze könnte er einer Theater- oder Filmproduktion überlassen, die suchten immer günstige Requisiten.
Ganz unten im Koffer lagen zwei in Stoff gewickelte Päckchen.
Kyra war auch ganz neugierig und war in den Koffer geklettert. Sie schnüffelte an den Päckchen, als ob da etwas besonderes drin wäre. „Na, willst du auch wissen, was das ist?“ meinte Jonathan zu Kyra. Die Katze miaute leise.
Er wickelte den Stofflappen von einem ab um zu schauen was es war.
Was war das denn? Es war ein weißes Stück aus einem Material wie das, aus dem Klaviertasten oder originale Billardkugeln gefertigt werden. Jonathan dachte nach. Elfenbein, ja das war es, soweit er sich erinnern konnte. Das Ding war etwa faustgroß, unregelmäßig geformt und hatte an einer Seite Rillen oder Einkerbungen als hätten es große Krallen zerkratzt. Jedenfalls dachte Jonathan sofort an Krallen, er wusste auch nicht, warum. Auch konnte er sich keinen Reim darauf machen, was an dem Stück so besonders wäre, dass es in dem Koffer aufbewahrt wurde. Vielleicht ein Erinnerungsstück, wie ja viele Leute eines oder mehrere hatten.
Das andere Päckchen war größer, auch das wickelte er aus dem Stoff.
Offensichtlich war es nur ein Buch, eine Art Tagebuch. Alt und abgegriffen zwar und vieles von der Schrift war nur schwer zu entziffern. Alles war in altertümlicher Handschrift und Sprache geschrieben. Es war eigentlich kein richtiges Tagebuch sondern eher eine Art Reisebericht. Während Kyra um seine Beine strich, setzte sich Jonathan Burner hin und begann zu lesen.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:29

Das Elfenbeinsiegel – Begegnung in London

Die Times gehörte zu meiner täglichen Morgenlektüre. Nicht, dass ich mich für etwas bestimmtes interessierte, ich wollte nur im allgemeinen wissen, was so in der Welt geschah.
Vor allem die Berichte aus China waren für mich wichtig, wollte ich doch als Arzt und Missionar der Londoner Missionsgesellschaft dorthin gehen. Doch was da in der Times stand, war nicht unbedingt sehr ermutigend. Von einem Konflikt in China war die Rede und dass da Opium im Spiel wäre, diese berauschende Droge. Es wurde bereits vom „Opiumkrieg“ geschrieben. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine Reise dorthin. Nun vielleicht müsste ich nur abwarten, dann würde sich schon was ergeben.
Auch die Post schaute ich durch, nur war nichts weltbewegendes oder wichtiges darunter.
Doch etwas fiel mir dann doch ins Auge.
Da war eine Karte. Nicht gedruckt, handgeschrieben!
Oh, von Lord Gregory. Er war im Oberhaus im Ausschuss für die afrikanischen Kolonien.
Nun, Afrika war noch weitgehend unerforscht und wer wusste schon, welche Geheimnisse man dort lüften konnte oder welche Reichtümer dort auf einen warteten.
Ich schaute die Karte genauer an. Das Wappen des Lords war darauf und eine handgeschriebene Einladung in seinen Club. Ich schaute auf das Datum. Gute Güte, das war ja heute!
Nun, die Einladung eines Lords würde man niemals ausschlagen. Ich konnte zwar diese steife Atmosphäre in den Londoner Clubs nicht ausstehen, doch Lord Gregory versprach mir auf der Einladung einen „very interesting evening“. Also würde ich hingehen, sozusagen als freiwilliger Zwang und es wäre gut möglich, dass ich eventuell ein paar interessante Geschichten erfahren würde. Über die Garderobe musste ich mir keine Gedanken machen, es gab so etwas wie einen Kleidungscodex, also eigentlich keine wirkliche Auswahl.
So gegen 19 Uhr war ich fertig. Der Lord wollte mir eine Kutsche schicken und so wartete ich in der Dämmerung. London war schon damals eine Grosstadt und wie in jeder Grosstadt stank es erbärmlich. Es wurde zwar an einer Kanalisation gebaut, doch bis die fertig wurde, konnten noch Jahre vergehen. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt, wie es für diese Jahreszeit in London normal war. Trotzdem musste man vorsichtig sein, denn wie in jeder Großstadt trieben sich auch hier finstere Gestalten herum und mancher war schon als Leiche aus der Themse gezogen worden. Sicher war eigentlich nur die Gegend um den Buckingham Palace, seit Queen Victoria den Palace zu ihrer offiziellen Residenz erklärt hatte. Die ganze City of Westminster war nun ziemlich sicher, denn hier waren die Ordnungskräfte immer präsent.
So wartete ich in den von düsteren Gaslampen nur spärlich erleuchteten Strasse auf die Kutsche des Lords. Etwas huschte in der Dämmerung über die Strasse. Eine Ratte! London war voll davon. Diese Biester kamen überall durch und sie verbreiteten furchtbare Krankheiten. Plötzlich hörte ich ein Quietschen und eine Art Pfiff. Ein größerer Schatten bewegte sich dort, wo die Ratte verschwunden war. Noch ein Quietschen, dann war Stille.
Im düsteren Schein der Gaslaternen konnte ich die Umrisse einer Katze erkennen, die mit einer leblosen Ratte im Maul den Gehweg hinunterrannte. Es gab sehr viele streunende Katzen in der Stadt und sie alleine waren in der Lage, die Rattenplage soweit im Zaum zu halten, dass es zu keiner größeren Epidemie oder Hungersnot kam. Natürlich waren Lebensmittel und auch Ärzte immer knapp, vor allem für die unteren Schichten der Bevölkerung, doch ohne die Katzen wäre alles nur viel schlimmer gewesen.
Langsam begann ich zu frieren und ich war bereits ziemlich durchnässt, als eine Kutsche die Strasse heraufgefahren kam. Als sie vor mir anhielt, konnte ich den Kutscher erkennen.
Aber das war ja John Masters. Er war Schotte, wie ich, und ich kannte ihn von früher, als ich noch jünger war. Er war früher mal Seemann gewesen und hatte unter einem Kapitän Coon die Neuenglandstaaten bereist. Er hatte mir viel von seinen Fahrten erzählt. Coon war ein Katzennarr und hatte immer viele Katzen an Bord. Doch eines Tages dann hatte sich Masters in eine Engländerin verliebt, die Seefahrt an den Nagel gehängt und war nach London gezogen. Eine Katze, die ihm Thomas Coon geschenkt hatte, lebte damals bei ihm.
Und jetzt war er wohl Kutscher für Lord Gregory. „John, sind sie das wirklich?“ fragte ich. „David? Das ist ja eine Überraschung. Aber steig erst mal ein, das Wetter ist scheußlich und zum erzählen haben wir später Zeit.“
Die Fahrt ging über holprige Straßen durch das nächtliche London. Ich erkundigte mich nach ihr seiner Katze mit der ich früher oft gespielt hatte. „Oh, Belly ist in die Jahre gekommen, sie ist jetzt sechzehn Jahre alt, aber noch immer so wild und gleichzeitig sanft wie eh und je.“
Nach einer gefühlt endlosen Fahrt hielt die Kutsche vor einem noblen Haus.
Mit dem Versprechen an John Masters, dass wir uns in den nächsten Tagen treffen würden stieg ich aus. Zwischenzeitlich hatte der Nieselregen ausgesetzt.
An einer altehrwürdigen Tür klopfte ich und sofort wurde mir geöffnet. Ein Butler nahm mir Mantel und Melone ab. „Ich hoffe, Sir, sie hatten eine angenehme Reise.“, versuchte er sich in Smalltalk. „Danke,“ antwortete ich, „was man so gut nennt, bei diesem Wetter. Aber das ist eben London.“ „Da haben sie recht, Sir. Doch wenn ich nun bitten darf... Seine Lordschaft erwartet sie schon.“
Er führte mich durch weitere mondän eingerichtete Räume bis in den hinteren Teil des Hauses. Einige Gäste waren dort versammelt. Auch welche in Uniform. So genau kannte ich mich darin nicht aus, doch glaubte ich, dass da ein Colonel und ein Admiral dabei waren.
Lord Gregory kannte ich bereits von einem Empfang. Nachdem ich den Anwesenden vorgestellt worden war, nahm mich der Lord zu Seite. „David, wollen sie immer noch nach China?“ „Nun, Sir, eigentlich schon. Nur, wenn ich daran denke, was heute über China in der Times stand... Ich weiss nicht. Es könnte Krieg geben.“ „Ganz richtig haben sie das erkannt, lieber Freund.“ Das machte mich schon etwas stutzig. Warum nannte mich der Lord „lieber Freund“? Da schien etwas im Gange zu sein und vielleicht erhielt ich eine unverhoffte Chance. „Sehen sie David,“ reverierte Lord Gregory weiter, „China ist weit weg und das Empire ist groß. Sie sind Mitglied der Londoner Missiongesellschaft, sie könnten überall hin. Ausserdem haben sie Medizin studiert, sie dürfte also in der Fremde keine Probleme haben.“ Er macht eine Pause. „Oder wollen sie etwa wieder zurück nach Glasgow und dort als Baumwollspinner arbeiten?“
Ich war schockiert. Der Lord musste Erkundigungen über mich eingezogen haben, anders war sein Wissen über mich nicht erklärbar. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.
Doch der Lord ließ mir keine Zeit zum Nachdenken.
„Kommen sie, ich möchte ihnen jemand vorstellen.“ Er schob mich zwischen den Herrschaften durch auf eine Sitzecke zu.
Eine exotische Gestalt stand dort.
Lord Gregory ergriff wieder das Wort.
„Das ist N’Kulu Mabembwe, er ist auf Einladung unserer Queen Victoria nach London gekommen. N’Kulu Mabembwe ist dort, wo er herkommt, ein Medizinmann und man sagt, er hätte geheimes Wissen.“ Der Lord lächelte. Ich schaute mir diesen Medizinmann genauer an, bevor ich ihn begrüssen wollte.
Er war in bunte Tücher gekleidet, wie sie bei den Eingeborenen in den afrikanischen Kolonien üblich waren. Sein dunkles Gesicht war ausdrucksstark und seine Augen klar und wachsam.
Er wirkte mager, fast dürr.
„Mr. Mabembwe, sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wie ich hörte sind sie auf Einladung der Queen hier?“ Es war eher eine retorische Frage und nur der Höflichkeit geschuldet. Natürlich wusste jeder, dass der Medizinmann ohne eine Einladung von Queen Victoria niemals nach London gekommen wäre.
„Danke Sir,“ antwortete er „es ist mir eine Ehre hier sein zu dürfen.“ Ich merkte sehr wohl dass auch er sich bemühte, eine Art Schein zu wahren. Sein englisch war grauenhaft, wahrscheinlich hatte er noch nicht viel Gelegenheit gehabt, es zu üben. So versuchte er einfach höflich zu sein, wie man es ihm wahrscheinlich beigebracht hatte.
„N’Kulu Mabembwe kommt, wie sie sicher bemerkt haben, aus Afrika. Und wie sie sicherlich wissen, ist das ja noch weitgehend unerforscht. Es ist gut möglich dass da viel Wertvolles zu finden ist, ganz abgesehen von möglichen Handelsbeziehungen zum Empiere. Vielleicht kann ich sie ja für den schwarzen Kontinent begeistern, David. N’Kulu Mabembwe wird ihnen sicherlich einiges darüber zu erzählen wissen.“
Ich muss gestehen, dass schon eine gewisse Neugier in mir geweckt war. Und ob es in einem Londoner Club der High Society steif zuging oder nicht, war mir im Moment ziemlich egal.
Und so begann eine zwar holprige, aber doch sehr informative Unterhaltung mit dem Medizinmann. Er erzählte mir von seinem Dorf, wie sie dort lebten, von den Tieren der Savanne und noch vieles mehr. Und doch hatte ich den Eindruck, dass er bei manchen Passagen seiner Erzählung stockte, so, als wollte er nichts mehr preisgeben. Ich fragte mich, was da wohl noch wäre. Doch vielleicht war es auch seine Unsicherheit in der englischen Sprache. Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass ich nicht merkte wie die Zeit verging.
Dieser Bericht hatte mich einfach fasziniert und ich begann mich mit dem Gedanken anzufreunden, nach Afrika zu gehen. Erst als der Butler kam und uns darauf aufmerksam machet, dass es Zeit wäre aufzubrechen, beendeten wir unsere Unterhaltung, jedoch nicht ohne das Versprechen des Medizinmannes, mir zu einem späteren Zeitpunkt mehr über seine Heimat zu erzählen.
In den folgenden Tagen und Wochen traf ich mich öfter mit N’Kulu Mabembwe und Afrika zog mich immer mehr in seinen Bann.
Wir waren im Laufe der Zeit gute Freunde, ich möchte sogar sagen, Vertraute, geworden und der Medizinmann war oft Gast bei mir zu Hause.
Gelegentlich hatte er mir ein klein wenig von seinem Wissen vermittelt und so ergab es sich, dass ich immer mehr von Afrika, seinen Landschaften, seinen Tieren und seiner Freiheit fasziniert war. Immer häufiger erklärte ich das auch N’Kulu Mabembwe und ich beklagte auch so manches Unrecht, das meine Landsleute dort anrichteten.
Seine Besuche wurden mit der Zeit so etwas wie eine tägliche Institution und wir tauschten viele Gedanken aus.
Eines Abends, es war einer dieser typischen Londoner Nebelabende, wartete ich vergebens auf ihn. Auch am nächsten Tag erschien er nicht und schickte auch keine Nachricht. Nun, er war ja auf Einladung der Queen hier und musste eventuell offiziellen Pflichten nachgehen.
Am dritten Tag begann ich mir Sorgen zu machen, denn dass er einfach so verschwand, war nicht seine Art. Ich begann nach seinem Verbleib zu forschen, aber ich kam zu keinem Ergebnis. Zwei weitere Tage später klopfte ein berittener Bote an meiner Tür. Er war von Lord Gregory geschickt worden. Er bat mich, auf dem schnellsten Weg zu ihm zu kommen. Ein Zweispänner würde mich abholen. Voll düsterer Ahnungen machte ich mich fertig und wartete auf die Kutsche. Endlich kam sie und als ich eingestiegen war, fuhr der Kutscher sofort los. Es war wie schon einmal, John Masters. Ich versuchte, ein Gespräch mit ihm in Gang zu bekommen um zu erfahren, was passiert war. Doch John war sehr schweigsam und trieb die Pferde noch mehr an. Endlich hielten wir vor dem Anwesen des Lords.
Unverzüglich wurde ich eingelassen und sofort in ein Großes Zimmer geführt.
Ein Bett war darin und in dem Bett lag, sichtlich erschöpft und krank, N’Kulu Mabembwe.
Neben dem Bett standen zwei Gentlemen, offensichtlich Ärzte.
„Was ist mit ihm passiert?“ fragte ich sie ohne Umschweife, alle Regeln der Höflichkeit missachtend.
„Nun,“ antwortete der ältere der beiden, „ihr Freund ist sehr alt. Dann war diese sicherlich anstrengende Reise. Ausserdem stammt er aus Afrika und ist wohl das hiesige Klima nicht gewöhnt.“ „Im Grunde“ ergänzte der Jüngere, „hat er nur einen harmlosen Schupfen. Doch wie wir aus vielen Berichten aus den Überseekolonien wissen, kann so ein Schupfen, der einem Briten höchstens ein paar Tage die Nase laufen lässt, die Eingeborenen dort tatsächlich umbringen. Daher hat Seine Lordschaft uns bei den ersten Anzeichen sofort gerufen.“ „Doch ich fürchte, wir können nichts mehr für ihn tun. Sein Schicksal liegt jetzt in Gottes Hand.“ schloß der Ältere die Ausführungen ab.
Ich war wie vom Donner gerührt. N’Kulu Mabembwe schaute mich mit schwachen Augen an und hob mühsam die Hand. Ich ging zu ihm und hielt seine Hand. Er flüsterte mir zu: „Sie sollen uns bitte alleine lassen.“ „Die Ärzte?“ „Ja, sie können ohnehin nichts mehr tun, ich bin alt und ich werde bald den Weg gehen, von dem es kein zurück gibt.“ „Sag das nicht!“ „Es ist wahr, meine Zeit ist gekommen.“ Ich bedeutete den beiden Ärzten, uns alleine zu lassen, da sie doch nichts mehr für ihn tun konnten. Sie folgten der Aufforderung. „Bevor ich zu meinen Ahnen gehe, musst du noch ein Ding erfahren, das ich dir bis jetzt verschwiegen habe.“ sagte N’Kulu Mabembwe. Ich schaute ihn fragend an. Natürlich hatte ich geahnt, dass da noch mehr war, doch ich konnte mir nicht vorstellen, was das wäre.
„Gib mir bitte mein Gewand, es liegt dort über den Stuhl gefaltet.“ Ich reichte ihm das Bündel. Umständlich und mit zittrigen Händen kramte er in dem Kleidungsstück.
Schließlich holte er ein etwa faustgroßes Stoffbündel aus seinem Gewand und reichte es mir mit den Worten: „Bitte bring es ihm zurück, das ist alles, um was ich dich bitte.“ „Was ist das und wem soll ich es zurückbringen?“ Er wickelte den Stoff von dem Bündel und zum Vorschein kam ein etwa faustgroßer Klumpen Elfenbein. Auf einer Seite waren tiefe Kerben, wie von einem spitzen Gegenstand hineingekratzt. Verdutzt schaute ich das Elfenbeinstück an. „Was ist das?“ fragte ich. „Etwas, das auf den ersten Blick nichts besonderes ist. Seinen wahren Wert, wirst du erkennen wenn die Zeit gekommen ist.“ “Was ist es?“ fragte ich noch einmal, jetzt schon recht neugierig. „Es ist ein Siegel. Du wirst zu rechten Zeit erkennen, wessen Siegel es ist. Hüte es gut, am besten, du hast es immer bei dir. Er soll es zurückbekommen, ich brauche es nicht mehr. Verwahre es gut und hüte es. Versprich mir das.“ „Ja,“ antwortete ich, „ich verspreche es nicht nur, ich schwöre einen Heiligen Eid, dass ich Deinen Wunsch erfüllen werde, so wahr mir Gott helfe. Nur eines verstehe ich nicht, was ist denn besonderes an dem Stück?“ „Wie ich schon sagte, es ist ein Siegel oder auch ein Permit, wenn du so willst. Du darfst es nie aus der Hand geben oder verlieren.“
„So, jetzt aber genug mit der Geheimniskrämerei! Du musst das mir nun aber wirklich erzählen. Doch warte, darf ich es aufschreiben?“
„Natürlich, wenn mir noch die Zeit dazu bleibt. Nur wird dir die Erzählung ganz und gar unglaublich vorkommen.“
Auf einem Sekretär nahe beim Fenster lagen eine Feder und Papier und oben stand ein Tintenfass.
Ich holte Papier, Feder und Tinte und wartete, dass der Medizinmann mit seinem Bericht begann.
Und so erzählte der Schamane N’Kulu Mabembwe mit zittriger und schwächer werdender Stimme seine Geschichte und ich schrieb alles auf.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:31

Das Elfenbeinsiegel – der Schamane

Ich schreibe dieses hier, in der Hoffnung, dass eines fernen Tages jemand den wirklichen Wert dieser Aufzeichnung erkennen und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen wird.
Diesen Bericht habe ich nicht zu meinen anderen Tagebüchern gegeben, denn zu ungeheuerlich ist das, was ich erfahren und erlebt habe, und niemand würde mir glauben.
Ich denke auch, wenn hier im britischen Empire jemand davon erfahren würde und überzeugt wäre, dass es der Realität entspricht, nur Unheil damit angerichtet würde in einer Zeit in der alle Menschen nur auf Profit aus sind. Daher verwahre ich diese Aufzeichnung, bis die Menschen für diese Dinge gereift sind.
Man mag sich auch fragen, ob ich mir das alles ausgedacht haben und wenn nicht, warum ich das alles erfahren habe.
Nun, das Empire ist so groß, dass darin niemals die Sonne untergeht und London ist voll von den seltsamsten Gestalten aus aller Herren Länder. Viele sind in eigener Sache hier, doch manche auf Einladung und Geheiß der Queen. Und gerade diese Botschafter ferner Länder erzählen oft die fantastischen Geschichten aus Gründen, die nur sie wissen, ob man es glauben mag oder nicht.
Und daher ist hier also der Bericht über den wahren Grund für meine Reisen und die Erzählung des Medizinmannes und Schamanen N’Kulu Mabembwe wie er sie mir berichtet hat. Ich habe dem nichts hinzugefügt oder weggelassen.

D.L.
Juli im Jahre des Herrn 1842

*
N’Kulu Mabembwe war bereits drei Tage unterwegs. Kräuter und Wurzeln wollte er sammeln, die er für die Dorfbewohner benötigte. Als Schamane seines Dorfes braute er daraus heilende Säfte und Salben. Er hatte das Wissen darum von seinem Vater und der von dessen Vater überliefert bekommen. Allerdings musste man sehr vorsichtig sein. Denn eine falsche Mischung oder ein falsches Kraut würde keine Heilung bringen, sondern im schlimmsten Fall den Tod. Daher teilte er sein Wissen auch nicht mit den anderen Dorfbewohnern. Nur seinem Sohn, der einmal seinen Platz einnehmen sollte, lehrte er immer wieder kleine Teile davon. Doch es würden noch viele Jahre vergehen, bis der ein richtiger Schamane war. Er hatte sich auf den Weg zu den Kamerba-Bergen gemacht. Diese Berge waren bei seinem Stamm heilig. Bei anderen Stämmen waren sie das nicht und sie hießen dort auch anders. So wanderte er durch die Steppe auf die Berge zu. Doch langsam bekam er Hunger. Er würde ein Stück Wild erlegen müssen, denn die Pflanzen hier waren zwar nicht giftig, aber fast ungenießbar. In weiter Ferne konnte er etwas unter einem Baum entdecken, das wohl ein Löwenrudel zu sein schien. Er würde also einen Bogen einschlagen müssen um das Rudel weiträumig zu umgehen. Der Wind stand für ihn günstig, so dass ihn die Löwen nicht wittern konnten. Zwar würden die Löwen in der Hitze der zu Ende gehenden Trockenzeit wohl kaum am Tag jagen, doch da die Beute immer jetzt immer knapper wurde, konnte man nie vorsichtig genug sein. Er hatte das Löwenrudel schon weit hinter sich gelassen, als er vor sich im Grass eine leichte Bewegung ausmachte. Etwas kleines war dort im Gras, genau das, was er jetzt brauchte. Es widerstrebte ihm, größere Beute zu jagen, als er eigentlich brauchte. Er würde sonst den Rest des Kadavers liegen lassen müssen und er wollte nicht einfach so eine Beute vergeuden. Es würde nur Tiere in einer Grösse jagen, die er direkt zum überleben brauchte.
Löwen, Leoparden und andere Raubkatzen wurden sowieso weder von ihm noch von einem der anderen Dorfbewohner gejagt.
Ganz langsam schlich er auf die leichte Bewegung im Gras zu. Dann sah er es. Es war eine ganz junge Gazelle. Die Mutter war nirgends zu sehen und das war ungewöhnlich, denn normalerweise verließ keine Mutter ihr Junges. Doch vielleicht war sie von den Löwen gerissen worden. Gazellen waren zwar sehr schnell, doch die Löwen jagten im Rudel und konnten auch mit einer schnellen Gazelle fertig werden. Jedenfalls würde das Junge keine Chance haben, völlig alleine zu überleben. Vorsichtig nahm N’Kulu Mabembwe seinen Bogen vom Rücken und legte eine Pfeil ein. Bevor er den abschoss, schickte er noch ein Gebet an die Götter, in dem er um Verzeihung für die Tat bat, die er jetzt vollbringen musste.
Dann ließ er los und der Pfeil durchbohrte die Gazelle aus kurzer Distanz.
Er schritt auf die Stelle zu.
Seine Beute lag bewegungslos vor ihm im Gras, die Augen gebrochen, die kleine Gazelle musste sofort tot gewesen sein. Dann kniete er nieder und entschuldigte sich bei der Gazelle dafür, dass er sie hatte töten müssen. Diesen Brauch befolgten alle Jäger seines Stammes und es hieß, sollte das einmal missachtet werden, käme ein furchtbarer Fluch über den ganzen Stamm.
Jedenfalls hatte er jetzt Proviant für die nächste Zeit. Er begann, das Tier auszuweiden und wollte schon weitermarschieren, als er aus den Augenwinkeln etwas wahrnahm, was ihn irritierte. Auf einem niedrigen Hügel war eine Bewegung. Er drehte sich danach um und da wäre ihm fast das Herz stehen geblieben.
Da stand ein Löwe oben auf dem Hügel. Aber was für einer, mit riesiger Mähne und irgendwie ehrfurchtgebietend. Der Löwe beobachtete ihn aufmerksam. Der Schamane hatte keine Ahnung, wie lange der Löwe schon dort stand und ihn beobachtete.
N’Kulu Mabembwe war wie erstarrt. Er wusste, eine Flucht wäre sinnlos und er hatte schon mit seinem Leben abgeschlossen. Doch der Löwe stand einfach nur da und schaute zu ihm herunter. Er ließ kein Zeichen eines Angriffs erkennen. Lange Zeit standen sich der Mensch und die Raubkatze so gegenüber. Zeitweilig hatte N’Kulu Mabembwe das sehr merkwürdige Gefühl, dass der Löwe tief in sein Innerstes blicken würde. Er wusste, dass alle Tiere eine Seele hatten und als Schamane konnte er sich mit vielen verständigen, doch so etwas wie dieser Löwe war ihm noch nie begegnet. Er stand einfach nur da und schaute ihn an. Unvermittelt drehte er sich um und lief auf der anderen Seite des Hügels hinunter.
Das Ganze war dem Schamanen ein Rätsel. Er würde darüber nachdenken und meditieren müssen und auch die Götter befragen. Denn einen Reim auf das Verhalten des Löwen konnte er sich nicht machen. Langsam und vorsichtig nahm er seine Wanderung wieder auf. Den Fluss umging er in weitem Bogen. Denn der war jetzt nur noch ein Rinnsal und eine unglaubliche Menge Krokodile und Flusspferde drängten sich jetzt darin. Die Enge machte die Tiere ziemlich angriffslustig und N’Kulu Mabembwe wollte nicht im Rachen eines Krokodils landen oder von Flusspferden niedergetrampelt werden. Also suchte er einen Weg, abseits vom Fluss und auch von Löwenrudeln. Doch der einzelne Löwe, der ihn beobachtet hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder musste er daran denken.
Langsam, ganz langsam rückten die Berge näher. Am Abend suchte er sich einen Schlafplatz zwischen einigen Felsen. Der nächste Morgen begann klar und freundlich, so dass der Schamane hoffte, noch im Laufe des Tages an seinem Ziel zu sein.
Doch dann ging es nicht weiter. Hier musste sich vor einiger Zeit ein Felsbruch ereignet haben, der den Pfad blockierte. Er würde einen großen Umweg machen müssen, denn über die riesigen Felsblöcke mit ihren scharfen Kanten konnte er nicht klettern. Die Sonne war hochgestiegen und es begann heiss zu werden. Kleine Echsen waren hervorgekommen und begannen, sich in der Sonne aufzuwärmen. Und wieder musste er einen Umweg machen, denn da war dichtes Dornengestrüpp, das er nicht durchdringen konnte. Als er einmal zurücksah, konnte er den Pfad nicht mehr erkennen, durch den er hierher gekommen war.
Es gab nur die Möglichkeit, einen schmalen Durchbruch hinabzusteigen und zu hoffen, dass es dann dort weiterging. Also kletterte er wieder hinab. Normalerweise hatte N’Kulu Mabembwe ein ziemlich gutes Zeitgefühl, doch dieses schien ihn jetzt verlassen zu haben. Er wusste nicht, wie lange er schon auf diesen Abwegen unterwegs war, doch jetzt begann es zu dämmern. Die Nacht würde sehr schnell kommen und bis dahin musste er einen sicheren Schlafplatz gefunden haben. In der Dunkelheit war es sehr still und als der Schamane so da lag, hörte er nur gelegentlich aus weiter Ferne das Brülle eines Tieres. Die Sterne waren so klar wie selten und auch das Himmelsband war deutlich zu sehen. Irgendwann schlief er ein.
Der nächste Morgen war frisch und N’Kulu Mabembwe war zuversichtlich, bald den richtigen Weg gefunden zu haben. Doch immer wieder zwangen ihn Hindernisse zu Richtungsänderungen und bald wusste er nicht mehr, wo er war. Unvermittelt brach die nächste Nacht herein. Tag um Tag wanderte N’Kulu Mabembwe so, doch einen Ausweg fand er nicht. Dann waren immer mehr Pflanzen da und ehe er sich’s versah, wanderte er durch einen Wald. Längst hatte er die Orientierung verloren, auch wusste er keine Himmelsrichtung mehr zu bestimmen oder wie weit er schon gelaufen war.
Der Wald wurde immer dichter und es hatte auch den Anschein dass viel mehr Blüten hier wuchsen. Der Blütenduft war fast betäubend und auch eine Unmenge Schmetterlinge waren in der Luft. Er hatte keinerlei Zeitgefühl mehr und auch keine Orientierung. Immer häufiger sah er bunte Vögel, Affen oder auch Schlangen in den Bäumen. Doch keines der Tiere wirkte angriffslustig, eher beobachteten sie ihn ganz aufmerksam.
Das Licht, das durch das Blätterdach fiel, schwand immer mehr. Langsam wurde er müde von der langen Wanderung. Irgendwann konnte er nicht mehr weitergehen, setzte sich hin und lehnte sich an einen grossen Baum. Er war so müde, dass er sofort einschlief.
Etwas feuchtes an seiner Nase weckte ihn. Verschlafen blinzelte er. Zuerst sah er nur blinkende Lichter, dann bemerkte er, dass das Sonnenstrahlen waren, die durch das Blätterdach fielen. So langsam klärte sich sein Blick und er bekam einen riesigen Schreck. Denn zuerst sah er nur etwas undefinierbares schwarzes, das langsam Gestalt annahm. Er sah zwei gelbe Augen in einem schwarzen Gesicht! Ein schwarzer Leopard, ein schwarzer Panther! N’Kulu Mabembwe wagte nicht, sich zu bewegen. Doch der Panther sah friedlich aus, auch als er immer näher kam. Er berührte mit seiner Schnauze die Nase des Schamanen. Das war das Feuchte gewesen, von dem er aufgewacht war. Der Panther machte einen absolut friedlichen Eindruck. Dann setzte er sich in einiger Entfernung hin und schaute N’Kulu Mabembwe durchdringend an. Eine Bewegung und ein Geraschel im Gebüsch erregte die Aufmerksamkeit des Schamanen. Durch das dichte Blättergewirr schob sich eine pelzige Gestalt. Ein Pavian!
Doch auch der Pavian kam ganz friedlich auf ihn zu. Seine Hand umschloss eine Gegenstand.
Den reichte er N’Kulu Mabembwe. Es war ein Stück Elfenbein. Er schaute es genauer an. Da waren Kratzer darauf, wie von riesigen Krallen. Er war ganz durcheinander und konnte damit nichts anfangen. Eine Zeitlang glaubte er einfach, er wäre verrückt geworden oder er träumte das alles. Alles, aber auch wirklich alles, widersprach seinen Erfahrungen. Er war restlos überfordert von der Situation.
Auch der Pavian verhielt sich, genau wie der Panther, abwartend.
Dann kam der Pavian wieder auf ihn zu und nahm zu seinem Erstaunen seine Hand.
N’Kulu Mabembwe war jetzt soweit, dass er alles mit sich geschehen lies.
Er ließ sich von dem Pavian führen. Sie durchbrachen dichtes Gestrüpp, wateten durch Bäche und liefen Trampelpfaden entlang.
Den ganzen Tag waren sie so durch den Wald gewandert und immer hatte der Pavian den Schamanen geführt. Über kleinere Wasserläufe, von denen es viele gab, waren sie einfach hinweggesprungen, gössere Teiche hatten sie umgangen. Das Wasser war klar, man konnte bis auf den Grund sehen. Kleine bunte Fische flitzen durch das Wasser. Eine farbenprächtige Blütenpracht umgab die beiden Wanderer. Lianen und andere Schlingpflanzen wanden sich bis in die Baumkronen. Und trotz des dichten Blätterwaldes der Baumkronen, der nur wenig Licht durchließ, wuchs am Boden ein weicher Grasteppich.
Immer wieder waren verschiedene Tiere zu sehen, auch solche, die eigentlich keine Waldbewohner waren. Mit einem mal blieb er erstaunt stehen. So ein Tier hatte er noch nie gesehen und er kannte alle Tiere, die hier lebten. Das Tier war nicht sehr groß, hatte ein rotbraunes Fell und eine lange Schnauze mit Reißzähnen. Am Hals war das Fell weiss. Sein Blick wirkte klug und aufmerksam. Es beachtete aber den Schamanen nicht und verschwand kurz darauf im Unterholz. Mit der Zeit bekam er immer wieder Tiere zu sehen, die er nicht einordnen konnte. Da waren winzige bunte Vögel, deren Flügelschlag so schnell war, dass man ihm nicht folgen konnte. Er sah diese Vögel oft an den Blüten. Ein anderes Tier war riesig, mit einem schaufelähnlichen Geweih, das Blätter von den Bäumen zupfte. Da waren auch riesige fellbesetzte Muskelpakete, mit braunem, schwarzem oder auch weißem Fell, die sich auf zwei Beinen aufrichten konnten. Einmal sah er etwas, das aussah wie ein Leopard, nur um einiges größer und eine endlos lange und sehr dicke Schlange in einem der Seen. Noch viel mehr fremde Tiere sah er auf seinem Weg mit dem Pavian. Seltsam war jedoch, dass er von allen ignoriert wurde, selbst von denen, die gefährlich wirkten. Doch immer wieder kam es ihm vor, als würden alle Tiere den Pavian anschauen und ihm Respekt zollen. Während der ganzen Zeit hielt N’Kulu Mabembwe das Elfenbeinstück umklammert.
Mit der Zeit wurden die Farben der Blüten leuchtender und ihr Geruch geradezu betörend.
Unvermittelt hörte der Wald auf.
N’Kulu Mabembwe stand auf einer Lichtung am Rande eines kleinen Sees.
Eigentlich war es ein Fluss, der durch einen Damm aufgestaut wurde und den See bildete.
Sehr viele Tiere waren da. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen umrundeten sie in kleinen Gruppen den See. Doch manche dieser Gruppen standen einfach still da.
N’Kulu Mabembwe bemerkte, dass diejenigen, die stillstanden, nach einiger Zeit auch mit einem Rundgang um den See begannen und andere dann ihren Platz einnahmen und stillstanden. Das Ganze sah aus, als wären Krieger auf Wache. Doch was gab es hier zu bewachen? Der Schamane ging einige Schritte auf das Wasser zu. Der Pavian hatte seine Hand losgelassen und stand abwartend hinter ihm am Waldrand.
Staunend betrachtete N’Kulu Mabembwe das Bild, das sich ihm bot.
Da war eine kleine Insel mitten in dem See, Gras und Blumen wuchsen darauf.
Im Wasser waren einige Krokodile und auch Flusspferde, doch auch von ihnen wurde der Schamane nicht angegriffen. Die Sonne war bereits hoch gestiegen und schickte ihre Strahlen durch die Lücken im Blätterdach des Waldes. Die Luft flimmerte in der Hitze und Schwüle.
Der fast betäubend intensive Duft der vielen Blüten tat sein übriges.
N’Kulu Mabembwe konnte nicht mehr richtig sehen. Er fühlte einen leichten Schwindel und alles verschwamm vor seinen Augen. Plötzlich klärte sich sein Blick wieder.
Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen! Er konnte in den Hügel, der die Insel bildete, hineinsehen!
Und was er sah, verwunderte ihn noch mehr
Da war eine Höhle und mittendrin eine Art Liegestätte aus lauter Blüten.
Auch an den Wänden waren irgendwie Blüten und Blätter festgemacht, so dass die Höhle wie eine Laubhütte wirkte. Doch in der Mitte lag auf der Liegestätte ein grosser sandfarbener Kater. Keine der grossen Raubkatzen, einfach nur ein Kater. Er war zwar gross, gehörte aber trotzdem zu den kleineren Katzenarten. Es schien, als würde er schlafen. Doch N’Kulu Mabembwe bemerkte, dass er nicht atmete, der Kater war tot. Er konnte sich keinen Reim auf das seltsame Grab machen und schaute einfach nur hin.
Plötzlich fühlte er eine leichte Berührung an seiner Seite und wurde aus seiner Vision gerissen. Neben ihm stand eben dieser riesige Löwe und berührte ihn sanft mit seinen Schnurrhaaren, während er auf die Insel schaute. Dann drehte er seinen mächtigen Kopf und schaute den Schamanen an. N’Kulu Mabembwe war fassungslos. Der Blick des Löwen wirkte irgendwie gütig und weise, er konnte sich das auch nicht erklären.
Und wie schon einmal, kam wieder das Gefühl in ihm auf, als würde der Löwe in sein Innerstes blicken. Er erkannte, dass er mit den Gedanken des Löwen verbunden war. In seinem Kopf formte sich verschwommen ein Begriff, mit dem er zuerst nichts anfangen konnte. Dann entstand in seinem Kopf ein Name: Sandfell. Er erschrak, so deutlich war der Gedanke in seinem Kopf. Zu dem Namen entstand erst verschwommen, dann immer deutlicher ein Bild in seinem Kopf. Er sah wie in einer Vision das Bild des sandfarbenen Katers in dem Grab im Fluss. Und langsam begriff er, dass Sandfell der Name des Katers in dem Höhlengrab war.
Dieser Kater schien etwas ganz Besonderes zu sein, aber was es genau für eine Bewandtnis damit hatte, konnte er sich nicht zusammenreimen.
Der Löwe schaute ihn immer noch an, doch dann wandte er sich um und lief einige Schritte zurück. N’Kulu Mabembwe war total durcheinander und wusste nicht, was er denken sollte.
Jetzt blieb der Löwe stehen und schaute zu ihm zurück, so als wollte er ihn auffordern, ihm zu folgen. Der Mann und die große Katze rührten sich nicht. Endlich fasste der Schamane allen Mut zusammen und sagte: „Du willst, dass ich mitkomme? Ist es das was du mir sagen willst?“
Als hätte der Löwe ihn verstanden, drehte er sich um und ging gemessenen Schrittes auf den Wald zu. N’Kulu Mabembwe wusste, dass ihm keine Gefahr drohte, denn hätte der Löwe ihn angreifen wollen, hätte er das längst tun können. Auch trug dieser seltsame Ort und das Grab im Fluss dazu bei, dass er keine Furcht empfand. Also folgte er dem Löwen.
Am Waldrand, neben einem riesigen Baum, legte sich der Löwe in’s Gras. Sofort war er von bunten Schmetterlingen umgeben, die ihn in einem frohen Spiel umflatterten. Auch einige dieser winzigen bunten Vögel mit dem schnellen Flügelschlag waren plötzlich da. Ein Geräusch ließ ihn an dem Baum hochschauen. Ein großer Vogel saß auf einem Ast, mit nach vorn gerichteten Augen und gebogenem Schnabel. Immer wieder gab er ein leises „Hu hu“ von sich. Der Vogel blickte ihn aufmerksam an, bewegte sich aber ansonsten nicht.
Der Schamane stand neben dem Löwen und wusste nicht so recht was er jetzt eigentlich tun sollte. In Gedanken schickte er ein Gebet an die Götter.
Dann setzte er sich neben dem Löwen in’s Gras. Der blickte ihn an und N’Kulu Mabembwe blickte zurück. Dann fragte der Schamane: „Was hat das alles zu bedeuten, was ist das für ein Ort?“ Der Löwe antwortete nicht und schaute ihn nur weiter an. „Was ist mit dem Kater in dem Höhlengrab im Fluss? Er war etwas besonderes, nicht wahr? Oh, wenn du nur reden könntest. Aber Löwen können nicht reden.“ Der Löwe blickte N’Kulu Mabembwe immer noch durchdringend an.
Er glaubte in diesen gelben Katzenaugen zu versinken. Magisch zog ihn dieser Blick an, bis er nichts anderes mehr erkennen konnte, nur diese Augen.
Er tauchte ein in diese Welt. Er war Eins mit dem Löwen, dieser grossen Raubkatze, doch Furcht empfand er nicht. Und der Löwe begann mit Bildern im Kopf des Schamanen zu erzählen. Da war eine Graslandschaft und es war Nacht. Er sah eine Katze, eine Katze, nicht den Kater in dem Grab. Die Katze schlich durch hoher Gras auf einen schwach in der Dunkelheit erkennbaren Baum zu. In der Nähe des Baumes war Gebüsch, auf das die Katze zulief. Da waren noch andere Katzen versammelt. Mit einem Mal sah er ihn, den sandfarbenen Kater. Das ganze Geschehen spielte sich völlig lautlos ab. N’Kulu Mabembwe konnte sich keinen Reim auf das machen, was er wie in einer Vision sah. Eine Frage formte sich in seinem Kopf, was das alles wohl zu bedeuten hatte. Und der Löwe antwortete wieder mit Bildern.
Er erzählte eine unglaubliche Geschichte.
Er erzählte von Lilith, der allerersten Katze, die mit den Menschen lebte.
Und er erzählte die Geschichte des sandfarbenen Katers, der in dem Grab im Fluss lag. Er war Lilith’s Gefährte gewesen und sein Name war tatsächlich Sandfell. Dieser Name war sein ureigener Katzenname. Zwar hatten ihn die Menschen später auch so genannt, doch sie wussten nichts von den wirklichen Katzennamen, nichts von der „stillen Sprache“ und die meisten nichts von den Versammlungsplätzen.
Er erzählte N’Kulu Mabembwe vom Leben des Katers und wie er den Menschen und Tieren immer wieder geholfen hatte. Der Schamane erkannte, dass er hier auf etwas wahrhaft Grosses gestoßen war.
N’Kulu Mabembwe lag eine Frage auf der Zunge und er dachte darüber nach wie er diese Frage am besten stellen konnte.
„Sag mir eines, die Geschichte von Lilith und Sandfell liegt nun so viele Regenzeiten zurück, dass niemand mehr genau weiß, wann sie geschah. Doch der Kater in seinem Grab sieht aus, als wäre er eben erst gestorben. Wie kommt das?“
Wieder entstanden Bilder in seinem Kopf.
Er sah eine felsige Küste. Wellen peitschten an die Klippen. Oben ging die Landschaft in eine Ebene über. Da war eine riesige Wiese mit Buschgruppen und vereinzelten Bäumen.
Und Tiere, unzählige Tiere auf dieser Blumenwiese. Die meisten waren Hunde, aber auch viele Katzen waren da und andere Tiere, die der Schamane noch nie gesehen hatte. Ihn überkam ein Gefühl der Zeitlosigkeit, das er nicht erklären konnte.
Unvermittelt stand da einer vor ihm, er hatte ihn nicht kommen sehen.
Einer, dessen Gesicht er nicht sehen konnte, es war von einem hellen Leuchten verborgen.
Dieser... dieser... Mensch mit dem leuchtenden Gesicht faszinierte ihn.
Alles geschah völlig lautlos und dem Schamanen kam diese ganze Sache einfach unwirklich vor. Aber seit er hier war, hatte er so viele unwirkliche Dinge erlebt, dass er es aufgab, darüber nachzudenken. Der Leuchtende hob den Arm und zeigte in eine Richtung. Dort waren bewaldete Hügel zu sehen. N’Kulu Mabembwe verstand das in seiner Vision als Aufforderung. Ohne dass er sich bewegte, glitt er in die Richtung, in die der Leuchtende gezeigt hatte. Er konnte nichts dagegen tun, es passierte einfach. Wieder überkam ihn das Gefühl, als würde die Zeit stillstehen. Dann wurde ihm bewusst, dass dies ja die Gedanken des Löwen waren, die sich in seinem Kopf manifestierten.
Er glitt über die Hügel durch einen endlosen Wald bis er schließlich an einen Strand gelangte.
Staunend sah er sich um.
Da war ein Weg, ein leuchtender Weg. Er leuchtete in allen Farben, wie ein Regenbogen.
Er begann am Strand und führte in den Himmel. N’Kulu Mabembwe konnte das andere Ende nicht erkennen. Das Bild wechselte. Wieder sah er diese Wiese mit den vielen Tieren. Doch dann sah er ihn, den sandfarbenen Kater. Dieser Kater, der eigentlich tot in seinem Inselgrab lag. Doch hier in diesem zeitlosen Land war er lebendig. Und er strahlte eine Art von Ehrfurcht und so großer, gütiger Macht aus, dass N’Kulu Mabembwe kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Dies, das wusste er sofort, war Sandfell selbst, wie er leibt und lebte. Der Kater schaut ihn durchdringend an und N’Kulu Mabembwe wusste, dass es eine Verbindung zwischen diesem zeitlosen Land und dem Grab im Fluss gab. Deshalb sah der Kater in dem Grab aus, als wäre er eben erst gestorben und deshalb waren so viele Tiere hier. Für die Tiere musste der Bereich um das Grab sozusagen ein magischer oder heiliger Ort sein. Und deshalb war er auch niemals angegriffen worden. Langsam kehrte N’Kulu Mabembwe in die Wirklichkeit zurück. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass ihm der Löwe dies alles gezeigt hatte.
„Wer bist du?“ fragte er den Löwen. Als Antwort formt sich in seinen Gedanken ein riesiger steiler Felsen. Um ihn herum waren Unmengen von Tieren versammelt. Und oben auf dem Felsen stand majestätisch und ehrfurchtgebietend der Löwe und schaute auf die Tiere hinab.
Eine Aura von Weisheit und Gerechtigkeit ging von der großen Katze aus.
Dann hob er seinen riesigen Kopf zum Himmel und stieß ein unglaublich lautes Brüllen aus. Das Brüllen hallte noch lange nach und die Tiere ließen den Löwen nicht aus den Augen, so als wollten sie ihm huldigen.
N’Kulu Mabembwe begriff.
„Du... du... du bist der König der Tiere?“ fragte er. Der Löwe senkte den Kopf, als wolle er nicken und die Frage des Schamanen bestätigen. „Aber dann musst du uralt sein.“ Wieder formte sich ein Gedanke in seinem Kopf. Er sah einen Löwen, dessen Mähne aber ein wenig anders gefärbt war als die des Löwen, der vor ihm im Gras lag. Vor ihm spielten drei junge Löwen. Dann sah er, als würde die Zeit in Windeseile vergehen, die jungen Löwen grösser werden und einer davon nahm schließlich den Platz des Vaters ein. Wieder und wieder entstand dieses Bild in seinem Kopf bis der Löwe genau so aussah, wie der König der Tiere vor ihm im Gras. Er verstand, was der König der Tiere ihm mitteilen wollte.
„Du bist also der direkte Nachkomme des Königs, der Sandfell leibhaftig gekannt hat. Oh, ich bitte um Verzeihung für die plumpe Anrede, euer Majestät.“ Wieder sah ihn der König der Tiere an und ohne dass er zu sagen vermochte warum, wusste er, dass der Löwe auf irgend einen Titel keinen Wert legte. Alle wussten, dass er der König war und das genügte.
Denn obwohl er eine große Macht hatte, war der König der Tiere doch eine Katze und würde daher niemandem irgend einen Befehl grundlos oder aus einer Laune heraus geben. Daher wurde er von allen Tieren anerkannt und brauchte keinen Titel, wie ihn die Menschen benützen.
Lange saßen sich der Schamane und der König schweigend gegenüber. Und obwohl kein Wort fiel und kein Gedanke ausgetauscht wurde, war zwischen den beiden so ungleichen Wesen ein stilles und tiefes Einverständnis. Inzwischen war es dunkel geworden und immer noch saßen sie da. Nachttiere kamen und lösten die Tagtiere am See ab. Der Schamane wusste inzwischen, dass diese Wachen die „Ewige Wache“ bildeten. Das war eine Ehrenwache, zu Ehren von Sandfell, dem Kater. Und er wusste dass es das Höchste für jedes Tier war, einmal im Leben, und sei es noch so kurz, in dieser Wache dienen zu dürfen.
Der Morgen dämmerte und die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch das Blätterdach.
Der Löwe schien eingeschlafen zu sein, doch jetzt wachte er wieder auf und streckte sich nach einem heftigen Gähnen. N’Kulu Mabembwe war zwar auch eingenickt, doch schon vor einiger Zeit aufgewacht. Er hatte sich nur nicht gerührt, denn er wollte die Stille und die Schönheit dieses verwunschenen Ortes nicht durchbrechen. Doch jetzt stand er auf. Der Löwe stand jetzt neben ihm, stolz und erhaben. Und von der Seite kam der Pavian wieder auf ihn zu und reichte N’Kulu Mabembwe seine Hand. Der Schamane verstand, dass es nun an der Zeit war, aufzubrechen und er vertraute dem Pavian, dass er ihn wieder zurückführen würde. Ohne dass er es bemerkt hatte, hielt er in seiner Hand immer noch das Elfenbeinstück. Er musste es die ganze Zeit gehabt haben, nur hatte er es durch das Erlebte und die ganzen Eindrücke vergessen. Er drehte sich noch einmal um und sah den König der Tiere, der ihm erhobenen Hauptes nachblickte. Wieder wanderte er unter der Führung des Pavians durch den Wald, doch diesmal schien es ihm, als würden die Tiere, die ihnen begegneten nicht nur dem Pavian, sondern auch ihm Respekt zollen. Irgendwann, nach Tagen, die er nicht gezählt hatte, wurden die Bäume niedriger, standen weiter auseinander und der Wald verwandelte sich langsam in eine Savanne. Eines Morgens wachte er unter einem Baum auf und bemerkte, dass der Pavian hellwach neben ihm stand. Er wusste sofort, dass jetzt die Stunde des Abschieds gekommen war.
Der Pavian strich ihm über die Wange und N’Kulu Mabembwe konnte nicht anders, als ihn zu umarmen. Der Pavian schaute ihn aus seinen klugen Augen an und wollte sich zum Gehen wenden, als der Schamane ihn zurückhielt. Er wollte dem Pavian das Elfenbeinstück zurückgeben. Doch der nahm es nicht , sondern drückte es dem Schamanen tiefer in die Hand und schloss dessen Finger darum. Dann drehte er sich um und war mit einigen Sätzen zwischen den Büschen und Bäumen verschwunden. So machte N’Kulu Mabembwe sich auf den Rückweg in sein Dorf. Doch einfach war das nicht. Er war am Rande einer Savanne und die Heiligen Berge waren nirgends zu sehen. Es war überhaupt nichts zu sehen, was ihm bekannt vorgekommen wäre. Aber er konnte wieder die Himmelsrichtungen und die Tageszeit bestimmen. Er würde einfach versuchen, möglichst geradeaus zu laufen, bis er an einen Fluss oder Bach kam. Dem bräuchte er nur zu folgen, dann würde er früher oder später auf Menschen treffen. Lange irrte der Schamane so durch das Land. Immer wieder war er auf Bachläufe gestoßen und ihnen gefolgt, doch die versickerten irgendwann oder stürzten in irgendwelche Felsspalten. Nicht nur Hügel, sondern auch oft ganze Bergketten hatte er überquert. Drei Vollmonde war er schon unterwegs, durch Gegenden die ihm völlig unbekannt waren, als er vermeinte, in der Ferne einen vertauten Höhenzug auszumachen.
Er hielt darauf zu und erreichte diese Berge nach einigen Tagen. Und es waren tatsächlich die Kamerba-Berge, die heiligen Berge seines Stammes. Nun würde er bald wieder zuhause sein.
Ihn irritierte es zwar, dass er aus einer ganz anderen Richtung kam, als er in Erinnerung hatte, doch nach den merkwürdigen Ereignissen, die er erlebt hatte, war ihm das eigentlich egal.
Er durfte nur seine eigentliche Aufgabe, die Kräuter, wegen denen er losgezogen war, nicht vergessen. Tatsächlich fand er eine Stelle an der sie üppig wuchsen, mehr als er eigentlich erwartet hatte. Danach machte er sich auf den Rückweg zu seinem Dorf.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:33

Das Elfenbeinsiegel – eine Einladung

Er würde sich etwas ausdenken müssen, über den Grund für sein langes Wegbleiben.
Vor allem Ras Bunumai gegenüber, denn der Häuptling war von Natur aus misstrauisch allem gegenüber, was nicht seinen gewohnten Gang nahm. Das war auch gut so, denn schließlich war er für die Sicherheit des Dorfes verantwortlich. Natürlich war N’Kulu Mabembwe als Schamane niemand Rechenschaft schuldig, den Göttern ausgenommen. Doch obwohl ihn niemand zu fragen wagen würde, was tatsächlich passiert war, so würde doch eine unausgesprochene Kluft zwischen ihm und den Dorfbewohnern, insbesondere dem Häuptling, herrschen. N’Kulu Mabembwe würde diese Kluft überbrücken müssen, denn was ihm wiederfahren war, war doch zu intensiv und zu fantastisch, als dass er im Dorf jemand davon erzählen konnte und schon gar nicht Ras Bunumai. Vier Tage später erreichte er tatsächlich sein Dorf. Es gab eine riesige Aufregung, denn dass er nach so langer Zeit tatsächlich zurückgekehrt war, grenzte an ein Wunder. Er gab nur ausweichende Auskünfte und war ansonsten in den nächsten Tagen sehr still und in sich gekehrt.
Doch Ras Bunumai indes war unruhig. Etwas war nicht so wie es hätte sein sollen. Der Schamane des Dorfes, N’Kulu Mabembwe, verhielt sich merkwürdig, seit er zurückgekommen war. Eigentlich hätte er nach einigen Tagen vom Kräutersammeln in den Heiligen Bergen zurück sein müssen, doch er war erst nach vier Vollmonden wieder aufgetaucht. Alle hatten ihn schon für tot gehalten und sein Sohn hatte die Aufgabe seines Vaters übernehmen müssen. Doch der war noch kein richtiger Schamane, daher blieben viele Dinge unerledigt. Ras Bunumai hatte ein Gespür für drohendes Unheil, nicht umsonst war er der Häuptling des Dorfes. Er dachte nach. Doch wie er es auch drehte und wendete, er kam zu keinem Schluss, was das Richtige wäre. Ras Bunumai glaubte die Geschichte, die N’Kulu Mabembwe ihnen aufgetischt hatte, einfach nicht. Der hatte irgend etwas von Meditation erzählt und dass er mit den Göttern gesprochen hätte. Aber doch nicht vier Vollmonde lang! Ras Bunumai bekam das Gefühl nicht los, dass etwas einschneidendes geschehen sein musste. Den Schamanen direkt zu befragen, was passiert war, verbot sich von selbst. Alle Schamanen waren selbst für die Häuptlinge tabu. Also zermarterte er sich das Hirn, was zu tun wäre. Die Sicherheit des Dorfes und seiner Bewohner war eines der wichtigen Dinge, die ihm als Häuptling oblagen. Und bisher hatte er sich auf sein Bauchgefühl verlassen können, so wie damals, als eine riesige Gnuherde in Panik verfallen war und das Dorf niedergetrampelt hatte. Nur Ras Bunumai’s Voraussicht war es zu verdanken, dass sich damals alle Bewohner rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Und heute war da wieder dieses Gefühl. Er beschloss, einen kurzen Spaziergang in die Steppe zu machen, um seine Gedanken zu ordnen. Doch dazu kam es nicht.
Am Horizont war eine Staubwolke zu erkennen und Ras Bunumai dachte sofort an die Gnuherde. Doch dann erkannte er, dass diese Staubwolke kleiner war und unmöglich von einer Herde sein konnte. Er stieß einen Ruf aus und sofort war er von den Männern des Dorfes umringt. Alle hatte sie Speere und einige auch Bogen mit eingelegten Pfeilen.
Sie starrten auf die sich langsam nähernde Staubwolke und begannen durcheinander zu reden.
N’Kulu Mabembwe war derweil damit beschäftigt Blätter zu zermahlen. Daraus und aus anderen Zutaten würde er eine heilende Salbe herstellen können. Er war so konzentriert und vertieft in diese Arbeit, dass er nichts um sich herum wahrnahm. Erst als das Geschrei lauter wurde sah er von seiner Arbeit auf.
Die Männer des Dorfes waren mit ihren Waffen zusammengelaufen und palaverten wild durcheinander, so dass der Schamane nicht verstehen konnte, was eigentlich passiert war. Dann sah er die Staubwolke. Sie war jetzt ein erhebliches Stück nähergerückt und bewegte sich langsam auf das Dorf zu. Dann konnten sie erkennen, dass das grosse Tiere waren, ähnlich wie Zebras, nur mit dunklem Fell und etwas grösser. Und auf den Tieren saßen Menschen!
So etwas hatten sie noch nie gesehen. Auch hinter den Tieren waren Menschen, sie waren zu Fuß unterwegs.
Alle diese Menschen sahen sehr seltsam aus. Das erste was N’Kulu Mabembwe auffiel, war die helle Haut. Hier im Dorf hatten alle eine gesunde dunkle Hautfarbe, doch die der Ankömmlinge war fast weiss. Alle hatten sie eine runde Kopfbedeckung auf und waren bunt gekleidet. Die Kleidung von denen, die auf den Tieren saßen unterschied sich von denen, die zu Fuß gingen, doch die Fußgänger waren alle gleich gekleidet ebenso wie die auf den Tieren.
Die meisten der Fußgänger hielten seltsame Stöcke in den Händen. Der vorderste auf den Tieren rief etwas und der ganze Trupp kam zum Stillstand. Schwungvoll schwang er sich von dem Tier und kam auf die Gruppe Dorfbewohner zu. Wie es aussah, war er der Anführer der Ankömmlinge. Er sagte etwas in einer fremden Sprache.
Staunend betrachteten sie die großen Tiere und die seltsamen Fremden.
Da diese offensichtlich nicht feindselig waren, geboten es die Sitten des Dorfes, dass sie als Gäste willkommen waren.
So blieben die Fremden im Dorf und N’Kulu Mabembwe erfuhr so einiges über sie. Am Anfang war es sehr schwierig, sie zu verstehen, doch dann lernte er einige Brocken ihrer Sprache und konnte sich nach einigen Vollmonden leidlich mit ihnen verständigen.
Sie nannten sich selbst Engländer oder auch Briten und kamen von sehr weit her über etwas, das sie Meer nannten. Niemand konnte sich etwas darunter vorstellen, doch sie erfuhren, dass es sehr viel Wasser war. Vieles andere begriff er auch nicht, denn die Lebensweise der Briten unterschied sich völlig von der des Dorfes und da halfen auch die besten Sprachkenntnisse nicht weiter. Nur etwas gab es, das ihn, aber vor allem Ras Bunumai beunruhigte. Das waren zum einen diese seltsamen Stöcke. Sie nannten sie Gewehre und wie sich herausstellte waren das absolut tödliche Waffen. Schlimmer und präziser als alles, was die Dorfbewohner kannten. Zum anderen waren da die Erzählungen über Großbritannien. Wie es aussah, gab es sehr viele Briten und sie waren sehr mächtig und immer auf der Suche nach neuem Land.
Mit der Zeit hatten sich die Briten häuslich eingerichtet und es sah nicht danach aus, als würden sie jemals wieder gehen.
Doch irgendwann hatten sie sich mit der Anwesenheit der Briten abgefunden.
Langsam klärte sich auch, was das für Leute waren. Es waren alles Krieger, Soldaten, die einer Königin namens Victoria und einem Reich namens „British Empire“ dienten. Sie waren nicht wie die Dorfbewohner Jäger, Sammler und Krieger in einem, sondern ausschließlich Soldaten.
Nach der Regenzeit waren weitere Briten angekommen, diesmal in einfacherer Kleidung, aber auch mit den Tieren, die sie Pferde nannten.
Sie jagten auch, aber im Gegensatz zu den Dorfbewohnern offensichtlich nur zu ihrem Vergnügen. Und manchmal fingen sie auch Tiere, sperrten sie in hölzerne Käfige und schafften sie fort. Wohin wusste keiner. Oft berieten sich N’Kulu Mabembwe und Ras Bunumai heimlich miteinander, denn sie wussten beide, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte. Oft versuchte N’Kulu Mabembwe Rat bei den Göttern einzuholen, doch bis jetzt hatte er keine Antwort erhalten. Er dachte immer wieder an das Grab im Fluss und daran, was Sandfell der Kater wohl in der gleichen Situation getan hätte. Doch er kam zu keinem Schluss, denn Sandfell war ein Kater gewesen und konnte daher vieles tun, was einem Menschen unmöglich war. Er wäre wohl unbemerkt zu den Briten geschlichen und hätte sie belauscht. Einem Menschen war das nicht möglich. Die dritte Regenzeit nach seinem Erlebnis bei den Tieren hatte noch nicht begonnen, als weitere Engländer ankamen. Einer davon schien ziemlich hochgestellt zu sein, jedenfalls behandelten ihn die anderen unterwürfig. Er nannte sich Colonel Brown und hatte damit einen Rang, höher als jeder andere Brite hier.
Er wollte, nein, er forderte Ras Bunumai zu sprechen. Diesen Befehlston waren die Dorfbewohner nicht gewohnt und so ignorierten sie diese harschen Worte einfach.
Der Engländer regte sich furchtbar auf. Er rief seinen Leuten ein paar Befehle zu.
Sofort sprangen einige Soldaten auf und begannen nach Ras Bunumai zu suchen.
Sie fanden ihn auch nach kurzer Zeit und schleppten ihn vor den Engländer.
Die Soldaten gingen nicht gerade zimperlich mit dem Häuptling um und als er sich wiedersetzen wollte, erhielt er einen Schlag mit einem Gewehrkolben.
Dann ließ der Colonel Ras Bunumai abführen.
N’Kulu Mabembwe hatte alles mit angesehen. Er wusste, er musste jetzt sehr vorsichtig sein.
Einige Vollmonde vergingen und die Dorfbewohner wurden den Engländern gegenüber immer mistrauischer. Der Colonel beriet sich oft mit seinen Soldaten. Gelegentlich ritt einer der Engländer weg und kam nicht wieder. Andere kamen statt dessen. Und immer wollten die Ankömmlinge sofort den Colonel sprechen. Mit der Zeit fanden sie heraus, dass die Engländer auf diese Art Nachrichten austauschten. Eines Tages zitierte Colonel Brown Ras Bunumai wieder einmal zu sich. N’Kulu Mabembwe hatte keine Ahnung was der Colonel von ihm wollte, doch der Häuptling blieb diesmal sehr lange in der Hütte des Engländers. Sichtlich durcheinander suchte er danach den Schamanen auf. Ohne Begrüssung kam er sofort zur Sache: „N’Kulu Mabembwe, ich habe dir etwas zu sagen und es ist nicht für fremde Ohren bestimmt.“ „Einfach so? Ist das deine Art Repekt, den du mir als eurem Schamanen zollst?“ „Ja, ja, ich weiß, aber was ich dir zu sagen habe duldet keinen Aufschub!“ Der Schamane machte eine Handbewegung. „Dann setzen wir uns, es redet sich da besser.“
Beide setzten sich auf den Boden. „Du musst fortgehen.“ begann Ras Bunumai ohne Umschweife. „Warum sollte ich das? Ich habe nichts getan, was gegen das Dorf gerichtet ist. Warum also schickst du mich in die Verbannung?“ „Darüber habe ich keine Macht.“ antwortete Ras Bunumai, „Und ich schicke dich auch nicht in Verbannung, denn du hast immer zum Wohle des Dorfes gehandelt. Du wirst auf eine Mission gehen.“
Jetzt verstand N’Kulu Mabembwe nichts mehr. Er sollte auf eine Mission gehen. Wozu das denn? Und was für eine Mission sollte das sein? Hier im Dorf wurde er gebraucht.
Doch der Häuptling ließ sich nicht beirren. „Höre N’Kulu Mabembwe, die Engländer sind sehr mächtig und sie haben diese Gewehre. Sie wollten, dass ich zu ihrer Königin reise, als Botschafter unseres Dorfes und der ganzen Gegend hier ringsum. Doch ich kann nicht weg, die Sicherheit des Dorfes obliegt mir und wer weiß, was geschieht, wenn ich für lange Zeit nicht hier bin. Ich bin hier unentbehrlich!“ „Ach ja, und ich bin also entbehrlich, oder was? Willst du den alten Schamanen loswerden? Schicke jemand anderes, wenn du schon nicht selbst zu den Engländern gehen willst.“ „Du verstehst das falsch. Einer mit viel Weisheit und Lebenserfahrung sollte zu den Engländern gehen. Vielleicht können wir herausfinden, was sie antreibt und wie wir dem Herr werden können. Dein Sohn hat von dir sehr viel Wissen erhalten, ich geben zu, nicht alles, doch für die Zeit deiner Abwesenheit muss es reichen. Du warst schon einmal viele Vollmonde weg und wir haben dich für tot gehalten. Dein Sohn hat in dieser Zeit seine Sache gut gemacht.“ Damit berührte er einen wunden Punkt bei N’Kulu Mabembwe. Denn dieser hatte niemand von seinen Erlebnissen bei den Tieren berichtet und schon gar nicht von Sandfell. Wenn er sich jetzt weigerte, würde das Vertauen in ihn schwinden und was dann käme, mochte er sich lieber nicht ausmalen.
Also sagte er: „Gut, ich werde gehen, doch heute nacht will ich die Götter um Rat bitten. Sag, wann soll ich mich aufmachen und in welche Richtung soll ich gehen?“ „Du brauchst in keine Richtung zu gehen, du bleibst einfach bei den Engländern. Sie brechen übermorgen nach Sonnenaufgang auf.“
Die ganze Nacht fand der Schamane kaum Schlaf. Er versuchte zu medidieren, doch auch das wollte nicht so recht klappen. Also schickte er eine Menge Gebete zu den Göttern.
Um die Mittagszeit des nächsten Tages wurde er vor Colonel Bown zitiert.
Der Brite eröffnete ihm, dass er auf Einladung von Queen Victoria nach Großbitannien eingeladen war, als Botschafter seines Volkes. Die Reise würde drei Monate dauern.
Inzwischen wusste er, dass damit die Zeitspanne von ungefähr drei Vollmonden gemeint war.
Nun, dann dürfte ja dieses Großbritannien nicht so weit weg sein und er wunderte sich, dass er, bevor die Engländer hier ankamen, noch nie etwas davon gehört hatte.
Der Colonel stellte ihm auch einen anderen Briten vor, ebenfalls ein Soldat. Er nannte sich Major Fitzgerald und sollte einen ganzen Trupp anführen, der sich auf die Reise machte. Colonel Brown blieb hier.
N’Kulu Mabembwe würde sich also nicht alleine auf die Reise machen, sondern hätte die Engländer als Führer. Doch wohl war ihm bei der ganzen Sache nicht.
Am frühen Morgen des nächsten Tages brachen sie auf. Viel für die Reise brauchte er nicht, doch das Elfenbeinstück nahm er mit. Der Major hatte ihm angeboten, dass er auf einem Pferd reiten könne, doch N’Kulu Mabembwe misstraute den riesigen Tieren und wollte sich auf keinen Fall auf eines setzen. „Wie du willst.“, war der einzige Kommentar des Majors.
Und so trottete der Schamane neben dem Trupp her. Sie kamen langsam voran, denn immer wieder ließ der Major halten und einer seiner Soldaten, dessen Name der Schamane nie erfahren hatte, fertigte Zeichnungen an. Der Major nannte das Kartographie, doch N’Kulu Mabembwe konnte mit diesem Begriff nichts anfangen, also beliess er es dabei. Anfangs hatte er den Major danach gefragt, doch der hatte ihm nur gesagt, dass es dafür wäre, damit sie sich nicht verirrten. Dem Schamanen war das unverständlich, er hatte keine Probleme damit, sich zu orientieren. Also beließ er es dabei und fragte nicht mehr. Der Major erzählte von sich aus noch viele Dinge, doch das meiste verstand N’Kulu Mabembwe nicht, obwohl er die Sprache der Engländer mittlerweile ziemlich gut beherrschte. Was der Major erzählte war einfach so... fremd.
Da war beispielsweise von einem Ort namens London die Rede. Das einzige was dem Schamanen klar war, war, dass dieses London sehr groß war und es dort sehr viele Briten gab.
Er erfuhr auch mehr über diese Königin Victoria, doch auch da waren ihm viele Zusammenhänge völlig unverständlich.
Zweimal sahen sie eine Elefantenherde, doch wurden sie von den Elefanten ignoriert.
In der fünften Nacht schlugen sie ihr Lager in der Nähe einiger riesiger Felsen auf.
Zuerst verlief die Nacht ruhig. Der Major hatte Wachen aufgestellt und die Anweisung gegeben, die Gewehre immer geladen und entsichert zu halten. Doch spät in der Nacht wurden alle durch einen lauten Schrei geweckt. Ein ebenso lautes Fauchen folgte. Das Feuer war noch nicht ganz heruntergebrannt und im schwachen Schein der letzten Glut konnten sie einen Leoparden erkennen, der den Wachhabenden angegriffen hatte und sich in ihn verbissen hatte. Der Leopard musste sich lautlos angeschlichen und schon Stunden vorher die Witterung der Reisenden aufgenommen haben. Er war wohl bei seiner letzten Jagd erfolglos geblieben und daher sehr hungrig, sonst hätte er sich nicht an eine Trupp Menschen herangeschlichen, in deren Mitte ein Feuer brannte. Schießen konnte niemand, zu gross war die Gefahr, den Soldaten zu treffen. Und niemand traute sich mit bloßen Händen an die Raubkatze heran.
N’Kulu Mabembwe stand im ersten Augenblick wie erstarrt, dann holte er wie in Trance das Elfenbeinstück aus seinem Gewand und hielt es vor sich. Die Engländer sahen erst nicht, was er tat, sie hatten nur den Leoparden und sein Opfer vor Augen. Der Schamane ging langsam auf den Leoparden zu, immer noch das Elfenbeinstück vor sich haltend. Jetzt sah ihn der Leopard. Schlagartig ließ er von seiner vermeintlichen Beute ab. Statt sich jedoch dem Schamanen zuzuwenden und anzugreifen, duckte er sich ins Gras. Immer näher kam der Schamane dem Leoparden. Keiner der Engländer rührte sich, obwohl sie jetzt die Raubkatze problemlos hätten erschiessen können. N’Kulu Mabembwe war jetzt direkt vor dem Leoparden, der immer noch bewegungslos im Gras lag und dabei den Schamanen und das Elfenbeinstück immer im Blick behielt. N’Kulu Mabembwe streckte die freie Hand aus und strich dem Leoparden über den Kopf. Der ließ es geschehen. Dann stand die große Katze auf und rieb den Kopf am Bein des Schamanen, so, als wolle sie um Verzeihung bitten. Fassungslos sahen die Briten dem seltsamen Schauspiel zu. Keiner wagte es, sich zu rühren. Dann drehte sich der Leopard um und lief einige Schritte in die Dunkelheit. Er blieb kurz stehen und schaute noch einmal zu N’Kulu Mabembwe. Dann war er mit mächtigen Sprüngen in der Dunkelheit verschwunden. Jetzt erst erwachten die Engländer aus ihrer Starre. Es gab ein riesiges Durcheinander. Niemand hatte eine Erklärung für das Vorgefallene und N’Kulu Mabembwe versuchte sich in Ausflüchten, murmelte etwas von „heiliger Magie“ und „geheimen Wissen“ und ähnlichem, denn er wusste selbst nicht, was ihn zu diesem Handeln getrieben hatte. Auch musste der Verletzte schnellstens versorgt werden. Doch ein Arzt war nicht bei der Truppe. So bot der Schamane seine Hilfe an. Er hatte nur wenig heilende Mittel bei sich, doch für Notfälle wie diesen musste es einfach genügen. Major Fitzgerald blieb letzten Endes nichts anderes übrig, obwohl er jede Menge Fragen auf der Zunge hatte. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Schamane ihm nicht die Wahrheit oder zumindest nicht die ganze Wahrheit über das Vorgefallene erzählen würde. Da der jedoch ein Gast der Queen Victoria war, konnte der Major die Wahrheit schlecht aus ihm herauspressen, obwohl er es gerne getan hätte. In Gedanken überlegte er sich schon, was er in seinen Bericht schreiben würde.
Jedenfalls stellte sich am nächsten Morgen heraus, dass der Soldat zwar sehr schwer verletzt war und auch viel Blut verloren hatte, jedoch überleben würde, nicht zuletzt wegen N’Kulu Mabembwe’s Hilfe. Von dem Tag an wurde N’Kulu Mabembwe von den Engländern mit sehr viel mehr Respekt aber auch kaum verhohlener Scheu behandelt. Als sie sich am Morgen nach dem Vorfall aufmachten, kreisten sehr hoch über ihnen drei grosse Vögel, die von den Engländern für Geier gehalten wurden. Doch der Schamane sah, dass es Adler waren. Und jetzt wusste er auch, dass sie von nun an sicher waren, denn dies waren die Adler des Königs der Tiere, die über sie wachten. Was N’Kulu Mabembwe jedoch irritierte, war, dass der Löwe seine Adler überhaupt geschickt hatte, kümmerte er sich doch eigentlich nur um die Belange der Tiere, mit den Menschen hatte er nichts zu schaffen. Der Schamane kam zu der Erkenntnis, dass grosse Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen mussten, wenn der König der Tiere so handelte. Er selbst musste auch erst mit sich ins Reine kommen, denn für sein eigenes Verhalten in dieser seltsamen Nacht hatte er keine Erklärung. Denn die Sache mit dem Leoparden war so abgelaufen, als hätte der Schamane keinen Einfluss darauf gehabt, selbst wenn er es gewollt hätte. Er hatte das Elfenbeinstück wie unter einem Zwang stehend hervorgeholt und dem Leoparden entgegengehalten, ohne dass er selbst etwas dazu getan hatte. Die Engländer jedenfalls waren trotzdem von dem Tag an sehr, sehr wachsam, vor allem, da ihnen N’Kulu Mabembwe nichts von seinem Wissen erzählt hatte.
Tage um Tage vergingen und N’Kulu Mabembwe begann sich zu fragen, ob es richtig gewesen war, diese Reise anzutreten. Er war einfach nur müde und wollte nur noch schlafen.
Wie lange sie schon unterwegs waren wusste er nicht mehr, nur dass es sehr lange war.
Irgendwann bemerkte er einen seltsamen Geruch in der Luft. Auch war die Hitze nicht mehr so drückend, ein leichter Wind wehte. Der Schamane wusste diese Zeichen nicht zu deuten.
Am Mittag des nächsten Tages überschritten sie einen Hügel, da sah er es und er wusste sofort was er da sah. Er kannte den Anblick aus der Vision, als ihm der König der Tiere die Geschichte von Sandfell erzählt hatte. Das war das Meer, diese unendlich große Wassermenge. Doch es war schon ein gewaltiger Unterschied, ob man das in einer Vision sah oder mit eigenen Augen.
Das Meer. Soviel Wasser!
Davor auf dem Land waren ...Behausungen?...Hütten? Der Schamane konnte es nur ahnen. Jedenfalls waren sie riesig, verglichen mit den Hütten seines Dorfes.
Der Major hielt direkt darauf zu. Dahinter begann das Meer.
Auf dem Wasser schaukelten riesige Dinge mit spitzen Ästen oder etwas ähnlichem.
Das Ganze war, wie ihm erzählt wurde eine britische Siedlung
Langsam näherten sie sich der Siedlung der Briten. Major Fitzgerald erklärte ihm, dass dies ein kleiner Hafen sei, und das was da auf dem Wasser schaukelte, Schiffe wären.
N’Kulu Mabembwe blickte sich staunend um. Wenn dieser so genannte Hafen klein war, wie mochte dann erst ein grosser aussehen? Und diese Hütten waren auch riesig und sie waren aus Steinen gebaut. Irgendwie überstieg dies alles die Vorstellungskraft des Schamanen. Die Engländer gingen in eine der grossen Hütten und hießen N’Kulu Mabembwe, ihnen zu folgen.
Nur widerwillig trat er ein. Innen war ihm alles fremd. Da waren Gegenstände, deren Zweck er nicht einmal erraten konnte. An einer Wand hing das Bild einer Frau. Der unbekannte Künstler musste eine fantastische Bobachtungsgabe haben und sehr viel Zeit aufgewandt haben, so detailgetreu war das Bild. Lange sah N’Kulu Mabembwe dieses Bild an, bis er plötzlich eine Stimme neben sich hörte: „ Sie ist faszinierend, unsere Queen Victoria, Gott schütze sie.“ Major Fitzgerald war neben ihn getreten und gemeinsam betrachteten sie das Bild. Das war also die Königin Victoria, von der N’Kulu Mabembwe schon so viel gehört hatte und auf deren Einladung hin er diese Reise anstelle von Ras Bunumai angetreten hatte.
Die Nacht verbrachten sie in der Steinhütte, doch N’Kulu Mabembwe fand kaum Schlaf. Ausserdem fühlte er sich in dieser steinernen Riesenbehausung ziemlich unwohl.
Am nächsten morgen versammelten sich viele Männer in einem grossen Raum um zu frühstücken. Der Schamane war unter ihnen. Zwar hatte er einiges über die Sitten der Briten gelernt, doch dieses gemeinsame Frühstücksritual war ihm fremd. Zuerst beteten die Briten zu ihrem Gott, während N’Kulu Mabembwe einfach still dasaß. Danach gab es ein seltsames heisses Getränk, das nach irgendwelchen Blättern roch und nicht einmal schlecht schmeckte. Alles andere kannte der Schamane nicht und nahm nur aus Höflichkeit ein paar Bissen. Dieses britische Essen schmeckte ihm überhaupt nicht. Danach wurden zwei Reden gehalten, von denen er zwar die Worte, jedoch nicht den Sinn verstand. Nur soviel war klar, dass sie alle anschließend auf ein Schiff gehen sollten um über das Meer nach Großbritannien zu fahren.
Eine Fahrt über das Meer! N’Kulu Mabembwe wurde ganz aufgeregt, denn das konnte er sich nun wirklich nicht vorstellen.
Am nächsten Morgen, ziemlich in der Frühe, war es dann soweit. N’Kulu Mabembwe betrat zum ersten mal in seinem Leben ein Schiff. Das Schiff hatte ausgesehen, als würde es ganz ruhig im Wasser liegen, doch jetzt bemerkte er, das der Boden schwankte und schaukelte.
So schlimm, dass er davon gestürzt wäre, war es nicht, aber immerhin deutlich bemerkbar.
Den Engländern machte es offensichtlich nichts aus.
Staunend betrachtete der Schamane die hohen Masten mit ihrer Takelage, auf denen sich einige Seevögel versammelt hatten. Matrosen kletterten in den Wanten und Befehle wurden gerufen. Alles wuselte durcheinander. Viele Soldaten waren auch an Bord gegangen, sie würden die Reise nach England mitmachen. Auch einige wenige Engländer ohne Uniform fuhren mit. Frauen sah N’Kulu Mabembwe keine. Eine Glocke wurde geschlagen. Ihr Ton hallte über das Schiff und den Kai. Die Taue mit denen das Schiff an den Pollern festgemacht war, wurden übergeworfen und an Bord gezogen. Dann ertönte ein Ruf und eine Menge Matrosen platzierten sich um eine riesige Winde mit dicken Holzstöcken darin. Dann fingen die Matrosen zu singen an und mit jedem Vers machten sie einen Schritt vorwärts. Sie drückten sie gegen die Holzstöcke und die Spindel begann sich zu drehen und wickelte dabei ein gewaltiges Tau um sich. So wie es schien, hing ein schweres Gewicht daran. Das Schiff schaukelte jetzt stärker und der Schamane musste sich an der Reling festhalten. Inzwischen hatten sich andere Matrosen in den Wanten zu schaffen gemacht und als die Matrosen an der Kettenwinde zu singen aufhörten, entfalteten sich an jedem der Masten ein riesiges Tuch, das sofort vom Wind aufgebläht wurde. Mit offenem Mund bestaunte N’Kulu Mabembwe diese Treiben.
Erst als er wieder auf den Kai blickte, sah er, dass sie bereits ein Stück davon entfernt waren.
Einer, der auf einem Aufbau am Heck des Schiffes stand, drehte an einem grossen Rad und das Schiff begann sich zu drehen, so dass der Bug direkt aufs offene Meer hinaus zeigte.
Die Reise hatte begonnen.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:38

Das Elfenbeinsiegel – die Reise nach Britannien

Die erste Zeit stand der Schamane nur an der Reling und schaute fasziniert auf diese unendliche Wasserfläche. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es das wirklich gab.
Die Sonne war schon hoch gestiegen, als er von einem der Matrosen gebeten wurde ihm zu folgen. Sie gingen in den grossen Aufbau am Heck. Innen war es ein einziger Raum, jedoch gefüllt mit Gegenständen, die er ebenso wenig einordnen konnte, wie die Dinge in den Steinhütten. Zwei Soldaten waren da und Major Fitzgerald, ausserdem Leute die mit dem Schiff zu tun hatten. Einer davon schien der Oberste hier auf dem Schiff zu sein. Der begrüßte ihn mit den Worten: „Sir, willkommen an Bord Ihre britischen Majestät Schiff, der WAVESCOUT . Es ist mir eine Ehre, einen Gast unserer Queen auf unserem bescheidenen Boot zu haben.“ N’Kulu Mabembwe sah ihn an und wusste, dass diese Worte nur geheuchelt waren. Nur weil er ein königlicher Gast war, wurde er von den Engländern geduldet. Nun, er würde sich nicht anmerken lassen, dass er dieses Spiel durchschaut hatte. Er würde es mitspielen und antwortete: „Mir ist es eine Ehre, Sir, und ich hoffe, dass ich ihre Erwartungen erfüllen kann.“ Seine Kenntnis der englischen Sprache waren inzwischen so gut, dass er solche Sätze problemlos formulieren konnte, auch wenn er viele Redewendungen nicht begriff.
Nur ergriff Major Fitzgerald das Wort. „Darf ich mir die Freiheit nehmen, die Gentlemen einander vorzustellen?“ Er machte eine Pause. „Mr. Mabembwe,“ er zeigte auf die Schiffsoffiziere und stellte sie der Reihe nach vor. „Dies ist James Landlow, Kapitän James Landlow.“ Er zeigte auf den Mann der ihm begrüßt hatte. An seiner Seite stand ein anderer. „Und hier ist Mr. Jefferson, Erster Offizier an Bord. Der andere Herr ist Lieutnant McParsen. Wir beide sind uns ja schon seit längerem bekannt.“
Nun ergriff wieder der Kapitän das Wort. „Genug der langen Rede. Ich habe ein Dinner vorbereiten lassen. Daher bitte ich sie alle zu Tisch.“ Jetzt erst sah der Schamane dass an der Seite ein Tisch aufgebaut war, beladen mit allerlei Früchten und gebratenem Fleisch.
Er dachte daran, wie schwer es manchmal für die Leute seines Dorfes war, nur Nahrungsmittel für die nächsten Tage zu beschaffen, egal ob bei der Jagd oder beim Sammeln. Bei den Engländern herrschte offensichtlich ein gewaltiger Überfluss und N’Kulu Mabembwe fragte sich wo der herkam. Die Stimmung beim Essen empfand er irgendwie angespannt und wusste nicht zu sagen warum. Bis ihn der Kapitän direkt ansprach. „Mr. Mabembwe, es geht das Gerücht, sie hätten Wissen, das sie nicht mit jedem teilen?“ „Wissen? Oh ja, ich weiß viel. Wenn man so lange gelebt hat wie ich dann sammelt sich schon einiges an.“ „Das meinte ich nicht. Ich meinte, Wissen das über das hinausgeht, was allgemein bekannt ist.“ N’Kulu Mabembwe verstand sehr gut, auf was der Kapitän hinaus wollte, denn der Vorfall mit dem Leoparden dürfte der Major ihm erzählt haben. Dennoch sagte er: „Wissen sie Kapitän, ich bin Schamane meines Dorfes und habe daher Wissen über die Götter und die Welt, die viele nicht verstehen, obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, wie alles zusammenhängt. Nur würden sie, wie die Meisten, die Worte eines Schamanen nicht verstehen können.“ „Nun, Mr. Mabembwe ich bin Kapitän dieses Schiffes und als solcher muss ich wissen, ob es irgend etwas geben könnte, was die Sicherheit meines Schiffes gefährden könnte.“ „Da kann ich sie beruhigen, es gibt nichts, was das Schiff betrifft.“
Der Blick des Kapitäns war eine Mischung aus Misstrauen und Verachtung und nur sein Status als königlicher Gast verhinderte wohl, dass der Kapitän ihn über Bord werfen ließ.
Doch vorläufig würde er sich an den Major halten, denn ausser den Soldaten, mit denen er hierher gekommen war, war das die einzige Person, die er näher kannte und mit der er halbwegs auskam.
Am nächsten Abend setze er sich backbord auf eine Taurolle und betrachtete den Sonnenuntergang. Blutrot versank die Sonne in den Fluten. Was für ein erhabenes Schauspiel!
Die Küste war schon am Abend des Vortages hinter dem Horizont verschwunden und sie waren nun allein auf hoher See.
Da hörte er ein lautes Quieken. Als er sich danach umdrehte, sah er ein kleines pelziges Tier über die Planken rennen, offensichtlich in Panik. Es lief direkt auf die Taurolle zu. Plötzlich stoppte das Tier und rannte in Richtung Reling. Der Schamane konnte sich keinen Reim auf das Verhalten des Tieres machen oder wo es überhaupt hergekommen war. Er wunderte sich darüber, dass es überhaupt Tiere auf dem Schiff gab, bisher hatte er keines gesehen. Eine Bewegung neben der Taurolle erregte seine Aufmerksamkeit. Eine zweite etwas weiter weg. Dann wurden zwei gelbe Augen sichtbar und ein pelziges Gesicht. Die Augen fixierten das kleine Pelztier an der Reling. Und jetzt wurde auch der Verursacher der ersten Bewegung sichtbar.
Das waren doch zwei Katzen! Katzen auf einem Schiff! N’Kulu Mabembwe hatte geglaubt, dass es nun nichts Überraschendes mehr geben würde, doch nun sah er auf diesem riesigen Schiff zwei Katzen! Fasziniert beobachtete er, wie die beiden Katzen um das Pelztier herumschlichen. Dieses war in die Enge getrieben und konnte nicht mehr entkommen.
Dann setzte eine der Katzen zum Sprung an und erwischte auch sofort das Pelztier. Doch statt es sofort zu töten, ließ die Katze es wieder los. Es rannte einige Schritte um dann sofort wieder gepackt zu werden. Der Schamane kannte dieses Verhalten. Die Raubkatzen der Savanne machten das oft, um ihre Jagdmethode zu üben. Die Katzen auf der WAVESCOUT waren da auch nicht anders. „Ja, diese Biester sind eine wahre Plage. Ohne Carlos und Silly würden sie uns das Essen vom Teller klauen.“ hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Er drehte sich danach um und da stand der Maat und grinste die beiden Katzen an.
„Oh Sir, ich habe sie nicht kommen hören, entschuldigen sie.“ sagte N’Kulu Mabembwe. „Carlos und Silly, sind das die Namen der Katzen?“ „Ja, und wie sie sehen können, sind beide sehr erfolgreich bei der Bekämpfung der Rattenplage.“ „Ratten? Nennt man das kleine Tier so? darüber müssen sie mir mehr erzählen.“ N’Kulu Mabembwe kannte zwar lästige Savannenbewohner, die sich auch manchmal über die Lebensmittel in ihren Hütten hermachten und die eine gewisse Ähnlichkeit mit dieser Ratte hatten, doch eine Ratte wie die hier hatte er bis jetzt nicht gesehen. Inzwischen hatten Carlos und Silly die Ratte getötet und begannen, sie zu verschlingen. Der Maat kniete nieder und streichelte den beiden Katzen über den Kopf. Die ließen sich nicht von ihrer Malzeit abbringen.
Die Tage waren eintönig und der Schamane vermisste das Dorf, die Savanne und vor allem die Tiere sehr. Auf dem Schiff gab es keinerlei Ablenkung, immer der gleiche Trott. Und ringsherum nur diese unendliche Menge Wasser. Nicht einmal trinken konnte man es!
Zu gerne hätte N’Kulu Mabembwe irgend etwas getan, beispielsweise den Matrosen geholfen. Doch der Kapitän hatte ihm klargemacht, dass dieses zum einen sehr gefährlich wäre, da er keine Erfahrung mit Schiffen hätte, und zum anderen wäre er auf Einladung der Queen Victoria hier und somit also Gast auf der WAVESCOUT. Und Gäste, vor allem Gäste der Queen, brauchten niemals zu arbeiten. Also lehnte er sich an die Reling und schaute traurig aufs Meer hinaus. Die Wellen waren hoch und oben bildeten sich Schaumkronen.
Eine der Schaumkronen sah seltsam aus. Als würde sich etwas im Wasser bewegen. Plötzlich schoss ein Wasserstrahl senkrecht in die Höhe und ein unglaublich riesiger schwarzer Körper schob sich an die Wasseroberfläche und tauchte dann wieder ab. Eine Schwanzflosse, so gross wie mehrere Männer, peitschte das Wasser, bevor sie in den Fluten versank. Ein Fisch konnte das nicht gewesen sein, denn N’Kulu Mabembwe kannte zwar die Fische in den Flüssen, aber die waren meistens kaum grösser als seine Hand. Ausserdem war die Schwanzflosse wagrecht und nicht senkrecht, wie bei den Fischen, die er kannte. Was da gerade abgetaucht war, war so gross wie das ganze Schiff und der Schamane fragte sich, was für wundersamen Wesen er auf dieser Fahrt noch alles begegnen würde.
Der Wind frischte immer mehr auf. Die Wellen waren mehr als mannshoch und das Schiff begann fürchterlich zu schaukeln. Der Mannschaft und auch den Soldaten machte das nichts aus, offensichtlich waren sie das gewohnt. Nicht jedoch N’Kulu Mabembwe. Er hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben und musste sich, wo es auch ging, irgendwo festhalten. Zu allem Überfluss rebellierte auch noch sein Magen ob dieser fürchterlichen Schaukelei. Irgendwann konnte er es nicht mehr halten. Er hielt sich an der Reling fest und übergab sich über die Bordwand. Noch nie hatte er sich so elend gefühlt. Einer der Matrosen fand ihn, wie er da so an der Reling zusammengekauert hockte, ein Häufchen Elend und kreidebleich. „Sir, Sir, geht es ihnen nicht gut?“ fragte er überflüssigerweise. „Warten sie, ich helfe ihnen, dann bringe ich sie in ihre Kabine.“
Drei Tage lag der Schamane in seiner Koje. Essen mochte er nichts, denn er war alles andere als hungrig, obwohl sein Magen leer war. Eine solche Krankheit kannte er nicht und wusste daher auch kein Mittel dagegen. Der Schiffsarzt hatte ihm erklärt, dass dies die Seekrankheit wäre, die oft bei den so genannten „Landratten“ auftreten würde. Aber er hatte ihn beruhigt, es sei kaum lebensgefährlich und er würde bald wieder auf die Beine kommen. N’Kulu Mabembwe hielt zwar nicht viel von der Medizin der Engländer, doch es blieb ihm in seiner augenblicklichen Lage nichts anderes übrig, als dem Bordarzt zu vertrauen. Ausserdem ging es ihm langsam wieder besser.
Also begab er sich wieder auf das Deck, denn ich der geschlossenen Kajüte fühlte er sich einfach unwohl. Wieder sah er dem Spiel der Wellen zu, wie schon so oft.
Da war etwas im Wasser, ein doppelt mannslanger silbriger Körper unter der Wasseroberfläche. Erst dachte er, es wäre eine kleinere Ausgabe des Riesenfisches
Es war eine ganze Gruppe. Die silbrig glänzenden Leiber schossen elegant aus dem Wasser und platschten wieder zurück. Er beschloss, jemand zu fragen, was das für Wasserbewohner wären. Delphine wären das, gab ihm einer der Matrosen Auskunft. Sie würden oft Schiffe begleiten und es gäbe sogar Berichte, dass Delphine Menschen vor dem Ertrinken oder vor Haien gerettet worden wären. Er erfuhr auch einiges über die Haie. Riesige Fische waren das und sie waren immer hungrig und daher von allen Seeleuten gefürchtet.
Da waren ihm die Delphine schon lieber. Er schaute ihnen zu, wie sie neben der WAVESCOUT schwammen und ihre Spiele trieben.
Ein ganzes Stück Weges wurden sie so von den Delphinen begleitet.
Wieder begannen ereignislose Tage
Doch dann erschien ein Punkt in der Luft und wurde schnell grösser.
Ein Seevogel, ein riesiger Seevogel. Der Vogel war wirklich sehr groß und hatte ein weises Gefieder. „Das ist ein Albatros.“ Erklärte ihm der Erste Maat. „Es heisst, es würde Unglück bringen, wenn man einen Albatros tötet.“ Er machte eine Pause, dann rezitierte er:
„Weh mir Frevler, daß ich schoß
den Schicksalsvogel Albatros.
Dreimal wehe, daß ich traf,
denn nun trifft mich des Schicksals Straf’!"
Der Albatros segelte in der Höhe weiter auf ein Ziel zu, dass wohl nur er selbst kannte.
Der Wind wurde rauer und es zogen Wolken auf. Der Kapitän erklärte ihm, dass ein Sturm aufkäme und er in seine Kajüte gehen solle. N’Kulu Mabembwe wunderte sich darüber, denn eigentlich war es noch lange hin bis zur Regenzeit. Allerdings wurde ihm auch bewusst, dass das Schiff wieder so gewaltig schlingern würde, dass er vielleicht wieder krank davon würde.
Noch war es nicht soweit und er wollte sehen, was da passierte. In seiner Kajüte wäre er schnell, sollte es notwendig sein. Dann begann es zu regnen. Immer heftiger wurde der Regen und der Wind schlug urplötzlich mit gewaltigen Böen gegen die WAVESCOUT.
Es wurde ein scharfer Befehl gerufen. Fast alle Matrosen kletterten im strömenden Regen in die Wanten und begannen eiligst die Segel zu reffen.
Der Erste Offizier kam, gegen den Wind ankämpfend, auf ihn zu.
„Mr. Mabembwe, suchen sie sofort ihre Kajüte auf. Das ist ein Befehl des Kapitäns. Es wird gefährlich hier draussen!“
Der Schamane hätte jetzt auch ohne die Anweisung des Kapitäns seine Kajüte aufgesucht. Denn hier draussen wurde es ziemlich ungemütlich.
So etwas hatte er noch nie erlebt. Der Regen peitschte fast horizontal gegen das Schiff, welches sich immer wieder in eine gefährliche Schräglage legte. Das war kein Schaukeln mehr, das war der Weltuntergang. Die ungeheure Lautstärke des tobenden Sturmes übertönte alle anderen Geräusche. Nur zwischendurch ließ der Krach für ganz kurze Zeit nach, dann hörte man das Ächzen und Knarren der Bohlen und Planken. N’Kulu Mabembwe kam es vor, als könne das Schiff jeden Moment zerbrechen. Endlich erreichte er seine Kajüte. Der Sturm riss ihm fast die Tür aus der Hand, als er sie öffnete. Schließen konnte er sie nur mit Mühe, so sehr drückte der Wind durch den Eingang. Alles war total durchnässt. N’Kulu Mabembwe hatte oft Unwetter in der Savanne erlebt, doch so etwas wie dieser Sturm übertraf alles, was er befürchtet hatte.
Den ganze Tag und die darauffolgende Nacht tobte der Sturm. N’Kulu Mabembwe schickte viele Gebete zu den Göttern.
Endlich, am Morgen ließ der Sturm nach und hörte nach kurzer Zeit ganz auf. Es wurde totenstill. Der Schamane wollte nun nachsehen wie es draussen aussah. Vorsichtig öffnete er die Kajütentür. Die See lag völlig ruhig da, als hätte es nie einen Sturm gegeben.
In den folgenden Tagen war die Mannschaft damit beschäftigt, die Schäden, die der Sturm hinterlassen hatte, so gut es ging auszubessern.
Der Wind hatte etwas aufgefrischt und sie machten gute Fahrt.
Etwas tauchte am Horizont auf. Der Kapitän und der Erste Offizier standen auf der Brücke. Der Kapitän hatte ein glänzendes Rohr in den Händen durch das er in die Ferne blickte. Langsam kam das Etwas am Horizont näher. Jetzt konnte N’Kulu Mabembwe Segel erkennen. Es war ein anderes Schiff, das aber nicht direkt auf sie zuhielt. Erst jetzt sah der Schamane ein Schiff unter vollen Segeln, hier auf der WAVESCOUT konnte er ja nie das ganze Schiff sehen. Irgendwie sah es gewaltig und mächtig aus. Er fragte sich schon seit längerem, ob der König der Tiere das alles wusste, denn er kümmerte sich nur um die Menschen, wenn es auch die Tiere betraf. Plötzlich wurden Befehle gerufen und die Matrosen rannten unter Deck. Klappen an der Seite der Bordwand wurden hochgezogen und zum Erstaunen des Schamanen, schoben sich Metallrohre daraus hervor. Er roch mit einem Mal offenes Feuer. Immer noch standen der Kapitän und der Erste auf der Kommandobrücke. Immer wieder rief der Kapitän Befehle. Zwischenzeitlich waren die Soldaten mit geladenen Gewehren gekommen und duckten sich hinter die Reling. Alle waren angespannt und niemand achtete auf den Schamanen. Der Steuermann drehte wie wild am Ruder und endlich wendete die WAVESCOUT, weg von dem fremden Schiff. Die Anspannung ließ erst nach, nachdem dieses hinter dem Horizont verschwunden war und die WAVESCOUT wieder auf ihren alten Kurs ging. Die Metallrohre wurden wieder zurückgezogen und die Klappen geschlossen. N’Kulu Mabembwe fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte.
„Das war ein spanischer Freibeuter.“ wurde er aufgeklärt, „Er hat sich wohl eine andere Gegend für seine Kaperfahrt ausgesucht. Ausserdem hätte er gegen ein britisches Kriegsschiff wie die WAVESCOUT wenig Chancen gehabt.“ N’Kulu Mabembwe war beunruhigt. Zwar konnte er sich unter einem „spanischen Freibeuter“ nichts vorstellen, doch er begriff, dass die scheinbar so mächtigen Briten ganz offensichtlich Feinde hatten. Er hatte zuhause die Wirkung der Gewehre gesehen und fragte sich, was für fürchterliche Waffen die Briten sonst noch besaßen. Er dachte an die vielen Metallrohre unter Deck und fragte sich, ob des nicht ins riesenhafte vergrösserte Gewehre waren. Wenn dem so war, mochte er sich die Auswirkungen eines Kampfes lieber nicht vorstellen und war froh, dass es nicht dazu gekommen war.
Der Freibeuter war verschunden und sie setzten die Fahrt fort.
Es war deutlich kühler geworden. Irgendwann erschien am Horizont eine dunkle Linie und kam langsam näher. Das war eine Küste. Darauf steuerten sie zu.
Als sie am nächsten Tag näher kamen sah N’Kulu Mabembwe dass dort ein Hafen war mit sehr vielen Schiffen.
Der Hafen aus dem sie abgefahren waren, war N’Kulu Mabembwe schon groß vorgekommen, doch dieser hier war wahrhaft riesig. Und wie der Major erzählt hatte, war dieser Hafen, der Southampton genannt wurde, nur einer von viele Häfen in diesem Land Großbritannien.
In langsamer Fahrt liefen sie in den Hafen ein.
Er staunte nur noch. Die vielen Schiffe aller Größe. Diese riesige Gebäude. Und Menschen, überall Menschen. In der Steppe konnte man tagelang laufen, ohne jemanden zu treffen, doch hier war es unmöglich, anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Überall waren auch diese Kutschen, die von Pferden gezogen wurden.
Stunden vorher schon hatte er sich mit Carlos und Silly für kurze Zeit in seine Kajüte zurückgezogen. Er wollte sich von den beiden Katzen, mit denen er in der Zwischenzeit gut Freund geworden war, verabschieden. Doch dann, wie unter einem fremden Zwang, holte er das Elfenbeinstück hervor und zeigte es den Katzen. Schlagartig veränderte sich das Verhalten der Beiden. War es vorher noch eine vorsichtige Freundschaft gewesen, wie sie unter Katzen üblich ist, so schauten sie nun den Schamanen an, als wäre er ein schon seit langer Zeit vertrauter Freund und Verbündeter. Sie rieben sich an ihm und leckten ihn ab, was ja bei Katzen als höchstes Maß an Zuneigung gilt. Da hörte er die Stimme des Majors der nach ihm rief. „So, ich werde nun gehen müssen.“ sagte er zu Carlos und Silly, „doch vergessen werde ich euch nicht.“ Als Antwort kam von beiden ein kräftiges „Miau“.
N’Kulu Mabembwe ging an Deck.
Das Fallreep, auch Katzensteg genannt, wurde gerade abgelassen. Kapitän Landlow und Major Fitzgerald standen oben an der Reling und beobachteten den Vorgang. N’Kulu Mabembwe gesellte sich zu ihnen.
Dann hob der Kapitän einladend die Hand und sagte, an den Schamanen gewand: „Mr. Mabembwe, im Namen von Queen Victoria heiße ich sie willkommen im Vereinigten Königreich Großbritannien.“ Er und der Major schritten das Fallreep hinunter. N’Kulu Mabembwe folgte ihnen. Und so betrat der Schamane N’Kulu Mabembwe endlich britischen Boden.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:43

Das Elfenbeinsiegel – die Stadt

In der Nähe wartete eine Kutsche. Eine unglaubliche Menge Leute waren auf den Kais und gingen ihrer Beschäftigung nach. Schauerleute löschten Fracht oder verstauten neue an Bord, Männer in vornehmen Anzügen machten Geschäfte, Fischer hievten ihren Fang von Bord oder sassen am Kai und reparierten ihre Netze. Es roch nach Tang und Teer. Man hörte Gesang und das Grölen betrunkener Matrosen, sah Offiziere mit bunten Uniformen ins Gespräch vertieft. Hafenmädchen boten ihre Dienste an, Marktschreier ihre Waren.
Für N’Kulu Mabembwe präsentierte sich alles als riesiges Chaos. Er war kurz davor, einfach wegzulaufen und sich irgendwo zu verkriechen.
Dann erreichten sie die Kutsche. Immer noch hörte er laut und deutlich das Geschrei und den Lärm, doch hier drin war es irgendwie ausgesperrt. Major Fitzgerald war zu ihm in die Kutsche gestiegen. Er rief dem Kutscher etwas zu und die Kutsche rumpelte über Kopfsteinpflaster aus dem Hafen und der Stadt. Der Schamane wurde gehörig durchgeschüttelt, doch so schlim wie auf dem Schiff war es nicht.
Endlich hatten sie die Häuser hinter sich gelassen und N’Kulu Mabembwe sah grüne Wiesen und Felder. Die sahen zwar völlig anders aus, als die Savanne seiner Heimat, trotzdem vermeinte er, darin etwas vertrautes zu erkennen. Und vor allem, diese Stille, nur durch das Geräusch der fahrenden Kutsche unterbrochen. Die erste Zeit hing jeder seinen Gedanken nach. Immer wieder führte ihr Weg sie durch Ortschaften und der Schamane erkannte, wie groß dieses Britannien wirklich war und wie viele Briten es gab. Jede, selbst die kleinste Ortschaft, war gösser als sein Dorf und das war etwas, das ihm schon zu schaffen machte.
Der Kutscher trieb die Pferde an und noch vor den Abend erreichten sie immer grössere Ortschaften, bis sie schließlich inmitten eines Häusermeeres waren.
Dies, so erklärte ihm Major Fitzgerald, sei die große Stadt London, der Mittelpunkt des Britischen Empires und Sitz der Königin Victoria.
N’Kulu Mabembwe staunte nur noch. Diese vielen neuen Eindrücke in so kurzer Zeit konnte er kaum noch verkraften. In seiner Heimat ging alles seinen geruhsamen Gang und nur selten änderte sich etwas. Hier war alles im Fluss und zudem unbekannt. Die Gebäude waren wahrhaft riesig und manche hatten Türme, von denen er meinte, sie würden in den Himmel ragen. Dann ging es über einen breiten Fluss auf dem viele Schiffe waren. Der Major erklärte:
„Dieser Fluss wird Themse genannt. Er ist nicht so groß wie manche Flüsse in deiner Heimat, doch er ist einer der wichtigsten Handelswege in England.“ Sicher war der Fluss nicht der grösste, doch viele Schiffe fuhren darauf und andere waren an den Kais festgemacht. Doch so groß wie der Hafen von Southampton war der Hafen hier nicht.
Endlich hielt die Kutsche vor einem großen Haus. Major Fitzgerald erklärte ihm, dass dies eines der Stadthäuser wäre, die einem Lord Gregory gehörten. Den Lord selbst würde er zur gegebenen Zeit persönlich treffen. Inzwischen war es fast dunkel geworden, doch im restlichen Licht des Tages konnte er zwei Männer erkennen, die mit einer Stange hantierten. Schon vorher waren ihm Masten aufgefallen, die in regelmäßigen Abständen an der Strasse aufgestellt waren, doch er hatte nicht ergründen können, zu was die gut sein sollten. Und gefragt hatte er nicht. Doch jetzt sah er es. An der Spitze der Stange war eine kleine Flamme, welche die Männer hochhoben, so dass sie das Ende eines der Masten erreichten. Dort war eine Art Glaskasten, ähnlich den Schiffslaternen. Plötzlich strahlte helles Licht von der Spitze des Mastes und die beiden Männer gingen zum nächsten Mast. In kurzer Zeit war die nächtliche Strasse hell erleuchtet. Er wurde in das Haus geleitet und von einem Butler in Empfang genommen. Ein Zimmer mit einem Bett darin, wie es die Engländer benutzten, wurde ihm zugewiesen. Er mochte diese Betten nicht, sie waren viel zu weich, daher zog er es vor, auf dem Boden zu schlafen und hoffte, dass er damit nicht gegen einige gute Sitten verstieß.
In den folgenden Tagen und Abenden wurde er vielen Leuten vorgestellt, die anscheinend wichtig waren und musste viele Fragen beantworten doch, manchmal sehnte er sich einfach nach Ruhe. So gewöhnte er sich an, ausgedehnte Spaziergänge durch London zu unternehmen. Denn es gab auch Gegenden in London, in denen keine Häuser standen und die zur Erholung dienten. Eine solche Gegend nannte sich Hyde Park und N’Kulu Mabembwe begab sich oft dorthin, er liebte das Grün und die Bäume.
An einem dieser typischen Londoner Nebeltage war er wieder auf dem Weg dorthin.
Etwas Kleines kam im Nebel nur schlecht erkennbar auf ihn zu.
Es war schon ziemlich nahe, als er sehen konnte was es war.
Eine Katze war das, aber mit seltsamen Fellfarben. Sie hatte ein schwarz-weiss-rot geflecktes Fell und sie lief ganz selbstverständlich und ohne Scheu an den Häuserwänden entlang.
Er blieb stehen. Die Katze kam ohne ein Anzeichen von Angst auf ihn zu. Sie strich ihm zur Begrüssung um die Beine und setzte dann ihren Weg fort, so als sei es ganz selbstverständlich, dass sie den Schamanen getroffen hatte. Irgendwie hatte N’Kulu Mabembwe fast den Eindruck, als sei er von der Katze erwartet worden. Er wollte noch einmal nach ihr schauen, doch sie war schon weg.
Immer öfter sah er in der Folgezeit Katzen, in allen möglichen Fellfarben. Viele streunten heimatlos durch London, doch ebenso viele lebten bei den Menschen in ihren Häusern. N’Kulu Mabembwe dachte an die Erzählung von Lilith und Sandfell und daran, wie sie zu den Menschen gegangen waren, vor so langer, langer Zeit. Und mit der Zeit kam es ihm so vor, als würden die Katzen in den Londoner Strassen ihn beobachten oder vielmehr überwachen. Eigentlich wusste er, dass dies Unsinn war, doch nach dem Erlebnis bei den Tieren und am Grab im Fluss hielt er nichts mehr für unmöglich. Doch wenn dem tatsächlich so war, warum machten sie das? Reichte die Macht des Königs der Tiere sogar bis in das Reich der Königin Victoria? Er hielt das nicht für ausgeschlossen. Denn Victoria brauchte, um ihre Herrschaft auszuüben, einen Hofstaat, einen Titel, Soldaten, Beamte und vieles mehr. Der Löwe brauchte das alles nicht, er war frei und er war eine Katze. Er war der König und auch ohne jeden Titel mächtiger als alle Menschenkönige zusammen. Denn wie der Schamane in seiner Heimat, so lebte der König der Tiere im Einklang mit der Natur. Natürlich war er eine Raubkatze, doch er nahm sich nur, was er und die Seinen zum Überleben brauchten, anders als die Engländer, die nie genug bekommen konnten. Also freundete sich N’Kulu Mabembwe mit der Zeit mit einigen Katzen an, die hier in der Gegend bei verschiedenen Menschenfamilien lebten.
Es war Sommer und die Nächte waren, was in London selten war, sternenklar. Und heute Nacht würde Vollmond sein. An diesem Abend war er wieder einmal auf einem seiner häufigen nächtlichen Spaziergänge, als er schnelle Schritte hinter sich hörte. Er war zwar gewarnt worden, dass sich viel lichtscheues Gesindel in der Stadt herumtrieb, doch bisher war nichts passiert, daher hatte er die Warnung einfach in den Wind geschlagen. Die Schritte wurden schneller. Er war jetzt in einer Seitengasse, wo keine Gaslichter brannten, nur der Vollmond beleuchtete die Gegend mit fahlem Licht. „Na, wen haben wir den da?“ hörte er eine Stimme. „Hast wohl etwas zu verbergen in deinem schönen Tuch, oder wie sehe ich das?“ Die Stimme war jetzt direkt neben ihm. Eine hagere Gestalt hielt ihn an der Schulter fest, so dass er sich nach ihr umdrehen musste. N’Kulu Mabembwe war Schamane, kein Kämpfer und der Fremde hielt ein großes Messer auf ihn gerichtet. Das Gesicht konnte er in dem düsteren Licht nicht erkennen. „Dann wollen wir doch mal sehen, was einer wie du so bei sich trägt. Los, ausziehen!“ herrschte ihn der Fremde an. Der Schamane wusste nicht was er tun sollte. Am besten folgte er den Anweisungen, das Messer sprach eine deutliche Sprache.
Er wollte schon den obersten Knoten an seinem Gewand lösen, als etwas furchtbar schnelles aus der Dunkelheit in das Gesicht des Fremden flog. Der fluchte erst, dann schrie er in Panik. Das Ding hing in seinem Gesicht und hieb dort mit wahnsinnig schnellen Bewegungen auf den Fremden ein, genaues konnte N’Kulu Mabembwe nicht erkennen. Endlich ließ das Ding von dem Fremden ab. Der drehte sich um und rannte schreiend die Gasse hinunter. Alles was der Schamane verstand, war: „Der Teufel, der Teufel, hilfe, so helft mir!“ Langsam kam N’Kulu Mabembwe wieder zur Besinnung. Das Ding hockte jetzt auf dem Boden und leckte sich die Pfoten. Es war eine Katze, wie der Schamane jetzt erkennen konnte. Eine Katze hatte den Räuber in die Flucht geschlagen! Oder vielmehr ein Kater, wie er jetzt erkennen konnte. Der hatte seine Putzaktion beendet und strich ihm um die Beine. Er kniete zu ihm nieder und strich ihm über den Kopf. „Der König der Tiere hat dich geschickt, nicht war? Du sollst über mich wachen? Oder ist alles nur ein Zufall?“ Der Kater schaute ihn nur an. Dann ließ er ein lautes „Miau“ hören, rieb den Kopf noch einmal an des Schamanen Hand und lief einige Schritte. Dann blieb er stehen und schaute den Schamanen an. Der folgte dem Kater. Endlich erreichte das seltsame Paar wieder eine beleuchtete Straße. Der Kater lief nun schneller, so als hätte er seine Aufgabe erledigt und könne N’Kulu Mabembwe nun alleine lassen. Doch der folgte dem Kater so gut er konnte, denn er wollte einfach wissen wo er herkam. Im Schein der Gaslaternen sah er, dass der Kater graugetigert war. Er hatte schon viele Katzen in London gesehen, doch diesen graugetigerten Kater noch nie. Immer wieder bog er in eine Seitengasse ein und mehrmals sprang er über eine Mauer, so dass ihm N’Kulu Mabembwe nur sehr schwer folgen konnte. Irgendwann bog der Kater in einen Hinterhof ein. Schon von weitem hatte der Schamane ein vielstimmiges Maunzen gehört und sich gefragt, was das zu bedeuten hatte.
Im Licht des Sommervollmondes sah er es. Da waren Katzen, vielleicht zwanzig oder mehr. Sie standen, saßen oder lagen auf altem Gerümpel und Dingen, welche die Menschen weggeworfen hatten. Sie veranstalteten diese Katzenmusik. Jetzt konnte der Schamane die Katzen besser erkennen. Alle Fellfarben und Grössen waren vertreten und er meinte einige Katzen zu sehen, die er kannte. Da waren junge, alte, mit langem oder kurzem Fell. Ein junger schwarzer Kater rannte quirlig herum, während ein roter gemessenen Schrittes um einige alte Eisenteile schritt. Zwei schwarzgelb getigerte tollten herum und stellten allerlei Unfug an. Die Beiden kannte er, sie schienen bei einer betuchten Familie am Victoria Grove zu leben. Auffällig war auch eine ganz weisse junge Katze, die mit tänzelnden Schritten zwischen den anderen hindurchging. Ein sehr grosser langhaariger Kater stand auf einem Fass und beobachtete das Ganze, während ein sehr dicker Schwarzer mit weißen Pfoten faul auf altem Gerümpel lag. Ein weiterer, sichtlich alter Kater, schien sozusagen der Wortführer zu sein. Nun kannte N’Kulu Mabembwe die nächtlichen Versammlungen der Katzen und wusste wie das ablief. Doch hier war es anders. Die Katzen miauten laut durcheinander und erst als der Graugetigerte sich zu ihnen gesellte, wurde es still. Nun verlief die Versammlung so, wie er es kannte. Die Katzen saßen ruhig da, schauten sich gelegentlich an und blieben ansonsten still. Nach geraumer Zeit löste sich die Versammlung auf und die Katzen liefen in verschiedene Richtungen davon. Auch N’Kulu Mabembwe machte sich auf den Heimweg.
Die seltsame Rettung vor dem Überfall und diese mysteriöse Katzenversammlung gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er wünschte sich den Löwen herbei um ihn fragen zu können, was das bedeutete. Doch der Löwe war weit weg und er wusste, dass dies nur ein Wunschtraum war. Zurück in seiner Unterkunft empfing ihn der Butler mit den Worten: „Sie kommen spät Sir. Ich habe eine Botschaft für sie.“ Er reichte ihm einen Brief mit dem Siegel der Queen Victoria.
Aufgeregt öffnete N’Kulu Mabembwe den Umschlag. Es hatte zwar auf der Reise ein wenig lesen gelernt, der Schiffsarzt hatte ihm so einiges beigebracht, doch nur sehr wenig, ihm fehlte einfach die Zeit.
Doch er konnte schon entziffern, was in dem Schreiben stand. Es war eine Einladung für den nächsten Tag. Nicht irgend eine Einladung, sie kam aus dem Buckingham Palast.
Er hatte eine Audienz bei Königin Victoria.
Am nächsten Morgen war er ganz aufgeregt und unterhielt sich mit dem Butler. Der konnte ihm zwar viele Ratschläge geben, doch das verringerte nicht die Nervosität des Schamanen.
Um die Mittagszeit wurde er abgeholt.
Die Fahrt ging durch ganz London bis ins Zentrum. Endlich erreichte die Kutsche den Palast. Vor dem Eingang zum Palastpark standen zwei Wachen in roten Uniformen und sehr hohen Kopfbedeckungen aus Fell. Sie standen so absolut still, dass N’Kulu Mabembwe fast glaubte, es wären Statuen. Das schmiedeeiserne Tor wurde von zwei Lakaien geöffnet.
Viele Kutschen standen vor dem Palasteingang, Diener und andere Bedienstete waren damit beschäftigt, Gepäck auszuladen. Leute in vornehmen Livrees gingen gemessenen Schrittes auf den Eingang zu, wo sie von anderen Dienern begrüsst wurden. N’Kulu Mabembwe kam sich völlig deplaziert vor und am liebsten wäre er wieder umgekehrt.
Dann war er endlich im Palast und seine Anspannung legte sich ein klein wenig.
Die Leute standen in Gruppen und unterhielten sich. Ein Herr mittleren Alters wurde auf ihn aufmerksam und kam auf ihn zu.
„N’Kulu Mabembwe? Sehr erfreut ihre Bekanntschaft zu machen.“ Er reichte dem Schamanen die Hand. Der ergriff sie verwirrt.
„Wir sind uns noch nicht begegnet. Darum darf ich mich vorstellen. Ich bin Lord Gregory, Mitglied des Oberhauses.“ N’Kulu Mabembwe hatte sich zwangsläufig mit den Institutionen in Großbritannien vertraut machen müssen, daher wusste er, dass das Oberhaus eines von zwei Parlamenten hier war. Doch so genau konnte er sich das nicht vorstellen. In seiner Heimat gab es ihn selbst und Ras Bunumai als Häuptling und das war es dann.
„Wie finden sie Großbritannien, Mr. Mabembwe?“ fragte der Lord. „Nun eure Lordschaft, sehr interessant, obwohl noch sehr vieles fremd für mich ist.“ „Das will ich glauben, das will ich glauben. Doch man hört, ihr Land sei reich an Bodenschätzen?“ kam der Lord direkt zur Sache. „Bodenschätze? Was ist das? Mir ist nichts von irgendwelchen Schätzen im Boden bekannt.“ „Nun, ich meine Kupfer oder besser Gold und sogar Diamanten. Unsere Geologen haben Anzeichen dafür gefunden, dass es so etwas bei ihnen gibt. Auch andere Dinge sind für uns immer interessant, beispielsweise Elfenbein. Daher würde ich im Namen der Queen ihnen gerne ein Angebot unterbreiten.“ Bei N’Kulu Mabembwe ging bei diesen Sätzen sofort alles auf höchste Alarmstufe, denn er kannte inzwischen die Gier der Briten. Doch er versuchte mit Worten auszuweichen, ohne unhöflich zu wirken. Sie wurden jedoch durch einen Glockenschlag unterbrochen. Ein Diener war vor die Tür des Thronsaales getreten und stampfte mehrmals mit einem Stock auf den Boden, wobei er ausrief: „Ihre Majestät, die Königin, lässt bitten.“
N’Kulu Mabembwe blieb hinter dem Lord, er hätte sonst nicht gewusst, wie er sich zu verhalten hatte. Nur kam es nicht, wie er sich erhofft hatte, zu einem längeren Gespräch zwischen ihm und der Queen, obwohl er ja eigentlich als Botschafter seines Landes hierher gereist war. Er war einer von Vielen, die der Queen vorgestellt und von ihr begrüßt wurden und das war bereits alles.
Eigentlich hatte er sich, nach allem, was er von ihr gehört hatte, irgendwie erhabener vorgestellt. Doch sie war eigentlich eine eher kleine Person und mochte für Briten als durchaus hübsch gelten. Sie war in kostbare Kleidung gehüllt und ihre Begrüssung fiel aus, als hätte sie die Worte schon oft gesagt und würde nur wiederholen, was sie auswendig gelernt hatte. Eine unglaubliche Menge Leute waren im Thronsaal versammelt und fast alle begegneten der Queen mit Respekt. Nur einer, so schien es, traf sich sozusagen auf Augenhöhe mit ihr. N’Kulu Mabembwe hat seinen Namen nie erfahren, doch Lord Gregory erzählte ihm später, dass er aus einer ehemaligen Kolonie stammte die sich jetzt „Vereinigte Staaten von Amerika“ nannte und dort aus einer Gegend, die Maine hieß. Als er sich umwandte um sich wieder zu den Leute zu gesellen, sah er an der Seite des Thrones etwas, das in doch sehr in Erstaunen versetzte. Zwei weiße, langhaarige Katzen waren da, die ihn unverhohlen anblickten und niemals aus den Augen ließen. Sie musterten ihn ohne Scheu.
N’Kulu Mabembwe sah sich kurz um. Nein, die beiden Katzen blickten niemand anderen an, sie hatten nur ihn in den Augen.
Dem Schamanen lief ein Schaudern über den Rücken. Reichte die Pranke des Löwen sogar bis hierher, in das Zentrum der britischen Macht? Ihm wurde fast schwindelig bei dem Gedanken und der Lord musste ihn stützen. „Ja,“ meinte er, „vielen geht es so, wenn sie zum ersten mal vor der Königin stehen.“ N’Kulu Mabembwe beließ es dabei, denn er wollte nicht sagen, dass es nicht Victoria gewesen war, die ihn fassungslos hatte werden lassen, sondern die Katzen.
Auf der Rückfahrt zu seiner Unterkunft wurde er von Lord Gregory begleitet. Doch der Schamane verhielt sich sehr schweigsam und der Lord glaubte, dass dies auf den Eindruck zurückzuführen sei, den die Queen auf N’Kulu Mabembwe gemacht hatte. Doch der hatte ganz andere Gedanken. Immer wieder kam er auf Katzen zurück. Was hatte es damit für eine Bewandtnis? Sandfell war eine Katze gewesen, der König der Tiere war eine Katze, auf den Schiffen waren Katzen, selbst im Thronsaal der Königin waren Katzen und seit er in London war, hatte er immer wieder seltsame Erlebnisse mit Katzen gehabt. Sicher, es gab auch viele Hunde, Pferde und andere Tiere hier, doch die ignorierten ihn zumeist. Der Schamane beschloss, heute nacht darüber zu meditieren. Seine Faust umschloss das Elfenbeinstück, das er immer bei sich trug. Am nächsten Morgen war er trotz intensiver Meditation zu keinem Ergebnis gekommen.
Gegen Mittag hatte sich der Lord angekündigt. Er kam pünktlich zur angegebenen Zeit, denn er hasste es, zu spät zu kommen. Sie setzten sich in den Salon. Am Anfang wurden Höflichkeiten ausgetauscht und Smalltalk betrieben. Dann wurde der Lord deutlicher.
„Mr. Mabembwe, sie sind hier als Botschafter ihres Volkes. Damit sind sie doch mit umfassenden Vollmachten ausgestattet. Jedenfalls was Geschäfte aller Art mit ihrem Volk betrifft.“ Lord Gregory äusserte diese Worte nicht als Frage, sondern als Feststellung, so als ginge dabei um eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich nicht erwähnt zu werden brauchte, sondern nur zur Sicherheit noch einmal zur Sprache kam.
Nun verstand der Schamane wenig oder vielmehr gar nichts von „Geschäften“. In seiner Heimat kannten sie kein Geld wie hier, sie tauschten untereinander was sie hatten, ansonsten half jeder jedem. Daher antwortete er ausweichend. „Sir, wie ich ihnen schon sagte, weiß ich nicht, ob ich ihnen da von Nutzen sein kann. Denn ich kam zwar als Botschafter hierher, doch Vollmachten, wie sie sich das vorstellen habe ich nicht. Auch kann ich mir nicht vorstellen, was ich ihnen anbieten könnte, das für Großbritannien interessant wäre.“ „Nun.“ Antwortete der Lord, „Ich denke, über Details werden wir ein andermal verhandeln können. Für heute möchte ich eigentlich nur ihr Wort, dass sie bevollmächtigt sind, im Namen ihres Stammes zu sprechen.“ N’Kulu Mabembwe dachte nach. Ja sicher er war von Ras Bunumai gewissermaßen beauftragt worden, in seinem Namen zu handeln, jedoch hatte der Häuptling nicht wissen können, wie es bei den Briten wirklich zuging.
Also antwortete er sehr vorsichtig und ausweichend: „Ich bin sehr dankbar, dass sie es mir ermöglicht haben, hierher zu kommen. Zwar ist mir, wie ich schon sagte, nichts von irgendwelchen Schätzen, die in meiner Heimat sein sollen, bekannt, doch denke ich, dass wir durchaus zu einer Übereinkunft kommen könnten, wenn dem doch so sein sollte.“
Der Lord dachte nach. Offensichtlich hatte er schon mit so einer oder einer ähnlichen Antwort gerechnet. Er lächelte süffisant. Mit jedem Wort wurde der Lord dem Schamanen unsympathischer. Alles in ihm war auf Alarm gestellt. Doch er beherrschte sich, eine Konfrontation wollte er vermeiden, wer wusste schon, was dann geschah.
Möglicherweise hatte Lord Gregory ihn durchschaut, denn mit einem Lächeln sagte er:
„Ich möchte ihnen heute Abend jemand vorstellen, der vielleicht nicht nur meine Beweggründe, sondern auch die ihren verstehen könnte.“ Der Schamane sah ihn fragen an. „Oh, nicht hier.“ fuhr der Lord fort, „Ich bitte sie, heute Abend einer Einladung in meinen Club Folge zu leisten. Sie werden sehen, es wird ein lohnender Abend werden.“ N’Kulu Mabembwe war sich durchaus der Zweideutigkeit der Worte des Lords bewusst, doch geschickt überging er die Bemerkung. Die Einladung würde er annehmen müssen, er würde sie kaum ausschlagen können.
„Nun Sir, es ist mir eine Ehre, einen der berühmten Londoner Clubs besuchen zu dürfen.
Nur fürchte ich, dass ich ihre Erwartungen nicht so gut erfüllen kann, wie sie sich das wünschen.“
Der Lord erhob sich.
„Also dann, bis heute abend.“ verabschiedete er sich, einen sehr nachdenklichen N’Kulu Mabembwe zurücklassend.
Es begann bereits zu dämmern, als er sich auf den Weg in den Club des Lords machte.

*

Dies also war der Bericht N’Kulu Mabembwe’s
Natürlich hat er es mir nicht in einem Stück erzählt, sondern mit vielen Pausen, denn das Reden strengte ihn doch zu sehr an. Doch ich habe alles wahrheitsgetreu aufgeschrieben.
Der Medizinmann starb wenige Stunden, nachdem er seinen Bericht beendet hatte.
Sein wahres Alter habe ich nie erfahren.
Es mag sich nun derjenige, der diese Zeilen liest, fragen, ob das alles wahr ist. Denn zu unglaublich und fantastisch klingt die Erzählung. Bevor ich eines besseren belehrt wurde, habe ich mich oft gefragt, ob ich nicht einfach einem brillanten Lügenmärchen aufgesessen bin oder ob der Medizinmann unter dem Einfluss irgend welcher unheilvoller Drogen stand, wie es ja in den Kolonien oft vorkommt. Doch letztendlich konnte ich nicht anders, als es zu glauben und so habe ich mich schließlich aufgemacht um das Grab im Fluss zu finden.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:47

Das Elfenbeinsiegel – die Katzen kommen

Mein Entschluss stand fest: Ich wollte nach Afrika! Nicht nur, weil ich es N’Kulu Mabembwe geschworen hatte, nein, der schwarze Kontinent faszinierte mich nun einfach.
Natürlich bedurfte es einiger Vorbereitung, denn man reist nicht einfach so tausende Meilen ohne dass man Vorkehrungen für eine solche Reise getroffen hat. Es gab einen französischen Schriftsteller namens Verne, der so etwas in ferner Zukunft für möglich hielt, doch heutzutage ist man auf gute Reisevorbereitungen angewiesen. Ausserdem kostete eine solche Reise eine ziemliche Stange Geld und ich musste daher erst Leute finden, die das finanzieren konnten und wollten. Die Londoner Missionsgesellschaft konnte solche Reisen nicht im vollen Umfang finanzieren, deshalb musste ich anderswo Geld auftreiben. Bei Lord Gregory wollte ich nicht meine Aufwartung machen, denn nach allem, was mir N’Kulu Mabembwe über ihn erzählt hatte, war er eigentlich nur ein geldgieriger Adliger, der einzig und allein nur seinen eigenen Vorteil sah. Er und seine Freunde würden Afrika ausrauben, ausbluten und letzten Endes jämmerlich krepieren lassen. Das war es, was ich auf keinen Fall wollte.
Doch ein merkwürdiger Zufall, wenn man es so nennen konnte, kam mir zu Hilfe.
Der Morgen ließ sich nicht gut an. Erst war da ein Gespräch mit der Missionsgesellschaft.
Ich redete mit Engelszungen, doch wenn das Budget es nicht zuließ war einfach nichts zu machen. Zu einer Bank konnte ich nicht, denn die würde Sicherheiten verlangen, die ich ihnen nicht bieten konnte. Später war da noch diese Unterredung mit einem Mitglied der Admiralität gewesen, doch die Royal Navy verfolgte ihre eigenen Interessen und man hatte mich eiskalt abblitzen lassen.
Ich überlegte hin und her, was ich noch unternehmen konnte.
Ganz in Gedanken versunken war ich vom Weg abgekommen und befand mich jetzt auf der Tottenham Court Road. Das war eigentlich nicht die Richtung, die ich ursprünglich eingeschlagen hatte, doch ich war wohl so in Gedanken versunken gewesen, dass ich dies nicht bemerkt hatte. Die Tottenham Court Road war eine sehr umtriebige Geschäftsstrasse. Hier waren jede Menge Läden, Kontore und Büros zu finden, aber auch Pubs und Clubs versammelten sich an dieser Strasse im Zentrum Londons. Und, wenn ich es mir eigentlich richtig überlegte, wäre eine kurze Rast in einem Pub sehr angebracht.
Und so wollte ich einfach den Nächsten betreten.
Der Pub hieß „Rising Sun“ und liegt an der Ecke Tottenham Court Road zur Winmill Street.
Als ich darauf zuging, berührte etwas meine Beine.
Erschrocken schaute ich auf den Boden, doch es war nur eine kleine graue Katze.
Sie sah ziemlich heruntergekommen und reichlich schmutzig aus, was mich verwunderte, denn soweit ich wusste, waren Katzen doch sehr reinlich. Sie war wohl eine der zahllosen Streunerkatzen, die es in London gab. Die Katze hörte nicht auf, mir um die Beine zu streifen und dabei kläglich zu miauen. Irgendwie hatte ich Mitleid mit dem Tier. Es war eigentlich ein absurder Gedanke, doch ich stellte mir vor, wie die Katze aussehen würde, wenn sie besser ernährt und gepflegt wäre. Zweifellos wäre sie eine Schönheit.
„Oh, Sie haben Bekanntschaft mit der Grauen Schönen gemacht“, hörte ich einen Stimme.
Ich drehte mich danach um und da stand ein Postman der Royal Mail. Er kratze sich am Kopf, dann sagte er: „Ich hatte geglaubt, sie wäre schon lange tot. Sie müssen wissen,. sie ist eine der zahllosen Streunerkatzen, die es hier gibt.“ Die Katze strich mir weiter um die Beine. „Ich muss jetzt weiter, ich habe noch eine Menge Arbeit.“ sagte der Postman. Er drehte sich um und ging ohne einen Gruss weiter. Komische Gestalten gab es schon in London und er war wohl eine davon. Indes war die Katze einige Schritte gelaufen, hatte sich dann hingesetzt und sah mich unverwandt an. Ich musste daran denken, was mir N’Kulu Mabembwe über seine seltsamen Erlebnisse mit Londoner Katzen berichtet hatte und beschloss, fürs Erste nicht ins „Rising Sun“ zu gehen, sondern abzuwarten, was denn die Katze weiter machte.
Eine Weile blieb sie sitzen und schaute mich einfach an. Dann erhob sie sich, machte einige Schritte und drehte sich wieder zu mir um. Abermals schaute sie mich an.
Vielleicht wollte sie, dass ich ihr folgte? Ich versuchte, mich in N’Kulu Mabembwe’s Gedankenwelt zu versetzen und überlegte, was er in dieser Situation gemacht hätte. Ich kam zu dem Schluss, dass er der Katze wohl gefolgt wäre. Da ich den Gedanken an einen Pubbesuch sowieso bereits aufgegeben hatte, wollte ich das Spiel mitmachen. Also machte ich einige Schritte auf die Graue Schöne zu. Sofort lief sie weiter und blieb nach wenigen Yards stehen um wieder nach mir zu schauen. Ich hatte mich nicht getäuscht, sie wollte, dass ich ihr folgte.
Und so spielte ich ihr Spiel mit. Es machte mir wirklich Spass und darüber vergass ich vollkommen die Zeit. Erst als sie vor einem weiteren Pub sitzenblieb und nicht mehr weiterlief, bemerkte ich, wo ich mich befand. Ich befand mich vor dem „Friend at Hand“ in der Herbrand Street, nahe beim Russell Square. Die Katze blieb da sitzen und machte keine Anstalten weiterzulaufen. Sie musterte mich interessiert. Eine zweite Katze lag faul neben dem Eingang, ein ziemlich dicker schwarzer Kater mit weißen Pfoten. Er war wirklich sehr dick, ich schätzte ihn auf etwa fünfundzwanzig Pfund. So genau erinnerte ich mich nicht mehr, doch glaubte ich, ihn schon woanders gesehen zu haben, auf der Pall Mall oder beim St. James. Und hatte N’Kulu Mabembwe nicht auch irgend etwas von einem dicken schwarzen Kater erzählt? Nun, ich hatte ja zuhause meine Aufzeichnungen, auch den Bericht des Schamanen, da würde ich später nachschauen können. Doch jetzt jedenfalls wartete ich ab, was nun passieren sollte. Auch der schwarze Kater fixierte mich aufdringlich. Er ließ mich nicht aus den Augen. Ich wusste nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte. Dazu kam die ständige Londoner Geräuschkulisse, das Klappern von Hufen auf dem Pflaster, Kutschenräder, die darüber rumpelten, und die Stimmen der unzähligen Leute, die in eigener Sache unterwegs waren und sich dabei miteinander unterhielten. Immer noch ließen mich die beiden Katzen nicht aus den Augen. Gedankenverloren spielte ich mit einem Gegenstand in meiner Tasche. Es war das Elfenbeinsiegel, das ich auf N’Kulu Mabembwe’s Bitte immer bei mir hatte. Ich sah die Strasse hinunter. Menschen flanierten dort auf den Gehwegen. Ein Gentlemen mittleren Alters machte sich von der gegenüberliegenden Strassenseite bereit, die Strasse zu überqueren. Sein Ziel war unverkennbar das „Friend at Hand“. Eine sichtlich wohlhabende ältere Dame mit zwei grossen Dalmatinerhunden an der Leine marschierte erhobenen Hauptes auf einen Laden zu, als einer der Dalmatiner zu kläffen anfing.
Er war furchtbar aufgeregt und die Lady konnte die Hunde kaum noch halten. Es gab einen Ruck und die Lady wäre fast gestürzt. Einer der Dalmatiner hatte sich losgerissen und rannte kläffend auf den Gentlemen zu, der die Strasse fast überquert hatte. Er erwischte den Mann, als dieser beinahe auf meiner Strassenseite war und schnappte nach seinem Bein. Plötzlich schoss wie aus dem Nichts etwas kleines graues mit irrsinniger Geschwindigkeit auf den Hund zu und sprang ihm direkt ins Gesicht.
Dieser ließ den Gentlemen sofort los und ich sah nur noch ein Knäul aus Fell, Zähnen und Krallen.
Der Dalmatiner begann zu jaulen, als hätte er fürchterliche Schmerzen und flüchtete über die Strasse auf die Lady zu. Und dort, wo dieser seltsame, und wie es schien, ungleiche Kampf stattgefunden hatte, saß ein graugetigerter Kater und leckte sich ganz souverän den Schmutz und das Hundeblut aus dem Fell, so als ginge ihn das Ganze überhaupt nichts an. Soweit ich sehen konnte, hatte er nicht einen einzigen Kratzer abbekommen. Ich eilte zu dem Gentlemen.
„Sind sie verletzt Sir?“ fragte ich. „Nein, nein, nur das Hosenbein hat etwas abbekommen. Ich hoffe, dass es diesem Köter eine Lehre sein wird und er nie mehr jemanden angreift. Wo ist mein Retter, ich möchte mich bei ihm bedanken.“ Ich schaute mich nach dem Graugetigerten um, doch er war verschwunden. Jetzt erst fiel mir auf, dass auch die Graue Schöne und der schwarze Dicke nirgends zu sehen waren. Seltsam, seltsam...
Fast schien es mir, als hätte sie die Aufgabe gehabt mich bis hierher zu begleiten und für ein Treffen mit dem Gentlemen zu sorgen. Und nun, da sie diese Aufgabe erledigt hatten, waren sie einfach verschwunden. Wieder gingen mir die verrücktesten Gedanken durch den Kopf und immer mehr glaubte ich, dass die Erzählung des Schamanen vollkommen der Wahrheit entsprach, denn auch er hatte einen graugetigerten Kater erwähnt, der ihn gerettet hatte. Der Gentlemen hatte sich inzwischen als William Oswell vorgestellt. Er wollte nur auf einen Drink in’s „Friend at Hand“. Ursprünglich hatte ich ja auch vorgehabt, einen Pub zu besuchen, das „Rising Sun“, und so fragte ich ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich ihn begleiten würde. „Nein,“ meinte er, „nach diesem Hundeüberfall, könnte ich schon etwas Gesellschaft brauchen.“ Gemeinsam betraten wir das „Friend at Hand“.
Wir bestellten unsere Drinks und kamen ins Gespräch. Mr. Oswell war bei der East India Company in Madras angestellt, wo er eine führende Position inne hatte. Sein Onkel, John Cotton, war einer der Direktoren der Company und hatte ihm das ermöglicht. Doch jetzt war er für kurze Zeit wieder nach London gekommen, denn er war auch Geschäftsmann und hatte in der Nähe eine Besprechung gehabt. So, wie es aussah, gab es Pläne, in der Nähe des Russell Square ein Hotel zu errichten. Nur würde es noch Jahre oder möglicherweise gar Jahrzehnte dauern bis es soweit war, denn in London gab es so viele gegensätzliche Interessen wie es Einwohner gab. William Oswell jedenfalls hatte zu dem Projekt Vorgespräche geführt und ein Angebot als möglicher Teilinvestor abgegeben. Doch jetzt faszinierten ihn vor allem meine Ausführungen über Afrika. Ich erzählte ihm auch von N’Kulu Mabembwe, ohne aber seinen Bericht über das Grab im Fluss zu erwähnen. Der Schamane war ja ganz offiziell nach London eingeladen gewesen, daher machte es ja nichts aus wenn ich erzählte, dass ich ihm gekannt hatte. Zu meinem Erstaunen kannte Mr. Oswell Lord Gregory und war auf den nicht sonderlich gut zu sprechen. „Wissen sie, David,“ sagte er „Als guter Geschäftsmann muss man in grossen Zeiträumen denken, sonst kann es passieren, dass man sehr schnell untergeht. Der Lord und seine Freunde haben nur ihren kurzfristigen Gewinn vor Augen, alles andere interessiert sie nicht. Und solcherart überkommene Denkweise kann schneller, als einem lieb sein kann, ein Schuss sein, der nach hinten losgeht. Sie wollen Afrika ausbeuten, mehr nicht. Nun, wir wollen auch viele Dinge, die in Afrika zu finden sind, doch wollen wir sie auf lange Sicht, so dass wir auch für zukünftige Gewinne nichts zu befürchten haben. Denken sie nur einmal an den Sklavenhandel. Niemand, der bei klarem Verstand ist, kann glauben, dass dieses auf die Dauer gut geht. Noch können britische Gewehre und Kanonen Aufstände niederhalten, doch wie lange noch? Und dann werden wir diejenigen sein, die das zu büßen haben. Ausserdem kennen sie sicher die Konstruktionen von James Watt und George Stephenson, welche mich felsenfest davon überzeugt haben, dass die Sklaverei keinerlei Zukunft mehr hat und die Welt den Maschinen gehört.
Doch Afrika ist groß und noch weitgehend unerforscht. Ich für meinen Teil jedenfalls möchte nicht der Letzte sein, wenn es darum geht, Geschäfte in Afrika zu machen. Doch noch kann ich es nicht, denn ich bin noch für einige Jahre an die East India Company gebunden. Und ich möchte es, wenn es dann soweit ist, es auf meine Art machen.“ Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: „David, was halten Sie davon, wenn ich ihre Expedition finanziere, natürlich nur unter einer Bedingung?“
Ich war sprachlos. So lange war ich von Pontius zu Pilatus gelaufen ohne nur irgend einen Penny bewegt zu haben. Und nun stolperte mir das Glück sozusagen auf der Strasse entgegen.
Unwillkürlich fielen mir wieder die Katzen ein. Immer mehr faszinierte mich das bepelzte und doch krallenbewehrte Volk. Ohne die Katzen, waren sie nun vom König der Tiere geschickt oder nicht, wäre mir William Oswell nie begegnet. Ob ich wollte oder nicht, schon deshalb musste ich einfach das Grab im Fluss finden. „Sir, keine Frage, es wäre mir eine Ehre. Doch was ist die Bedingung?“ antwortete ich.
„Die Bedingung ist ganz einfach, dass ich mitkomme. Ich will Afrika selbst erleben.“
„Das ist jetzt aber ein Angebot! Aber Sir, waren Sie schon einmal in der Fremde, ausser in Indien meine ich? Sie sind ja Händler und strapaziöse Reisen nicht gewohnt. Und so eine Forschungsreise dürfte ziemlich an die Substanz gehen. Immerhin wagen wir uns in unbekanntes Gebiet vor. Ausserdem darf ich meine Pflichten als Missionar nicht vergessen.“ „Oh, ich habe schon mehr ferne Länder bereist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Daher schrecke ich auch vor einem unbekannten Afrika nicht zurück. Doch vorerst müssten sie alleine reisen, denn wie ich ja sagte, kann ich meinen Dienst bei der East India Company erst in einigen Jahren quittieren, denn da gibt es bindende Verträge. Doch was soll das ,Sie’? nennen sie mich einfach William.“
Damit war auch das geklärt. Wir tranken noch auf unsere zukünftige und hoffentlich erfolgreiche Zusammenarbeit, dann wollte ich nach hause gehen. Es war zwischenzeitlich etwas spät geworden, der Tag neigte sich dem Ende zu und die Dämmerung brach herein.
Ich wollte ein wenig über das Geschehene nachdenken, daher nahm ich nicht den Weg entlang der Strassen, sondern über den Russell Square. Der Sonnenuntergang im Park war wunderbar und ich konnte mich an den Farben kaum sattsehen. So etwas war schon selten im oft nebelverhangenen London. Es war nur noch ganz wenig Tageslicht, als ich über mir etwas rauschen hörte. Ein grosser Vogel strich dicht über meinen Kopf hinweg und landete einige Yards entfernt auf dem Rasen. Dort blieb er sitzen, so als warte er auf etwas.
Er war in der Dämmerung nur sehr schwer zu erkennen, doch das war ganz eindeutig ein großer Raubvogel. Ich bin kein Ornithologe, doch so wie es aussah, war das ein Adler.
Was machte ein Adler mitten in London? Doch es wurde noch verrückter.
Eine Bewegung war unter einem Gebüsch und eine kleine Gestalt schob sich zwischen Zweigen und Blättern auf die freie Grasfläche. Die Umrisse waren mir nur zu gut bekannt.
Das war dieser graugetigerte Kater, der William Oswell vor dem Dalmatiner gerettet hatte. Was machte der denn hier? Der Kater lief direkt auf den Adler zu, der ihn mit seinen scharfen Vogelaugen fixierte. So eine Katze war für einen Adler leichte Beute, vor allem wenn sie ohne Deckung war. Doch eingreifen konnte ich nicht, denn mit einem Adler wollte ich mich nicht anlegen.
Zu meinem Erstaunen waren sich die beiden Tiere nicht feindselig gesinnt. Im Gegenteil, der Kater setzte sich vor den Greifvogel, der ihn weiterhin nicht aus den Augen ließ. Bewegungslos stand ich auf dem Weg und beobachtete diese skurrile Szene. Die Dämmerung war schon weit fortgeschritten und es wurde immer dunkler. Immer noch saßen sich der Kater und der Adler gegenüber, ohne dass irgend etwas passiert wäre. Plötzlich hüpfte der Raubvogel, drehte sich um, breitete seine Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Auch der Kater war wieder aufgestanden und verschwand mit einigen schnellen Sprüngen im Gebüsch.
Ich war über das, was ich gesehen hatte ziemlich durcheinander. So etwas wie das, was sich soeben abgespielt hatte, konnte es nicht wirklich geben. Das musste eine Halluzination gewesen sein!
Doch dann fiel mir N’Kulu Mabembwe und sein Bericht ein. Auch er hatte von Adlern erzählt. Darüber dachte ich nach und danach war ich noch mehr durcheinander und am zweifeln.
Hatte ich etwa tatsächlich einen der fliegenden Boten des Königs der Tiere gesehen? Mittlerweile hielt ich das durchaus für möglich. Dann dieser Kater! Es schien so, dass er dem Adler eine Botschaft überbracht hatte und der Raubvogel damit jetzt nach Afrika und zum König der Tiere flog.
Eine andere Möglichkeit war, dass ich ganz einfach verrückt geworden war. Ja, das war es, ich war verrückt geworden und hatte Wahnvorstellungen. Doch wirklich mochte ich daran nicht glauben, zu real waren meine Erlebnisse gewesen. Und schließlich gab es mindestens zwei Zeugen: Der Postman und William Oswell.
War ich also doch nicht verrückt? Hatte ich mir nichts davon eingebildet?
Meine Hand umschloss das Elfenbeinsiegel, das ich immer in meiner Tasche bei mir trug.
Mein Entschluss stand fest! Egal, was passierte, ich musste mich auf dem schnellsten Weg nach Afrika aufmachen.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:50

Das Elfenbeinsiegel – der schwarze Kontinent

Die Vorbereitungen nahmen mehr Zeit in Anspruch, als ich eigentlich gedacht hatte.
William war zwar gut im planen und organisieren, doch er konnte nicht wissen, was wir in Afrika, so ganz auf uns alleine gestellt, benötigen würden. Für’s erste musste ich zudem auch meinen Verpflichtungen gegenüber der Londoner Missionsgesellschaft nachkommen.
Doch so einfach war das Beschaffen der Ausrüstung nicht, denn die Missionsgesellschaft wollte nur das Notwendigste finanzieren. Doch William Oswell hatte als Geschäftsmann gute Kontakte und streckte auch eine erhebliche Summe vor. In Afrika war ausser Trägern und Lasttieren kaum etwas zu bekommen, also musste ich soviel wie möglich in Großbritannien besorgen.
Dann musste die eigentliche Reise geplant werden. Von London ging sehr selten ein Schiff nach Afrika, meistens segelten sie von Southampton aus. Also musst meine
gesamte Ausrüstung dorthin. Nur würde es sehr schwierig werden, alles auf Pferdewagen und Ochsenkarren dorthin zu transportieren. Doch seit kurzer Zeit gab es eine Eisenbahnstrecke zwischen London und Southampton, die es ermöglichen würde, meine komplette Ausrüstung in einem Rutsch mitzunehmen.
Daher wollte ich mit der Eisenbahn fahren. Die Strecke London - Southampton versprach eine bequemere und zudem viel schnellere Fahrt als mit der Kutsche. Der Winter würde bald zu Ende sein und der Frühling stand vor der Tür, als ich endlich aufbrechen konnte. Noch nie war ich mit der Eisenbahn gefahren und vor allem diese dampfende und fauchende Lokomotive ließ mich erahnen, welche gewaltige Kraft in dieser Maschine steckte. William Oswell hatte schon recht gehabt, die Zukunft gehörte nicht der Sklaverei, sondern den Maschinen. Ich mochte nicht daran denken, was damit in, sagen wir einmal, hundert Jahren möglich sein würde. Fauchend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung, nachdem ein Bediensteter mit lautem Pfiff in eine Trillerpfeife die Abfahrt freigegeben hatte.
Das Abteil, in dem ich mich niedergelassen hatte, war sehr bequem. Ich kannte genügend Kutschen und das Gerüttel und Holpern in ihnen war manchmal fast unerträglich. Hier jedoch war davon kaum etwas zu spüren. Ausser dem Stampfen der Lokomotive war nur das Rattern der Räder zu hören, wenn sie über die Schienenstöße rollten. Immer schneller wurde der Zug und ich schätzte, dass wir bald die unglaubliche Geschwindigkeit von vierzig Meilen in der Stunde machten. So ließ es sich angenehm reisen!
Das gleichmäßige Rattern der Räder hatte mich schläfrig gemacht und so war ich wohl ein wenig eingenickt. Nun wurde ich von einem kleinen Hungergefühl geweckt. Ich hatte mir einige Brote für diese Fahrt eingepackt, so dass ich auch hier im Zug gut versorgt war.
Gerade hatte ich eines davon ausgepackt und wollte daran gehen, es zu verzehren, als ich von einer Bewegung an der Abteiltür von meinem Vorhaben abgelenkt wurde. Erst dachte ich, ein Schaffner würde kommen um mein Ticket zu kontrollieren. Denn die Abteiltür hatte sich ein kleines Stück geöffnet. Doch zu sehen war niemand. Erst als ich zufällig auf den Boden schaute, sah ich was da gekommen war. Da stand ein recht grosser roter Kater mit grünen Augen, der mich misstrauisch musterte. Er stand einfach da, schaute mich durchdringend und wie mir schien, missbilligend, an. Meine Gedanken schlugen Purzelbäume.
Eine Katze im Eisenbahnzug!
Ich hatte fast nicht mehr an die Katzen gedacht, doch da war dieser rote Kater.
Bis jetzt hatte er sich nicht gerührt. Nach all meinen Erlebnissen in der letzten Zeit mit Katzen, fragte ich mich, was das denn jetzt schon wieder zu bedeuten hatte?
Stand ich etwa unter ständiger Beobachtung und Kontrolle durch sämtliche Katzen Englands?
Jetzt wollte ich einfach einen Versuch wagen. In meiner Jackentasche befand sich das Elfenbeinsiegel. Langsam holte ich es hervor und wickelte es aus dem Stoff um es dem Kater zu zeigen. Kaum hatte der das Elfenbeinsiegel im Blickfeld, veränderte sich sein Verhalten.
Er schien sich zu entspannen und aus dem strengen Blick wurde ein sanfter. Dann drehte er sich um und war durch die Abteiltür verschwunden. Doch diesmal ließ ich mich nicht beirren und folgte dem Kater. Dessen Tun erstaunte mich so sehr, dass mir wieder leichte Zweifel an meinem Verstand kamen.
An jedem Abteil, an dem er vorbeikam, musterte er die Fahrgäste
Jeden, aber auch wirklich jeden, inspizierte er eindringlich im Vorbeigehen mit seinem strengen grünen Katzenblick.
Ich war restlos verunsichert.
Zweimal hielt der Zug auf seinem Weg nach Southampton. Und jedes Mal sah ich den Kater auf dem Bahnsteig auf und ab stolzieren. Er musste jedes Mal rechtzeitig vor der Abfahrt wieder in den Zug gesprungen sein. Irgendwann kam der Schaffner und ich sprach ihn auf den Kater an. Er kenne ihn, bemerkte der Schaffner, auch von den Erzählungen anderer Schaffner, der Lokomotivführer oder Heizer. Der Kater sei immer auf den Eisenbahnstrecken zu finden, die nach Norden führten. Dies sei das erste Mal, dass er auf einem Zug in Richtung Süden gesehen wurde.
Die Erklärung des Schaffners überzeugten mich vollends, dass diese mysteriöse Angelegenheit tatsächlich mit mir und ausschließlich mit mir zu tun hatte.
Und schließlich war da ja auch noch das Elfenbeinsiegel in meinem Besitz.
In Southampton angekommen musste ich mich erst einmal um meine Ausrüstung kümmern.
Wie in jeder Hafenstadt gab es auch hier jede Menge Katzen, doch mittlerweile war es mir egal, ob ich unter Beobachtung stand oder nicht.
Erst musste ich die GEORGE finden, das Schiff, mit dem ich reisen würde.
Alle Ausrüstung war schon an Bord gebracht worden, als ich das Schiff zwischen unzähligen anderen am Kai festgemacht fand. Überall lag der Geruch von Teer, Salzwasser und Fisch in der Luft. Irgendwie war mir auch diese hektische Betriebsamkeit im Hafen zuwider und ich sehnte mich danach, endlich in See stechen zu können. Am nächsten Tag war es soweit. Noch vor der Mittagszeit lief die GEORGE aus. Es war ziemlich kalt und die See war sehr unruhig als wir ablegten. Natürlich gab es, wie wäre es auch anders zu erwarten gewesen, an Bord Katzen. Nun, ich wusste, dass auf allen Schiffen Katzen Pflicht waren, wegen der Rattenplage. Doch nach allem, was ich erlebt hatte, und vor allem aufgrund des Berichtes von N’Kulu Mabembwe, betrachtete ich die beiden Bordkatzen der GEORGE doch mit einem gewissen mulmigen Gefühl. Doch nichts beunruhigendes geschah, und dass mich die beiden Bordkatzen mit Argusaugen beobachteten, störte mich mittlerweile nicht mehr. Immer weiter ging die Fahrt nach Süden und daher wurde es auch immer wärmer. In diesen Breiten gibt es keine lange Dämmerung wie im Norden, die Nacht bricht fast in Minutenschnelle herein.
Und die Tage waren auf ihre Art eintönig. Wasser ringsum, nichts als Wasser.
Gelegentlich begleiteten uns Delphine und einmal in der Höhe ein kleiner Schwarm Fregattvögel. Rings umher war sonst nichts als der blaue Ozean zu sehen und ich fragte mich, wie es dem Kapitän gelang, den Kurs zu halten. Natürlich wusste ich, dass die Seeleute nach den Sternen navigierten, doch die waren ja nur nachts zu sehen. Irgendwann kam ich mit dem Kapitän ins Gespräch und fragte ihn danach.
Er freute sich wirklich, dass sich jemand für die Kunst des Navigierens auf hoher See interessierte. Er zeigte mir ein für mich kompliziert aussehendes Gerät, mit dem der Kapitän zweimal am Tag unsere Position bestimmte. Das Ding nannte er Sextant und scheinbar war es damit möglich, einigermaßen genau die eigene Position festzustellen. Doch um wirklich die exakte Position bestimmen zu können, war noch eine hochpräzise Uhr an Bord, deren Ganggenauigkeit sich auch von schwerem Seegang kaum beeinflussen ließ. Davon war ich fasziniert und dachte darüber nach, dass es damit möglich sein müsste, auch an Land genau festzustellen wo man n war und eventuell unbekanntes Land damit vermessen konnte.
Ich bat den Kapitän, mich im Umgang mit dem Sextanten zu unterweisen.
Es war nicht wirklich schwierig, wenn man einmal begriffen hatte, wie es funktionierte.
Man musste nur einen Stern und den Horizont anvisieren und sich die Bogengrade und Bogenminuten merken. Dann konnte man mit Hilfe der Uhrzeit die exakte Position berechnen. Leider hatte ich keinen Sextanten in meiner Ausrüstung, doch da diese Geräte immer gebraucht wurden, würde ich bei unserer Ankunft versuchen, eines zu erwerben.
Denn ich war ziemlich sicher dass es mir bei einem Vorstoß in unbekannte Gegenden sehr nützlich sein konnte. Als Zeitmesser konnte mir meine Taschenuhr dienen, denn an Land hatte ich ja keinen Seegang zu befürchten.
Erst wollte der Kapitän den Sextanten nicht aus der Hand geben, denn es war ein teures und für die Navigation sehr wichtiges Instrument, doch als er immer mehr Vertauen in mich fasste, durfte ich an einem Tag die Schiffsposition bestimmen, was mir auch ziemlich gut gelang. Der Kapitän war ziemlich beeindruckt und versicherte mir, dass ich zweifellos auch einen guten Navigator abgeben würde.
Immer wieder übte ich mit dem Kapitän, bis ich den Sextanten fast perfekt beherrschte.
Immer weite nach Süden ging die Reise. Mehrmals waren Wale zu sehen und Schatten im Wasser, von denen ich nicht sagen konnte, zu welcher Spezies sie gehörten.
Irgendwann tauchte am Horizont ein Dünner Strich auf und wurde grösser. Das war die Küste, die unser Ziel war. Langsam näherte sich die GEORGE der Küste.
Endlich waren wir angekommen, das war Port Elisabeth. Eigentlich war es ein eher kleiner Ankerplatz, doch hier im südlichen Afrika, wohl das beste, was machbar war.
So kam ich im März des Jahres 1840 endlich in Afrika an.
Mit den beiden Bordkatzen hatte ich inzwischen Freundschaft geschlossen und so verabschiedete ich mich von ihnen. Sie bekamen von mir zu Abschied ein Stück frischen Fisch, den ich selbst im Meer geangelt hatte. Beide rieben sich an mir und strichen um meine Beine, so als wüssten sie, dass ich nun gehen würde.
Nun musste einigen noch organisiert werden.
Träger mussten angeheuert werden, auch Lebensmittel, Pferde und Mulis. Auch einen Sextanten wollte ich beschaffen, das schien mir unerlässlich.
Und dieses erwies sich einfacher als ich gedacht hatte. Denn immer wieder gingen die empfindlichen Geräte kaputt, so dass die Kapitäne neue beschaffen mussten.
Daher gab es auch in Port Elisabeth ein Geschäft, das diese nautischen Instrumente feilbot.
Für die kommenden Tage war ich bei dem Pfarrer der kleinen Gemeinde von Port Elisabeth.
Die GEORGE würde weiter nach Bombay fahren, wo sie Gewürze und Seide aus China laden sollte. Sie würde erst in zwei Tagen von Port Elisabeth auslaufen. Abends schlenderte ich durch den kleinen Ort. Viel gab es ja nicht zu sehen. Das Licht einiger Fackeln erhellte schwach die Umgebung, denn Gaslicht gab es hier im südlichen Afrika nicht.
Etwas huscht über die Strasse. Oh, das war ja Merlin, der Bordkater der GEORGE. Anscheinend machte er einen nächtlichen Landgang. Doch dann sah ich ihn, wie er seinen Lauf stoppte und sich hinsetzte. Wahrscheinlich hatte er Beute entdeckt und lauerte jetzt.
Ein grosser dunkler Schatten schob sich aus dem hohen Gras auf ihn zu. Ich konnte die Umrisse gerade noch erkennen. Gute Güte, das war ein Leopard oder ein Panther!
Doch Merlin blieb furchtlos sitzen. Fast hatte ich es erwartet, die seltsame Szene aus London wiederholte sich hier! Der Panther und der Kater saßen sich gegenüber, sahen sich an und nichts weiter passierte. Und wie in London der Adler, so erhob sich nach einiger Zeit der Panther und sprang im Gras davon, während Merlin gemütlich in Richtung Hafen trottete.
Jetzt wusste ich es, die Tiere waren über jede meiner Bewegungen im Bilde und ließen mich niemals aus den Augen. Das musste mit dem Elfenbeinsiegel zu tun haben. Später in der Nacht, in meiner Unterkunft, untersuchte ich es noch einmal genau, doch ich konnte ausser den mir bisher bekannten Tatsachen nichts besonderes daran feststellen.
Vier Tage später brache ich auf. Träger hatte ich in Port Elisabeth angeworben und auch einen Ochsenwagen gekauft.
Unser Ziel war die entlegene Missionsstation Kuruman. Ich begann ein zusätzliches Tagebuch zu schreiben. Dieses wollte ich zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen. Dieser Bericht, den ich jetzt hier schreibe, soll bei mir bleiben, denn man würde mich sonst für verrückt erklären und ins Irrenhaus stecken.
Was gibt es da grosses zu sagen? Die Tage vergingen, Einer wie der Andere und die einzige Abwechslung war, dass ich manchmal auf anderen Stationen wie Mabotsa oder Koloben zu tun hatte. Der einzige Lichtblick war Mary Moffat, die Tochter des Missionars Robert Moffat.
Im Laufe der Zeit kamen wir uns näher und so heiratete ich Mary Moffat im Jahre des Herrn 1844.
Dann, Anfang des Jahres 1849 kam eine Nachricht aus Port Elisabeth. William Osswell hatte seinen Dienst bei der East India Company beendet und war in Port Elisabeth angekommen.
Das waren wirklich erfreuliche Neuigkeiten, denn auch ich war meiner Verpflichtung der Londoner Missionsgesellschaft gegenüber bald ledig. Nun würde ich daran gehen, den schwarzen Kontinent mit ihm zu erforschen.
Es war im Mai 1849 als wir aufbrachen.
Wir durchquerten die Kalahari-Wüste, kamen an den Sambesi und entdeckten riesige Wasserfälle, welche die Einheimischen „Mosi-oa-Tunya“ nennen, das bedeutet "donnernden Rauch", und die ich zu Ehren der Queen als „Victoria Falls“ benannte. Wir entdeckten den Ngamisee im Betschuanaland und bei Sesheke stehen wir als erster Europäer am Sambesi. Bisher ist ja nur die Mündung des Stroms bekannt.
Doch diese ganze Forschungsreise und die Erlebnisse und Erkenntnisse habe ich in meinen anderen Tagebüchern aufgeschrieben.
Doch ein Ereignis muss ich auch hier erwähnen, denn es hat sich mir auf besondere Weise eingeprägt.
Denn auf meinen ganzen Reisen bin ich niemals von einem Raubtier angegriffen worden, mit einer einzigen Ausnahme!
Denn was wäre eine Abenteuerreise ohne die Begegnung mit wilden Tieren?
Es war 1843 und noch war ich nicht lange in Kuruman als mich Mary Moffat bei einer Exkursion begleitete.
Wir hatten unter einem Baum eine Rast eingelegt und Mary bewunderte einige bunte Vögel, die sich in der Nähe um irgend etwas stritten. Währenddessen wollte ich einige Notizen in mein offizielles Tagebuch eintragen, als ich ihren Schrei hörte. Ich drehte mich um und sah sie in einiger Entfernung stocksteif stehen. Unweit von uns stand ein Löwe! Sofort griff ich in meine Jackentasche um das Elfenbeinsiegel herauszuholen. Denn ich wusste, dass der Löwe sich dann sofort von uns abwenden würde. Doch es war nicht in meiner Tasche! Dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte es in unserem Gepäck auf der Missionsstation gelassen, mit dem Gedanken, dass wir nur einen kurzen Ausflug machen würden. Jetzt hatte ich keine andere Wahl mehr. Also packte ich meine Flinte und wollte sie laden. Während ich aber die Kugeln in den Lauf stieß, hörte ich noch einen Schrei. Ich schrak zusammen, blickte mich halb um und sah den Löwen gerade im Begriff, auf mich loszuspringen. Gerade noch konnte ich abdrücken, als mich die Raubkatze an der linken Schulter erwischte. Einen Schmerz spürte ich nicht, alles ging viel zu schnell. Doch anscheinend hatte ich den Löwen tödlich getroffen. Er lag röchelnd im Gras. Jetzt begann meine Schulter wirklich zu schmerzen.
Mary kam aufgeregt angelaufen, sie hatte ihren Schrecken überwunden.
Während sie meine Wunde unter meiner Anleitung so gut es ging versorgte, betrachtete ich den Löwen. Er hatte die Augen offen und atmete immer schwerer, aus der Schusswunde floss immer mehr Blut. Dann brachen seine Augen, er war tot.
Ich schalt mich einen Narren, dass ich das Elfenbeinsiegel nicht mitgenommen hatte, dann wäre dieses wohl nicht passiert. Wir machten uns dann auf den Rückweg in die Station, die wir erst spät in der Nacht erreichten.
In den folgenden Wochen pflegte mich Mary gesund. So überlebte ich den Angriff schwer verletzt, behielt aber zeitlebens als Erinnerung an diese Begegnung eine steife Schulter zurück. Doch es bedarf mehr, um einen aus armen Verhältnissen stammenden Schotten zu bremsen.
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:53

Das Elfenbeinsiegel - die einsame Reise

Vieles habe ich in meinen Tagebüchern beschrieben, die Tiere, die Landschaften und die Menschen des schwarzen Kontinents. Aber auch die dunkle Seite, die mir zutiefst zuwider ist: Der Sklavenhandel! Immer wieder erlebte ich, wie, zumeist arabische, Sklavenhändler ganze Dorfgemeinschaften gefangen nahmen und verschleppten. Wer sich wehrte wurde im günstigsten Fall erschossen oder, was noch schlimmer war, qualvoll zu Tode geknüppelt.
Ich hatte diesbezüglich auch schon einige Berichte nach London geschickt, doch dort schien man dem Problem nicht die notwendige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.
Ich selbst konnte nur reden, versuchen zu überzeugen und hoffen. Mit Gewalt war hier nichts auszurichten. Ausserdem würde ich sehr schnell ins Visier der Sklavenhändler geraten, wenn ich sie direkt angriff.
Die Jahre vergingen und mittlerweile hatte ich in Großbritannien eine gewisse Berühmtheit erlangt und sogar die britische Regierung hatte mir Mittel für weitere Expeditionen geschickt, allerdings, wie könnte es anders sein, mit Hintergedanken.
Und immer habe ich das Elfenbeinsiegel bei mir getragen, nie wieder habe ich es aus der Hand gegeben.
Doch auf all meinen Reisen habe ich bisher eines nicht entdeckt: Das Grab im Fluss, das Grab von Sandfell dem Kater. Und gerade deshalb war ich nach Afrika gegangen, obwohl ich das niemand erzählen konnte und dieses nur meinen ganz privaten Tagebuch anvertraue.
Nur deshalb durchforschte ich den ganzen Kontinent.
Doch solche Expeditionen durch unbekannte Gefilde sind schwierig und strapaziös.
Immer wieder kam es zum Streit und Träger liefen einfach fort.
Mir selbst ging es auch nicht besonders gut. Es mag sein dass ich mir irgend ein tropisches Fieber eingefangen hatte. Ich hatte zwar Medizin studiert, doch ohne Medikamente konnte ich auch nichts ausrichten. Doch aufgeben wollte ich nicht. So kam der Tag, als ich mich völlig alleine und vom Fieber geschüttelt durch den Urwald schleppte.
Einiges hatte ich von den Eingeborenen und ihren Medizinmännern gelernt.
Da war eine Baumart, die mir einer gezeigt hatte. Wenn man die Baumrinde kaute, konnte man Fieber senken. Es schmeckte absolut scheußlich, doch langsam, ganz langsam stellte sich eine leichte Besserung ein
Doch ich war alleine und konnte kaum noch gehen. Tag für Tag kämpfte ich mich durch Sümpfe und diesen dichten Urwald.
Wo ich war, wusste ich schon lange nicht mehr. Ich hatte völlig die Orientierung verloren.
Trotz der fiebersenkenden Rinde hielten mich Fieberträume weiter im Griff.
Manchmal sah ich Früchte, die ich kannte und von denen ich wusste, dass sie essbar waren.
Diese Früchte halfen mir, so dass es mir ein wenig besser ging.
Ich wusste, ich musste feststellen, wo ich mich befand, um wenigstens halbwegs die Richtung bestimmen zu können, in die ich zu gehen hatte.
Den Sextanten hatte ich noch bei mir, damit musste es möglich sein.
Ich versuchte es wieder und immer wieder, doch ich schaffte es nicht. Ich hatte schlicht vergessen, wie der Sextant funktionierte und wie ich mir auch das Hirn zermarterte, mir wollte es einfach nicht mehr einfallen.
Zu dürsten brauchte ich nicht, denn immer wieder musste ich kleine Urwaldbäche überqueren. Daraus konnte ich trinken. Das Wasser war immer klar und erfrischend.
Nach einigen Schlucken ging es mir bereits viel besser.
Als ich mich einmal niederkniete um einige Schlucke Wasser zu schöpfen, hörte ich ein seltsames und doch vertrautes Geräusch. Es klang wie „ Hu hu“.
Ich drehte mich danach um und da saß eine Eule auf einem Ast. Ich kannte die afrikanischen Eulen inzwischen, doch dies war keine der bekannten Arten. Anscheinend gab es im Herzen Afrikas noch viele unbekannte Spezies. Die Eule zeigte keine Scheu sondern beäugte mich neugierig. Nun, das würde ich mir notieren, dass es hier Eulen gab, die den europäischen ziemlich ähnlich sahen.
Einige Stunden später, es mochte wohl Nachmittag sein, sah ich wie sich etwas grosses graues durch das Dickicht schob. Es kam näher und jetzt konnte ich es erkennen. Das war ein Elefant!
Ein Elefant? Hier? Im Wald? Ich wusste, dass es in Indien Waldelefanten gab, doch seit ich durch Afrika reiste, war mir noch keiner begegnet, sie lebten alle in der Savanne.
Und weiter ging und stolperte ich. Immer bunter wurde die Blütenpracht. Kleine Bunte Vögel schwirrten an Blüten. Ich glaubte, sie schon irgendwo gesehen zu haben, aber das war in London, in den Volieren betuchter Adliger. Sie lebten mit einiger Sicherheit nicht in Afrika, doch so genau wusste ich das nicht.
Tage um Tage vergingen, ohne dass ich einen Ausweg aus diesem Urwald fand.
Restlos erschöpft ließ ich mich unter einem der Urwaldriesen nieder. Im Dämmerlicht unter dem Blätterdach versuchte ich, die Umgebung zu erkennen.
Da war etwas, etwas schwarzes.
Das Schwarze hatte ein Fell und schlich durch das Unterholz. Jetzt konnte ich es besser erkennen. Es war ein schwarzer Panther. Ich bedauerte, kein Gewehr dabei zu haben, denn mit bloßen Händen würde ich gegen einen angreifenden Panther nichts ausrichten können.
An das Elfenbeinsiegel dachte ich in diesem Moment nicht.
Doch wie es schien, hatte mich der Panther weder gesehen noch gewittert. Lange Zeit saß ich da bewegungslos, immer in der Furcht, der Panther könnte zurückkehren und mich als seine Beute betrachten.
Bewegungslos blieb ich lange Zeit so sitzen, bis ich sicher sein konnte, dass der Panther nicht mehr auftauchen würde. Dann kämpfte ich mich weiter durch das Gestrüpp.
Ich durchbrach ein Buschwerk und gelangte aus dem Dämmerlicht auf eine helle Lichtung. Von der hellen Mittagssonne geblendet konnte ich erst nicht viel erkennen. Gegenüber, auf der anderen Seite der Lichtung war etwas pelziges zu erkennen. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Helligkeit. Da stand ein Pavian! Der Pavian schaute mich direkt an und kam langsam auf mich zu. Er wirkte friedlich. Plötzlich fiel mir es wie Schuppen von den Augen. Der Bericht N’Kulu Mabembwe’s! Der Pavian, der Panther, die Eule! Alles fügte sich zu einem Bild zusammen. Ich musste nahe dran sein. Das Grab im Fluss musste in der Nähe sein! Etwas anderes war gar nicht möglich. Langsam kam der Pavian näher und umrundete mich dann. Er inspizierte mich von allen Seiten und blieb abwartend vor mir stehen. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Langsam griff ich in die Jackentasche und holte das Elfenbeinsiegel hervor. Ich wickelte es aus dem Stoff und reichte es dem Pavian. Der betrachtete es von allen Seiten, nahm es aber nicht. Dann schaute er mich direkt an und griff nach meiner freien Hand. Ich ließ es geschehen. Der große Affe zog mich in den Wald. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmte, was N’Kulu Mabembwe erzählt hatte, dann hatte ich nichts zu befürchten. Also folgte ich dem Pavian. Meine Gedanken rasten und im Geiste ging ich noch einmal alle Aspekte der Erzählung des Schamanen durch. Anscheinend konnte niemand das Grab im Fluss finden, wenn der König der Tiere es nicht zuließ. Man musste sozusagen eingeladen sein. Ich konnte nur darüber spekulieren, was die Beweggründe des Königs für eine solche Einladung sein mochten. Wie lange mich der Pavian durch den Urwald geführt hat, vermag ich nicht zu sagen. Wir schliefen mehrmals bei Einbruch der Dämmerung, meistens unter einem Baum, und wachten vor Sonnenaufgang auf. Der Pavian zeigte mir allerlei essbare Früchte und an sehr klaren Urwaldbächen konnte ich meinen Durst stillen. Immer wieder sah ich auf dieser Wanderung Tiere, die keinesfalls hierher gehörten. Da waren Biber, ein Fuchs, einmal sogar einen Elch und zu meinem bleibenden Erstaunen einen Eisbären. Einen Eisbären, hier im tiefsten Afrika! Ich war jetzt bereit, alles zu glauben, mochte es noch so unwahrscheinlich sein.
Immer bunter wurde die Blütenpracht, die Blätter grüner und der Duft betörender.
Mit einem Mal hörte der Wald auf.
Da sah ich es und es war wunderschön.
Ein Fluss, der durch einen Damm zu einem See aufgestaut war. Und mittendrin eine Insel mit Gras und unzähligen Blumen darauf.
Ich wusste, ich war angekommen. Dies war das Grab im Fluss, die letzte Ruhestätte von Sandfell, dem Kater! Die Legende war wahr. Und wenn ich noch Zweifel gehabt hätte, nun wären sie gegenstandslos geworden. Fast wäre ich niedergekniet. Wie lange ich auf das Grab geschaut habe, weiß ich nicht, ich hatte alles um mich herum vergessen. Erst langsam wich die Faszination. Nun bemerkte ich auch die Unmengen von verschiedenen Tieren, die in Gruppen um den See defilierten. Dies musste die Ewige Wache sein, die Wache zu Ehren von Sandfell, dem Kater. Obwohl viele Raubtiere darunter waren, griff mich keines an. Allerdings war mir eines bewusst: Sollte jemand die Ruhe und den Frieden dieses Ortes stören, so würden diese Wachen ohne Gnade sein. Also durfte ich nichts unbedachtes tun. N’Kulu Mabembwe hatte es da leichter gehabt, denn er war Schamane gewesen und viel vertrauter mit der Natur und den Tieren als ich es je sein würde.
Ich wollte mich zu dem Pavian umdrehen, der meine Hand längst losgelassen hatte, da sah ich ihn, den König der Tiere.
Ich habe auf meinen Reisen viele Löwen gesehen, doch niemals so einen prächtigen. Er wirkte wahrhaft majestätisch. Er stand einfach nur da in blickte mich aus seinen gelben Katzenaugen an. Wie lange ich seinem Blick standgehalten habe, weiss ich nicht, aber sehr lange war es nicht. Ich wagte erst nicht, mich zu rühren. Doch dann besann ich mich auf das Versprechen, das ich N’Kulu Mabembwe gegeben hatte und griff in meine Tasche. Meine Hand umschloss das Elfenbeinsiegel und langsam holte ich es hervor. Ich wickelte es aus dem Tuch und hielt es dem Löwen entgegen. „Es gehört dir. Ich bringe es dir zurück.“ Ich wusste nicht, ob der Löwe meine Worte verstand, doch wenn ich den Erzählungen N’Kulu Mabembwe’s Glauben schenken wollte, war genau das der Fall. Der Löwe blickte das Siegel an, rührte sich jedoch ansonsten nicht. Ich machte einen Schritt auf den Löwen zu, das Elfenbeinsiegel vor mich haltend.
Der machte einen Schritt auf mich zu und beschnüffelte das Elfenbeinsiegel. Dann beschnüffelte er meine Hand, die das Siegel hielt und drehte sich um. Ich wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte. N’Kulu Mabembwe war damals dem Löwen gefolgt, als dachte ich, dass ich das auch tun sollte. Und tatsächlich lief der Löwe langsam vor mir her, als wüsste er, dass ich ihm folgte. Am Waldrand war eine Kuhle, wie eine Lagerstatt, umwuchert von einer bunten Blütenpracht. Dort hinein legte sich der Löwe. Ich hatte immer noch das Elfenbeinsiegel in der Hand, doch der Löwe, der unzweifelhaft der König der Tiere war, beachtete es kaum. Eher schien es, dass er es für selbstverständlich erachtete, dass es sich in meinem Besitz befand. Ich dachte an den Bericht des Schamanen. Also setzte ich mich neben der grossen Raubkatze ins Gras. Der König der Tiere blickte mich an und ich blickte zurück.
Und wie N’Kulu Mabembwe vor langer Zeit versank ich in diesen gelben Katzenaugen.
Sie leuchteten immer mehr. Dieses Leuchten wurde kleiner, aber intensiver. Eine Form entstand aus dem Leuchten. Es war unglaublich, das war ein Mensch mit einem leuchtenden Gesicht. Das musste der Leuchtende aus diesem zeitlosen Land sein, von dem der Schamane mir erzählt hatte. Ich sah ihn jetzt in voller Grösse. Als ich ihn von oben bis unten musterte, sah ich neben seinen Beinen einen sandfarbenen Kater stehen. Eine fast heilige Ehrfurcht durchzuckte mich. Dies musste Sandfell der Kater selbst sein!
Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich vor ihm verneigt. Doch dann wurde mir bewusst, dass sich das Ganze nur in meinem Kopf abspielte und ich wie N’Kulu Mabembwe zuvor, nur eine Vision sah. Allerdings eine sehr realistische!
Eine Frage lag mir auf der Zunge. „Warum ich? Ich habe keine besondere Verdienste. Ja, ich musste sogar einen Löwen töten. So gerne hätte ich eine Antwort darauf.“
Sandfell schaute zu dem Leuchtenden hoch und der begann zu sprechen.
„Niemand will dir ein Leid tun. Es ist nicht deine Schuld dass du bei der Begegnung mit dem Löwen das Elfenbeinsiegel nicht bei dir getragen hast. Natürlich hätte der Löwe dich dann niemals angegriffen. Doch so warst du nur Beute für ihn. Das ist das Gesetz der Wildnis und es steht über allen Gesetzen welche die Menschen machen. Denn deren Gesetze sind öfter als es sein sollte nicht im Einklang mit der Natur. Du hast nur dein Leben verteidigt, wie es jedes andere Tier auch getan hätte.“
Er machte eine Pause und obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, hatte ich den Eindruck, dass er mich ausgiebig musterte.
Dann fuhr er fort: „Alles ist im Wandel. Die Menschen nennen sich die Herren der Welt und es werden ihrer immer mehr. Doch sie handeln in ihrer Gier nicht wie wahre Herren. Die Welt wird ihretwegen untergehen, wenn sie niemand in ihrem Tun aufhält.“
„Aber warum sagst du mir das?“ fragte ich, „Was kann ich schon alleine ausrichten. Und zudem bräuchte ich viel Zeit dazu.“
Oh,“ antwortete der Leuchtende, „Zeit... was ist schon Zeit. Dies hier ist das Land am Rande der Zeit. Und wir wissen viel von dem, was war, was ist und was vielleicht sein kann. Nichts was geschieht, geschieht ohne Grund und viele Dinge, die ihre Ursache im gegenwärtigen Ursprung haben, geschehen nicht morgen oder übermorgen, sondern vielleicht erst in einem Jahr, in hundert Jahren oder in tausend Jahren. Doch die Menschen werden immer mächtiger und sie werden grosses Unglück über die Welt bringen. Doch schon immer haben sie Hilfe erhalten von denen, die aus eigener Entscheidung zu ihnen gegangen sind. Doch es ist an der Zeit, dass ihnen bewusst werden muss, dass sie diejenigen, die helfen können achten sollten.“
„Wen meinst Du damit? Etwa die Katzen?“ „Ja, die Katzen. Du kennst die Geschichte von Lilith. Sie war die allererste, die zu den Menschen ging. Doch Lilith ist mit Ivani über die Regenbogenbrücke gegangen und sie wird nicht wiederkommen. Doch Sandfell, den du hier neben mir siehst, ist der Bote ihres Vermächtnisses. Darum muss jemand, wenn die richtige Zeit gekommen ist, den Menschen von den Katzen berichten. Und dies muss ein Mensch sein.“
„Ich begreife immer noch nicht, warum ich eine solche Aufgabe erhalten soll. N’Kulu Mabembwe war doch schon ein Bote.“
„Das ist richtig. Doch wer hätte ihm schon geglaubt, wenn er sich hingestellt hätte und geredet hätte. Für die Menschen deiner Welt war er doch nur ein Wilder aus den Tiefen des schwarzen Kontinents. Aber du bist jetzt in deinem Land eine geachtete Person und dir werden sie glauben. Nicht heute oder Morgen aber in ferner Zukunft. Denn so etwas muss im Kleinen vor sich gehen und so langsam, dass die Menschen es auch glauben. Dann wird sich die Welt zum besseren wandeln. Du achtest die Tiere und verachtest die Sklaverei. Es mögen hundert Jahre oder noch viel mehr vergehen, bis sie deine Worte vernehmen. Doch auch die Katzen werden zeigen, dass sie die Menschen niemals im Stich lassen werden, auch wenn diese das nicht immer erkennen können.
Und darum hat der Löwe, der König der Tiere, erlaubt, dass du das Grab im Fluss sehen durftest.“
„Dann hat also er tatsächlich den Katzen befohlen, über mich zu wachen?“ fragte ich.
„Nein er hat es nicht befohlen. Denn schon seit langer Zeit ist es den Katzen freigestellt, zu entscheiden wo und mit wem sie leben wollen. Daher konnte der König der Tiere die Katzen nur bitten, auf dich zu achten. Befehlen konnte und wollte er nichts. Doch sie haben es gerne getan.“
Ich war wie erschlagen von den Worten des Leuchtenden. Wie sollte ich das bewältigen?
Vorerst hatte ich nur mein privates Tagebuch und sonst nichts. Sicher, es war eigentlich nur eine Vision, die mir der Löwe gab, doch sie entsprach genau meiner Denkweise.
Langsam verblasste das Bild des Leuchtenden und des Katers und ich sah wieder in diese gelben Katzenaugen. „Was soll ich bloß tun? Wie soll das alles enden?“ fragte ich die riesige Katze. Wieder verschwamm alles vor meinem Gesichtsfeld und ich sah ein vollgeschriebenes Buch. Mein Tagebuch! Es sah aus, als wäre es bereits uralt. Andere Bilder wirbelten durch meinen Kopf. Da waren Soldaten, ungeheuer viele Soldaten, brennende Städte, ein alles vernichtender Lichtblitz, Flüsse, auf denen Berge von Abfall schwamm, vergiftete Nahrungsmittel, ausgetrocknete Felder und Städte mit Menschen in unglaublicher Zahl. Wie bei einem Blitzgewitter zogen diese Bilder durch meinem Kopf. Dann sah ich wieder eine weite Ebene. Ich hörte, wie das Meer an Klippen donnerte und in der Ferne waren bewaldete Hügel zu sehen. Dann kam er auf mich zu, Sandfell selbst. Und zu meinem eigenen bleibenden Erstaunen fing der Kater zu reden an.
„Hilf ihnen und hilf dir damit selbst. Verschließ dein Tagebuch und erzähle niemandem davon, bis die Menschen reif für diese Botschaft sind. Wie lange es auch dauern mag, es wird die Zeit kommen, da werden sie erkennen, wie sie handeln müssen um die Welt nicht ins Chaos zu stürzen. Das ist alles, um was ich dich bitte.“ „Aber mein Herz gehört Afrika.“ sagte ich. „Ja,“ antwortete Sandfell, „dein Herz ist in Afrika und so soll es auch bleiben. Doch von Zeit zu Zeit will ich eine Katze als Boten schicken. So werde nicht nur ich wissen, wie es um die Welt bestellt ist.“
Abermals verblasste das Bild und ich sah mich wieder dem Löwen gegenüber.
Ich nahm das Elfenbeinsiegel und legte es dem König der Tiere mit den Worten „Ich habe N’Kulu Mabembwe versprochen, es zurückzubringen.“ vor seine mächtigen Pranken.
Doch der Löwe berührte es mit seiner Schnauze und schob es wieder zu mir.
Ich begriff, dass das Elfenbeinsiegel jetzt mir gehören sollte.
Wie viel Zeit seit meiner Ankunft beim Grab im Fluss vergangen war, vermochte ich nicht zu sagen. Seit langem hatte ich vergessen, meine Taschenuhr aufzuziehen.
Es war dunkel geworden und ich wurde müde. Ich schlief in dem Bewusstsein ein, dass es nirgendwo in Afrika einen sicheren Ort gab als hier.
Als ich erwachte, fühlte ich mich frisch und gesund. Der Löwe war nirgends zu sehen, doch in einiger Entfernung wartete der Pavian auf mich. Das hieß dann wohl, Abschied nehmen von diesem magischen Ort. Noch einmal blickte ich auf die Blumeninsel im Fluss, die das Grab des Katers war. Leise murmelte ich „Leb wohl Sandfell, Kater, wir sehen uns in einer anderen Welt.“ Dann ergriff ich die Hand des Pavians und ließ mich von ihm fortführen.
Wieder wanderten wir durch den Urwald, der mir jetzt wie ein Park vorkam.
Irgendwann sahen die Bäume anders aus und das Gelände wurde sumpfiger.
Der Pavian hielt an. Ich wusste, weiter würde er nicht mit mir gehen. Und wie N’Kulu Mabembwe zuvor, kam ich nicht umhin, ihn zu umarmen.
So machte ich mich alleine auf den Rückweg.
In dem Sumpfgebiet, in das ich jetzt geriet, gab es unglaublich viele Stechmücken und nur sehr wenige gangbare Wege. Manchmal musste ich bis zum Bauch durch Wasserlachen waten.
Die Mücken setzten mir immer mehr zu und es ging mir auch wieder schlechter. Doch das Erlebte hallte in mir nach und trieb mich an, nicht aufzugeben.
War es nur ein Fieberwahn gewesen? Ich wusste es nicht. Doch mir war alles so real vorgekommen. Einsame Tage und grausame Nächte vergingen, gezählt habe ich sie nicht.
Ich wusste immer noch nicht, wo ich war. Die Sümpfe hatte ich schon lange hinter mir gelassen.
Endlich, nach einer Ewigkeit, fand ich Fußspuren, menschliche Fußspuren.
So gut es mein schlechter werdender Zustand erlaubte, folgte ich den Spuren. Vier Tage taumelte ich mehr als ich ging und dann sah ich die Siedlung. Mit letzter Kraft erreicht erreichte ich sie Es war die Arabersiedlung Ujiji.
Ich mochte die Araber nicht besonders, wegen des Sklavenhandels. Doch jetzt brauchte ich erst ein wenig Erholung, mein Körper war ziemlich geschunden.
Vier Tage war ich erst in Ujiji, als es eine große Aufregung gab. Offensichtlich war eine Expedition angekommen. Das wollte ich dann schon sehen. Das Datum hatte ich nun auch erfahren, es war der 10. November 1871.
Ich trat vor meine Unterkunft und sah den Ankömmlingen entgegen.
Ein riesiger Tross war das, mit Ochsenkarren einer Unmenge von Trägern und Ausrüstung.
Einer der Träger hielt die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika.
Die Ankömmlinge waren also Amerikaner. Der ganze Trupp hielt direkt auf mich zu und blieb in respektvollem Abstand stehen, während der Vorderste, ein kleiner Mann, auf mich zukam.
Er begrüsste mich mit einem Handschlag.
Dann sagte er nur: „Doktor Livingstone, nehme ich an?“
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Re: Das Elfenbeinsiegel

Beitragvon mike1024 am Fr 26. Dez 2014, 22:57

Das Elfenbeinsiegel - Susi und Chuma

Hier endete der Bericht.
Jonathan Burner wollte das Buch zuklappen. Der Bericht hatte ihn einfach fasziniert.
Wenn das alles stimmte, dann hielt er ein bisher unbekanntes originales Tagebuch von Dr. David Livingstone in seinen Händen. Die Tagebücher, die bisher veröffentlicht worden waren, waren Pflichtlektüre an britischen Schulen. David Livingstone galt als britischer Nationalheld.
Doch dann sah Jonathan, dass da noch ein loses Blatt in dem Buch war, auch beschrieben, jedoch in anderer Handschrift.
*
Unsere Namen sind Susi und Chuma
Lange Zeit standen wir in Treue zu Doktor David Livingstone denn er hat uns aus der Sklaverei befreit. Nur einmal, als wir ihn verloren hatten, war er alleine. Wir wussten nicht was geschehen war.
Nachdem Henry Morton Stanley ihn in Ujiji gefunden hatte, waren wir wieder zusammen.
Und wir gingen mit ihm und Stanley auf seine letzte Entdeckungsreise. Um seine wahren Absichten zu verschleiern, und auch, weil Stanley eine äußerst unsympathische Person war, ließ er uns in dem Glauben, dass er nach den Quellen des Nils suchen würde.
Wie wir jetzt wissen, war das nur ein Vorwand, denn seine Absicht war, noch einmal zum Grab im Fluss zurückzukehren.
Lange hat er gesucht, doch nie hat David Livingstone das Grab im Fluss wiedergesehen.
Der König der Tiere hat es nicht erlaubt.
Doch die Welt ist im Wandel und die Menschen werden immer mächtiger. Darum hat der Löwe um aller Tiere willen die Katzen gebeten, auf die Menschen zu achten, denn sie sind die Einzigen, die gleichberechtigt bei ihnen leben. Die Katzen sind niemand ausser sich selber verantwortlich, denn sie sind frei in ihren Entscheidungen, wie es der König der Tiere vor langer, lange Zeit verkündet hat.
Doch David Livingstone starb nach der menschlichen Zeitrechnung am 1. Mai 1873 in Ilala am Südufer des Bangweolo.
Oft hat er gesagt, sein Herz sei in Afrika, und wie es in seinem privaten Bericht geschrieben steht, wurde das auch von anderer Seite bestätigt.
Daher haben wir, als seine treuen Diener, nach seinem Tod sein Herz entnommen und unter einem Baum bestattet. Den Leichnam haben wir nach der Kunst, den uns unsere Ahnen gelehrt haben, einbalsamiert. So trugen wir unseren Befreier mühevoll und durch große Gefahren durch Afrika bis zur Küste, wo wir uns nach Großbritannien einschifften.
Dort angekommen, wurde er am 18. April 1874 in der Westminster Abby beigesetzt.
Bis auf sein privates Tagebuch hat seine Hinterlassenschaft seine Familie erhalten. Wir haben dieses Tagebuch gelesen und so vom Grab im Fluss und von Sandfell dem Kater erfahren.
Wir werden diese Aufzeichnungen in Ehren halten und wie es Doktor Livingstones und auch Sandfells Wunsch war, diesen Bericht unter Verschluss halten. Denn noch sind die Menschen nicht bereit dafür. Ein Anderer mag zu einer späteren Zeit kommen und seine Schlüsse daraus ziehen.

Susi und Chuma, Chipperfield im Februar 1875
*
Jonathan hatte zuerst den Gedanken gehabt, den Reisebericht in bare Münze umzuwandeln, doch je weiter er sich darin eingelesen hatte, desto unsicherer wurde er in diesem Vorhaben.
Schließlich gab er es ganz auf und beschloss, zumindest vorläufig mit niemand darüber zu sprechen. Eventuell würde er im Internet sehr, sehr vorsichtig Recherchen anstellen.
Doch glaubte er nicht, dass er da fündig werden würde. Niemand ausser ihm hatte den Bericht seit den Tagen von Susi und Chuma gelesen, wie sollte da auch nur die geringste Spur in’s Netz gekommen sein? Und hätte zwischenzeitlich ein anderer das Grab im Fluß entdeckt, so hätte der es entweder lauthals hinausposaunt oder wie David Livingstone geschwiegen.
Er schaute Kyara an. Die Katze schnüffelte an dem Elfenbeinsiegel und rieb sich an seinem Bein.
Wie dem auch sei, so wie es aussah, war er jetzt der Besitzer des Elfenbeinsiegels, wenigstens solange, wie kein anderer Anspruch darauf erhob.
Er würde es in Ehren halten, und sollte eine Zeit kommen, in der er es benötigte, so würde er es nutzen. Man würde sehen, wie das alles weiterging. Dann klappte er das Buch zu und wickelte das Elfenbeinsiegel wieder in das Tuch. Zufrieden mit sich selbst kraulte er Kyra.
Viele Dinge sind seit den Tagen von David Livingstone geschehen. Die Menschen haben fürchterliche Kriege geführt und viele von ihnen kamen auf grausame Weise um. Und doch haben die Katzen ihnen wieder und wieder geholfen, darum brachen keine Hungersnöte und Krankheiten aus, denn sie waren es, welche die Ratten, die Mäuse und anderes Ungeziefer niederhielten oder auf andere Art geholfen haben. Und immer wieder kamen Sandfells Boten, doch erkannt wurden sie von den Menschen nie.
Doch langsam, so scheint es, ändern die Menschen ihren Sinn und es gibt Hoffnung, dass die Welt nicht im Chaos versinkt.
Und nicht zuletzt haben die Katzen daran ihren Anteil, doch sie tun dies in den meisten Fällen im Verborgenen und erwarten dafür keinen Dank.
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