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Die Reise der sanften Riesen

Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Mo 23. Sep 2013, 23:01

Die Reise der sanften Riesen


"Stimmt es eigentlich," fragt Edward, "dass es keinen Ort der Welt gibt, an dem nicht Katzen leben?" "Ja," antwortet Miezka, "überall auf der Welt leben Katzen, ausgenommen ganz weit im Süden, wo die Nächte viele Vollmonde dauern, der ewige Schnee liegt und es bitterkalt ist." "Aber sonst überall auf der Welt? Haben die Menschen sie immer auf ihren Reisen mitgenommen, auch über den Ozean, wie Don Pielnarriz?" "Ja, aber die erste Katze kam viel früher in die Neue Welt. Darum hör gut zu, ich werde dir diese Geschichte erzählen."

*
Die Reise der sanften Riesen - Leif

Am Morgen brach der Sturm los. Wind peitschte die Wellen und die Wolken wurden immer dunkler. Ein Orkan zog auf. In aller Eile hatten die Leute am Abend zuvor die Drachen aufs Land gezogen und sie fest vertäut, die schlanken Boote wären sonst an den Felsen zerschellt.
Blíðfari hatte sich in das Wohngebäude zurückgezogen, im Stall bei den Kühen pfiff der Wind zu sehr durch die Ritzen. Jetzt saßen alle nahe am wärmenden Feuer. Vor einige Tagen war Bjarni Herjolfson gekommen und es gab viel zu erzählen. Bjarni war Kaufmann und lebte eine Tagesreise entfernt im nächsten Dorf. Vor einigen Jahren hatte er sich hier niedergelassen. Er konnte nicht in sein Dorf zurück, solange der Sturm dauerte. Nun sassen alle nahe beim Feuer und Bjarni erzählte von seinen Erlebnissen. Viele alte Geschichte erzählte er, von König Olav Tryggvason von Norwegen, von heroischen Schlachten und ihren Fahrten auf hoher See.
Blíðfari verstand nicht alles, was sie sich so erzählten und begann sich zu putzen.
Sein Fell war in einem furchtbaren Zustand, jedenfalls für seine Begriffe.
Nach einer Weile war er fertig und begann vor sich hinzudösen.
Solange bis Geyfa kam. Sie rieb sich an ihm, legte sich hin und begann zu schnurren.
Draussen begann der Sturm erst richtig zu toben und alle waren froh, dass es keinen zwingenden Grund gab nach draussen zu gehen.
Es war zwar immer rau in diesem Land, das die Menschen in ihrer Sprache Grönland, "Grünes Land", nannten, aber auf der Insel von der sie vor einigen Jahren gekommen waren, war es auch nicht viel besser gewesen, daher hatten sie diese Insel "Land des Eises" genannt, in ihrer Sprache Island.
Stürme gab es öfter, doch diesmal war es besonders schlimm, ein weiterer Grund im Haus zu bleiben.
Nun verstand Blíðfari nicht alles, was die Menschen erzählten, doch einiges begriff er.
Vor allem die Geschichten der Seefahrer. Er war selbst oft mit Leif auf hoher See und das Wasser und der Wellengang machten ihm nichts aus.
Leif war Anführer in der Siedlung, die Brattalid genannt wurde. Er war der Sohn von Erik Thorwaldson, genannt "Erik der Rote", daher war sein vollständiger Name Leif Erikson. Alle sassen sie um das Feuer, Leif, Tyrkir und Thjodhild, Leifs Frau.
Und natürlich Bjarni, der nicht aufhörte zu erzählen. Gespannt lauschten alle seiner Saga.
Blíðfari wurde langsam schläfrig.
Doch mit einem mal wurde Blíðfari hellhörig und spitzte die Ohren.
Denn Bjarni erzählte, wie sie vor einigen Jahren auf der Rückreise von Island nach Grönland auf See die Orientierung verloren hätten und nach Westen abgetrieben worden seien. Dann, nach einigen Tagen hätten sie dort im Westen Land gesehen.
Eine felsige Küste und oben ein riesiger Wald. An Land gegangen waren sie nicht, die See war zu aufgewühlt. Leif wurde ganz aufgeregt, als er das hörte, denn Wald gab es hier nicht. Alles was sie an Holz brauchten, musste über das Meer aus Norwegen herübergeschafft werden. Jetzt redeten alle durcheinander und Blíðfari wusste nicht genau was eigentlich los war. Er verkroch sich in eine Ecke und schlief dort ein.
Drei Tage später peitschte der Sturm immer noch das Meer, obwohl er nicht mehr so stark war wie zu Beginn.
Blíðfari sah Leif immer öfter nachdenklich durch die Siedlung gehen. Irgend etwas beschäftigte ihn. Der Kater strich ihm um die Beine, aber er bekam kaum Aufmerksamkeit.
Normalerweise waren die Wikinger freundlich zu ihren Katzen, obwohl sie untereinander manchmal recht streitlustig waren. Blíðfari hatte erfahren, dass sie früher anderen Göttern gehuldigt hatten. Er wusste nicht, was ein Gott war, aber er hatte erfahren, dass Katzen bei einer der alten Göttinnen gewesen waren, ja, dass sie sogar ihren Streitwagen in die Schlacht gezogen hätten. Daher achteten alle Wikinger immer noch die Katzen und jagten oder töteten sie nicht. Wie Blíðfari gingen viele mit auf die Reise, wenn die Drachenboote ausliefen.
Der Kater war deshalb fast beleidigt, weil Leif sich nicht mehr so um ihn kümmerte wie vor einigen Tagen.
Oft sass Leif auch mit Tyrkir zusammen und beriet sich mit ihm. Geyfa hatte sie einmal belauscht, doch sie hatte nicht verstanden über was sie redeten. Mit der Zeit bekam Blíðfari
heraus, dass es um eine Reise ging und irgend etwas mit Leif's Drachen nicht so war, wie es sein sollte.
Einige Tage später, das Wetter war nun wieder besser, beobachtete Blíðfari Leif und Bjarni bei einer ziemlich lautstarken Unterredung. Er verstand einiges von der Menschensprache, aber um was es bei den Beiden ging, konnte er nicht herausbekommen.
Dann gab Leif Bjarni einige dieser runden Glitzerdinger und sie verabschiedeten sich mit einem Handschlag.
Von dem Tag an war Leif wie ausgewechselt, er kümmerte sich wieder um den Kater, sogar liebevoller als vorher.
Es war jetzt Sommer und selbst die Nächte blieben hell.
Blíðfari und Geyfa folgten den Männern oft ans Meer und manchmal bekamen sie auch einen Fisch oder ein Stück Seehundfleisch.
Die Menschen brachten Fässer mit getrocknetem Fleisch und Wasser zu den Schiffen.
Auch Waffen und viele andere Dinge gehörten dazu.
Doch Blíðfari war verwundert, denn sie luden die Dinge nicht in Leif's Drachen, sondern in ein grösseres und breiteres Boot. Das war doch Bjarni's Schiff! Aber so wie es aussah, gehörte es jetzt Leif.
Blíðfari wusste, bald würden sie wieder in See stechen und Leif würde ihn mitnehmen.
Immer mehr Dinge wurden auf das Schiff geladen, viel mehr als sonst.
Es war Sommer und Nächte gab es um diese Jahreszeit fast keine mehr.
Nach Tagen hatte sich die Aufregung gelegt und Leif, Tyrkir und etliche andere Männer gingen an Bord. Leif hatte Blíðfari und zu dessen Erstaunen auch Geyfa aus seinem Grassodenhaus geholt und sie auf das Schiff gebracht.
Der Mittsommer mit seinen "Endlosen Tagen" war vorbei und es wurde wieder für kurze Zeit Nacht, als sie in See stachen. Das Wetter hatte sich beruhigt und Blíðfari und Geyfa waren die meiste Zeit unter den Ruderbänken, denn das Schiff war wie die Drachenboote offen und alle waren dem Wind und dem Wasser ausgesetzt. Der Wind stand günstig, so dass sie kaum selbst rudern mussten. Nur wenn der Wellengang zu stark war, ruderten sie. Alle halfen dann mit, auch Leif. Blíðfari und Geyfa machte das nichts aus, auch das Wasser scheuten sie nicht so sehr. Die beiden Katzen waren oft mit auf hoher See gewesen.
Drei Tage kämpfte sich das Wikingerschiff durch die Wellen. Oft mussten die Männer Wasser schöpfen, wenn wieder Brecher über die niedrige Bordwand schlugen. Blíðfari war völlig durchnässt und Geyfa ging es nicht besser. Es war schwierig, fast unmöglich, das Wasser aus dem dichten und langem Fell zu bekommen. Er gab nur getrockneten Fisch und Robbenfleisch, denn auf dem kleinen Schiff hatten sie schon am ersten Tag zwei Ratten gejagt und auch erwischt und sonst gab es keine an Bord.
Mehrmals sahen sie Eisberge, die jetzt im Sommer von den Gletschern brachen und ihre Wanderung über das Meer begannen. Doch die Wikinger waren sehr gute Seefahrer, so kam es zu keinem Unglück.
Am vierten Tag war das Meer ruhig, es lag da wie ein stiller See. Auch der Wind hatte nachgelassen und war kaum mehr als eine leichte Prise. Endlich kamen der Kater und die Katze dazu, sich ausgiebig zu säubern.
Nun sassen die Männer alle auf den Bänken und ruderten. Gegen Ende des Tages kam Nebel auf und wurde immer dichter.
Die Nacht war völlig dunkel, der Nebel verschluckte alles Sternenlicht. Wer nicht schlief, sass auf den Ruderbänken und versuchte den Kurs zu halten. Doch irgendwann ging es nicht mehr und alle schliefen. Der Kater kletterte auf die Reling und starrte in die Dunkelheit. Trotz seiner empfindlichen Augen und Ohren war nichts zu sehen oder zu hören ausser dem leichten plätschern des Wassers an der Bordwand.
Der Morgen kam und langsam wurde es heller.
Wieder ruderten sie weiter. Leif unterhielt sich leise mit Tyrkir, alle anderen schwiegen.
Sie hatten keine Ahnung ob der Kurs noch stimmte, denn die Sonne war nicht zu sehen und das Licht kam von überall her. Geyfa hatte sich bei den Vorratsfässern zusammengerollt und Blíðfari sass nahe beim Bug in der Nähe von Leif. Immer wieder schaute der Kater über die Backbordreling, als wäre dort etwas, was die Menschen nicht erkennen konnten.
Katzen haben einen sehr guten Orientierungssinn und Blíðfari wusste, wenn sie diese Richtung beibehalten würden, dann würden sie ins Eismeer geraten. Und er wusste auch, dass dort backbord irgend etwas war. Er wusste nicht, was es war und es war sehr weit weg, aber etwas war dort. Jetzt kam auch Geyfa zu ihm und die beiden Katzen starrten über die Reling.
Leif der sich bis dahin mit Tyrkir unterhalten hatte schaute erst nur kurz zu ihnen, dann zu Tyrkir, dann wieder auf die beiden Katzen. Plötzlich sprang er auf und rief dem Steuermann etwas zu. Aufregung kam unter die Männer, der Steuermann drückte heftig am Ruder während die Steuerbordruderer sich mächtig ins Zeug legten. Langsam drehte sich das Schiff nach backbord. Blíðfari und Geyfa merkten dass das, was sie spürten, sich langsam verschob und der Bug des Schiffes jetzt genau darauf zeigte. Wieder rief Leif dem Steuermann etwas zu und alle ruderten wie verrückt. Den ganzen Tag über ruderten sie so im Nebel.
Gegen Abend wurde der Wellengang wieder grösser und die Katzen hatten sich wieder zu den Vorratfässern zurückgezogen. Und irgendwann in der Nacht sah Geyfa hoch über sich einen hellen Punkt. Ein Stern! Der Nebel begann sich zu lichten. Die Menschen sahen es nicht, denn keiner blickte nach oben.
Im laufe der Nacht kamen immer mehr Sterne zum Vorschein und auch der Wind wurde kräftiger. Die Ruderer konnten sich nun ausruhen.
Als es dämmerte war der Nebel verschwunden.
Blíðfari war wieder vorn am Bug, wo auch Leif stand. Der konnte jetzt wieder die Richtung bestimmen. Er beugte sich zu Blíðfari, hob ihn hoch, zeigt ihn der Mannschaft und rief ihnen etwas zu, was Blíðfari nicht verstand. Jedenfalls bekamen er und Geyfa an diesem Tag eine Extraportion Robbenfleisch.
An diesem Tag und in der folgenden Nacht brauchten sie nicht zu rudern, denn der Wind frischte immer mehr auf und er kam aus der richtigen Richtung.
Leif stand immer noch am Bug und schaute angespannt nach vorn. Blíðfari war neben ihm, mit den Vorderpfoten auf der Reling und schaute in die gleiche Richtung. Nach einiger Zeit gesellte sich Geyfa zu ihnen. Gegen Mittag glaubte der Kater, etwas am Horizont zu erkennen. Leif hatte es auch gesehen. Und sie fuhren direkt darauf zu.
Das war eine Küste, noch weit weg zwar, aber eindeutig eine Küste. Alle drängten jetzt zum Bug und wollten es auch sehen, bis Leif ein Machtwort sprach. Dann kehrte wieder Ruhe ein.
Noch vor dem Abend erreichten sie die Küste, doch ein anlanden war unmöglich, zu felsig war die Küste und riesige Brecher schlugen gegen das Gestein. Das Schiff schaukelte bedenklich. Man konnte sehen, dass die Felsen oben flach waren und sich erstreckten soweit das Auge reichte.
Doch da sie nicht landen konnten, wendeten sie und fuhren an dieser Küste entlang nach Süden, um eine geeignete Landestelle zu finden. Einen Tag und bis zur Mittagszeit des nächsten segelten und ruderten sie.
Endlich kam ein etwas flacherer Küstenabschnitt in Sicht. Zwar gab es auch hier Felsen, doch dazwischen immer wieder kleine Kiesstrände. Auf so einen Strand steuerten sie zu. Knirschend schob sich das flache Schiff ein wenig auf den Kies und kam dann zum Stillstand.
Mit Blíðfari auf dem Arm sprang Leif über die Bordwand, gefolgt von Tyrkir, der Geyfa hielt.
So erreichten Leif und seine Wikinger das Land, das er in ihrer Sprache Helluland, "Felsenland", nannte.
Blíðfari war von Leif's Arm in den Kies gesprungen und begann herumzustromern. Nach kurzer Zeit folgte ihm Geyfa.
Doch ausser Felsen und Kies gab es hier nichts, so kehrten sie bald zu den Menschen zurück.
Die entzündeten gegen Abend am Strand ein kleines Feuer und sassen darum herum. Es wärmte nicht sehr, denn sie mussten mit dem Holz sehr sparsam sein, ausserdem war vieles nass geworden und brannte nicht richtig. Bis spät in die Nacht sassen sie dort und redeten.
Immer wieder schlichen sich die beiden Katzen fort, weil sie glaubten etwas gesehen oder gehört zu haben, doch es stellte sich heraus, dass das nur der Wind und das Wasser gewesen war.
Der nächste Morgen war grau, aber nicht stürmisch. Sie schoben das Schiff gemeinsam wieder in die Brandung und stiegen ein.
Und weiter ging die Fahrt, immer an der Küste entlang.
Tage um Tage vergingen an denen sie die Küste entlang segelten. Das Wetter war zwar besser, aber der Wind stand nicht immer günstig, so dass sie oft das Segel einholen und rudern mussten. Für Blíðfari und Geyfa waren das eintönige Tage.
Langsam nur änderte sich die Landschaft.
Helluland lag nun schon einige Tagesreisen hinter ihnen, als sie auf den Felsen einzelne verkrüppelte Bäume sahen.
Je weiter sie an der Küste entlang fuhren, um so mehr wurden es.
Schliesslich hörten die Felsen ganz auf und das Land war von einem riesigen Wald bedeckt.
Es war auch wärmer geworden, nicht viel, aber immerhin wärmer.
Endlich fanden sie eine geeignete Landestelle. Diesmal war es ein Sandstrand.
Und wieder ging Leif mit Blíðfari als erster an Land.
Dieses Land nannte Leif Markland, was Waldland bedeutete.
Und diesmal blieben sie länger. Blíðfari und Geyfa bestaunten die hohen Bäume, so etwas hatten sie noch nie gesehen. Man konnte an der Rinde die Krallen wetzen und auch hinaufklettern. Kleinere Tiere gab es hier, die sie auch noch nie gesehen hatten. Die beiden Katzen begannen zu jagen und machten reiche Beute. Auch Leif und seine Männer gingen auf die Jagd um die Vorräte aufzufüllen. Die Tage waren aufregend und es gab viel zu entdecken.
Die Wikinger hatten kleinere Unterkünfte gebaut in denen sie abends zusammensassen und sich berieten. Wärmendes Feuer war immer da, denn Holz gab es jetzt hier genug.
Und die Jagdbeute brachte Abwechslung in ihren Speiseplan, was auch die beiden Katzen sehr schätzen.
Einige Tage blieben sie dort in diesem Waldland, dann drängten Leif und Tyrkir zum Aufbruch. Proviant und frisches Wasser wurde an Bord gebracht, dann legten sie ab und fuhren weiter die Küste entlang nach Süden.
Immer flacher wurde die Küste und der Wald nahm kein Ende.
Zweimal landeten sie an flachen Stränden, doch lieben sie nur kurz.
Dann wich das Land zurück, obwohl sie immer noch den gleichen Kurs hielten.
Irgendwie roch das Wasser jetzt anders, den Katzen kam es vor wie das Trinkwasser, das sie mitführten.
Später liess der Geruch nach und der salzige Meergeruch lag wieder in der Luft.
Nach einem halben Tag tauchte wieder Land vor ihnen auf und sie hielten genau darauf zu.
Es war flach und sie konnten erst nur wenige Bäume entdecken.
Als sie näher kamen, sahen sie grasbewachsene Hügel und dahinter wieder den Wald.
Tyrkir redete ganz aufgeregt mit Leif, der dann einen scharfen Befehl rief. Das Segel wurde eingeholt und die Ruderer stemmten sich gegen die Strömung.
Da war wieder ein Strand, doch er dehnte sich endlos in beide Richtungen. Sehr breit war er nicht und dahinter begann das Grasland. Wie zuvor ging Leif mit Blíðfari als erste an Land.
Blíðfari merkte sehr gut, dass Leif sehr zufrieden und glücklich war, er hatte ein Gespür dafür.
Dann setzte er Blíðfari ab. Inzwischen war auch Tyrkir mit Geyfa und den Anderen von Bord gegangen. Da standen sie und schauten sich um. Soviel Gras! Und zum Wald war es nicht weit. Hier wäre gut zu leben, alles, was sie brauchten, war hier zu finden, anders als in Grönland. Daher nannte Leif Erikson dieses Land Vinland, was Weideland bedeutete.
Die beiden Katzen erkundeten die Gegend ausgiebig und drangen sogar bis zum Wald vor.
Der war anders als der Wald in Markland. Dort hatte es nur hohe Bäume mit Nadeln gegeben, doch hier hatten viele Bäume Blätter und weit ausladende Äste. Geyfa machte sich einen Spass daraus, ein Stück an der Rinde hochzuklettern. Plötzlich stutzte sie. Da war ein Tier, wie sie noch nie gesehen hatte. Kleine Nager hatte sie in Markland kennengelernt, auch Ratten und Mäuse kannte sie.
Doch was da auf den Hinterfüssen auf einem Ast hockte, war ihr völlig unbekannt.
Wie eine sehr grosse braune Ratte sah es aus, nur mit einem riesigen buschigen Schwanz und Kulleraugen..
Es starrte die Katze an und wusste offensichtlich auch nicht, was es davon halten sollte.
Es hatte wohl noch nie eine Katze gesehen und machte bis jetzt keine Anstalten zur Flucht.
Aus kurzer Entfernung beobachtete Geyfa das fremde Tier. Erlegen würde sie es können, so gross war es nun auch wieder nicht. Nervös zuckte ihr Schwanz hin und her.
Bald hatte sie genug und ging in Angriffstellung.
Mit einem riesigen Satz sprang sie nach vorn.
Doch noch bevor sie das Tier erreichte, war dieses mit einer Schnelligkeit am Baumstamm hochgeklettert, die Geyfa richtiggehend verblüffte.
Es rannte auf einem höheren Ast bis zu dessen Ende und sprang dann mit einem mächtigen Satz zum nächsten Baum, wobei es seinen Schwanz wie ein Steuerruder in der Luft benutzte. Aus sicherer Entfernung äugte es zu der Katze hinüber. Dann rannte es senkrecht am Baumstamm hoch und war kurz danach in den dichten Blättern verschwunden.
Geyfa schaute noch eine Weile auf die Stelle an der das Baumtier verschwunden war, dann sprang sie wieder auf den Boden. Seltsame Dinge gab es in diesem Land.
Erst mitten in der Nacht kehrte sie wieder an den Strand zurück.
Inzwischen hatte Leif's Männer Bäume gefällt und damit begonnen Häuser zu errichten.
Natürlich würde es einige Zeit dauern bis diese fertig waren, doch alle halfen mit.
Auch Blíðfari war herumgestromert und hatte rattengrosse Tiere entdeckt, braun mit schwarzen Streifen auf dem Rücken und einem Stummelschwanz.
Eines hatte er sogar erlegt. Jedenfalls würden sie hier auf keinen Fall verhungern.
Auch frisches Wasser gab es genug.
In den nächsten Tagen wuchsen die Häuser heran und würden bald fertig sein.
Sie waren aus Holzbalken und die Wikinger bedeckten sie mit Grassoden. Drei waren es, eine richtige kleine Siedlung. Und sie bekam einen Namen: Leifsbouir.
Die Tage vergingen und die Wikinger und auch die Katzen erkundeten die Umgebung.
Es war völlig anders als in dem doch ziemlich kargen Grönland.
Oft streifte Blíðfari mit Geyfa durch das Gras oder den Wald.
Abends, bevor sie ihre nächtlichen Streifzüge begannen, sassen sie oft bei Leif und seinen Männern am Feuer in einem der Häuser, die nun fertiggebaut waren.
Meist waren sie erfolgreich bei der Jagd, so dass sie kaum noch etwas von den Wikingern brauchten.
So blieben sie mit den Menschen in Leifsbbouir.
Doch die Tage wurden nun immer kürzer und bald würde der Winter kommen.
Der Winter kam mit Macht, Schneestürme peitschen über das Land und alles war von einer weisen Schicht bedeckt. Es wurde bitterkalt, doch nicht so kalt wie in Grönland.
Not litten sie nicht, denn Holz gab es genug und im Wald eine Menge Tiere, die sie jagen konnten.
Alle, auch die beiden Katzen, waren die Kälte gewohnt und so konnten sie sich darauf einrichten.
Blíðfari und Geyfa zog es immer wieder ins Freie. Auf einem dieser nächtlichen Streifzüge entdeckte Blíðfari eine seltsame Spur im Schnee. Er schnüffelte daran, doch anders als Hunde wollte er der Spur nicht folgen. Kleine Nager waren rar geworden bei diesem Wetter, doch er schlich weiter durch den Wald auf der Suche nach Beute. Dann sah er es.
So etwas war ihm unbekannt. Das war doch... eine Katze! Ganz eindeutig eine Katze!
Und was für eine Katze! Viel grösser als er und er war schon ziemlich gross. Die seltsame Katze war grau, hatte die Grösse eines Hundes, nur einen kurzen Stummelschwanz und riesige Ohrbüschel. Blíðfari hatte auch Ohrbüschel, aber die der fremden Katze waren riesig.
Sie hatte offensichtlich Beute gemacht, ein Kaninchen oder einen Hasen, von denen es hier viele gab. Jetzt schleppte die Riesenkatze ihre Beute fort. Plötzlich ließ die Riesenkatze ihre Beute fallen und sah sich vorsichtig um. Sie hatte wohl etwas gehört oder gewittert.
Sie schaute genau in Blíðfari's Richtung, der sich in den Schnee duckte, so gut es ging.
Sie musst in gesehen haben! Reglos starrten sich die beiden Katzen an.
Plötzlich schnappte die fremde Katze nach ihre Beute und trottete durch den Schnee davon, Blíðfari nicht mehr beachtend. Der war ganz durcheinander. Es gab Katzen hier, Riesenkatzen! Auch wusste er das Verhalten nicht zu deuten. Die fremde Katze musst ihn gesehen haben, trotzdem war sie völlig desinteressiert gewesen. Blíðfari hätte sich allerdings auch nicht auf einen Kampf eingelassen, dafür wäre sein Gegner einfach zu gross gewesen.
Und es war wohl auch so, das er weder als Gefahr noch als Beute eingestuft worden war.
In der folgenden Zeit sahen sie viele Spuren im Schnee und auch öfter die dieser seltsamen Katze. Doch zu Gesicht bekamen sie diese nicht wieder.
Der Winter war anders als in Grönland. Es war kalt, aber nicht so kalt wie dort und es gab auch keine "Endlosen Nächte". Die Tage wurden zwar kürzer, aber sie blieben nie ganz aus.
Und endlich wurden sie auch wieder länger.
Viele Vollmonde waren vergangen, als der Schnee zu schmelzen begann.
Die Männer besprachen sich und Leif beschoss, zurück nach Grönland zu segeln, um noch vor dem Mittsommer dort zu sein. Einerseits freuten sich Blíðfari und Geyfa, dass es wieder auf Seefahrt ging, andererseits wären sie gerne hiergeblieben.
Der Tag kam, an dem sie begannen, das Schiff zu beladen, mit Fellen erlegter Tiere, Früchten, aber auch Holz.
Eines Morgens, es war bereits ziemlich warm geworden, gingen sie an Bord.
Die See war rau und das Schiff lag schwer im Wasser. Die Männer kämpften hart an den Rudern gegen den Seegang, bevor sie weit genug vom Land das Segel setzen konnten.
Blíðfari und Geyfa waren beim Steuermann am Heck und schauten auf das Land.
Sie wären schon gerne hier geblieben in diesem Land, doch sie wollten bei den Menschen bleiben und würden sie nicht verlassen.
Immer weiter trieb der Wind das Schiff auf das offene Meer hinaus, bis Leif den Befehl gab, den Kurs in Richtung Grönland zu setzen.
Hinter ihnen verschwand Vinland am Horizont. Doch Leif, seine Wikinger und auch die beiden Katzen wussten eines: Sie würden wiederkommen.
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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Mo 23. Sep 2013, 23:03

Die Reise der sanften Riesen - Snorri

Ihre Ankunft machte ziemlich viel Wirbel.
Niemand hatte mehr geglaubt, dass Leif Erikson jemals zurückkäme.
Alle liefen sie zum Strand, als das Schiff gesichtet wurde.
Langsam kam das Schiff den Fjord herauf näher, bis es endlich knirschend auf den Kies auflief.
Doch alle hielten respektvoll Abstand als Leif, gefolgt von Tyrkir als erster aus dem Schiff sprang.
Die Katzen waren in den Häusern geblieben oder streiften in der Gegend umher.
Noch interessierte es sie nicht, was die Menschen am Strand trieben.
Am Abend drängten sich die Menschen in der Versammlungshalle. Fast alle waren gekommen um Leif's Bericht zu hören und auch einige Katzen hatten sich gemütlich eingerichtet. Sie kannten diese Versammlungen, die öfter stattfanden und kassierten viele Streicheleinheiten und auch machen Leckerbissen.
Lange saßen sie in der grossen Halle, und Leif erzählte von seiner Fahrt.
Fast alle Katzen waren in der Halle, in deren Mitte ein grosses Feuer brannte.
Außer Blíðfari und Geyfa waren da noch Ánægja, Bjösa, Draumsýn, Farfús, Fjölmóður, Hugljúfur und noch einige andere.
Gespannt lauschen sie den Erzählungen Leif's und seiner Männer.
Bis tief in die Nacht saßen sie so in der grossen Halle und immer wieder fragten die Bewohner der Siedlung Leif nach bestimmten Dingen in seiner Saga, besonders über Vinland.
Später sah man viele nachdenklich nach Hause gehen.
Blíðfari hatte, genau wie Geyfa, Vinland gesehen und obwohl dort vieles anders war, würde er gerne mit Leif dorthin zurückkehren. Und vielleicht würden sie noch einige Katzen mitnehmen.
Der Winter kam und mit ihm die Kälte und die Dunkelheit.
Für die Wikinger wurde die Robbenjagd jetzt schwieriger und auch die Katzen fanden kaum noch Beute.
Viel unternehmen konnten sie nicht und es wurde ihnen, wie in jedem Winter ziemlich langweilig. Zwar trieben sie immer ihren Schabernack mit den Männern und Frauen, aber der Winter dehnte sich endlos. Doch auch der längste Winter geht einmal zu Ende und so kam der kurze Frühling. Das Eis war gebrochen und sie konnten wieder auf's Meer.
Am Ende des Winters begannen die Wikinger, ihre Schiffe auszurüsten. Drei waren es, ein Lastenschiff und zwei Drachen.
Alles luden sie in die Schiffe, ihren gesamten Hausrat.
Auch einige Kühe wurden auf das Lastschiff gebracht.
Und natürlich gingen auch einige Katzen an Bord, mehrere auf jedes Schiff.
Sie richteten sich auf den Schiffen ein, alle waren sie schon auf hoher See gewesen und fürchteten das Wasser nicht.
Noch etwas mussten sie warten, bis der Wind günstig stand, denn die Schiffe waren voll beladen und nur sehr schwer zu rudern und zu steuern.
Endlich war es soweit.
Lange vor Mittsommer segelten sie los.
Die See lag ruhig, nur der Wind lag etwas ungünstig, so dass sie am Anfang der Reise etwas rudern mussten. Immer wieder kam für kurze Zeit Nebel auf, doch sie konnten den Kurs halten.
Nach Tagen kam die Küste in Sicht, es war Markland. Richtung Süden segelten sie weiter, Vinland entgegen. Die Katzen waren ganz aufgeregt, ausser Blíðfari und Geyfa, die ja schon dort gewesen waren.
Endlich konnten sie anlanden und wie vor vielen Monden ging Leif mit Blíðfari als erster von Bord. Ihm folgten Tyrkir und Thorvald, Leif's Bruder.
Nach und nach stiegen alle aus den Schiffen und schauten sich um.
Auch die Katzen und alle anderen Tiere brachten sie von Bord.
Ausser für Blíðfari und Geyfa war für die Katzen das alles neu. So ein Land hatten sie noch nie gesehen. Grönland war karg, aber hier gab es Gras und Bäume, Vögel waren in der Luft und überall raschelte und bewegte sich etwas.
Auch die Menschen standen erst einmal da und schauten sich um.
Viele waren mit nach Vinland gekommen, ganze Familien.
Die Häuser von Leifsbouir würden sie reparieren müssen, denn der Winter hatte ihnen ziemlich zugesetzt.
Noch einige Grassodenhäuser bauten sie und eine kleine Versammlungshalle, sie nannten es Thinghaus.
Jedes Haus wurde von einer Familie bezogen und in vielen lebten Katzen.
Weiden für die Kühe gab es genug und das Leben war nicht mehr so hart wie in Grönland.
Die Katzen erkundeten die Gegend und markierten ihre Reviere.
Ánægja hatte sein Revier nahe am Wald, denn dort gab es reichlich Beute.
Zu den Häusern war es nicht weit und wenn er ruhen wollte, konnte er sich einen Platz im Gras oder zwischen den Bäumen suchen, was er oft und ausgiebig tat.
So auch an jenem Tag. Er hatte sich einen Platz neben einem Gebüsch ausgesucht, als er ein Geräusch hörte, das er nicht einordnen konnte.
Da war etwas zwischen den Bäumen. Ánægja konnte es erst nicht genau erkennen.
Es bewegte sich vorsichtig. Dann erkannte er, dass es ein Mensch war.
Seltsam war er gekleidet, anders als die Wikinger. Und er schlich durch das Unterholz, als wolle er nicht entdeckt werden. Seltsam war das schon, ausser den Wikingern hatte sie in Vinland noch nie andere Menschen gesehen. Der Mensch war mit Fellen und Leder bekleidet, aber nicht wie die Kleidung der Wikinger.
Ánægja beobachtete den Mensche eine Weile und der entdeckte den Kater nicht.
Dann schlich der Mensch wieder rückwärts in den Wald zurück und Ánægja wollte ihm nicht folgen, er wollte eher noch etwas ruhen.
In den nächsten Tagen ereignete sich nichts besonderes und Ánægja hatte die Sache schon vergessen.
Plötzlich gab es ein Geschrei und die Männer liefen zusammen und starrten in Richtung des Waldes. Vier waren es, die dort standen und sie sahen genau so aus, wie der, den Ánægja vor einigen Tagen im Wald gesehen hatte.
Die Männer standen alle beisammen, die Hände an den Schwertgriffen. Leif ging den Vieren entgegen. Diese hatten Speere, aber die waren zum Boden gesenkt.
Stumm standen sich die Fremden und Leif gegenüber.
Nach einer Weile begann Leif zu lachen und kurze Zeit danach fielen die Fremden ein.
Leif deutete auf die Fremden und sagte nur: " Skrælingar!" Dann lachte er wieder.
Ánægja kannte das Wort, er hatte es oft gehört, wenn Wikinger untereinander in Streit gerieten. Es bedeutete "Hässlich" oder auch "Schwächling" und war unter Wikingern eine schwere Beleidigung. Doch die Fremden verstanden es offensichtlich nicht und lachten weiter. Dann redeten sie in einer fremden Sprache mit Leif.
Keiner verstand, was sie sagten, doch schienen sie nicht feindlich gesinnt zu sein.
In der folgenden Zeit besuchten die Fremden, die von den Wikingern einfach nur Skrælingar genannt wurden, immer wieder mal Leifsbouir. Und langsam verstanden die Wikinger etwas von ihrer Sprache. Daher kam es, dass ein kleiner Tauschhandel zustande kam, meistens Felle gegen Metall, das die Skrælingar nicht kannten.
So hatten sie sich eingelebt und das Leben ging einen geruhsamen Gang.
Jetzt lebten nicht nur Männer in der Siedlung, sondern einige Familien.
Und bei vielen lebten Katzen.
Beute gab es genug, doch nicht immer war die Jagd erfolgreich, den die Katzen kannten nur die wenigen Tiere, die es in Grönland gab, doch hier war das anders und vieles was sie als Beute ansahen, konnte sehr schnell ziemlich gefährlich werden.
Kämpfen konnten sie, wenn es sein musste, doch nur dann, wenn es keinen anderen Ausweg gab. Doch wenn es einen Kampf gab waren sie mutig, stark und schnell.
Sie hatten alles was sie brauchten und waren die meiste Zeit sehr friedlich.
Die Menschen mochten sie und sie mochten die Menschen.
Obwohl sie unter den Tieren mit der Zeit gefürchtete Jäger waren, waren sie doch den Menschen sehr zugetan und friedlich.
Daher wurden sie auch "Die sanften Riesen" genannt.
Die Tage wurden kürzer und kürzer, doch es gab keine "Endlose Nächte" mehr.
Gelegentlich erschienen einige Skrælingar und die Wikinger tauschten mit ihnen Dinge.
Blíðfari blieb bei Leif, Geyfa hatte sich bei einer Familie einquartiert, bei Þorfinnur Karlsefni und seiner Frau Guðríður Þorbjarnardóttir.
Der Winter verging und Sommer verlief geruhsam, doch in der Mitte des nächsten Winters bemerkte Geyfa eine Veränderung bei Guðríður. Erst wusste sie es nicht so recht einzuordnen, doch dann konnte sie es riechen. Guðríður war schwanger. Der Winter verging und Guðríður bekam einen immer runderen Bauch. Geyfa hatte das bei den Menschen schon oft gesehen und wunderte sich deswegen nicht. Sie machte weiterhin ihre Reviergänge und kümmerte sich nicht weiter darum. Der Sommer kam und sie sehnte sich nach einem Kater. Viele standen nicht zur Verfügung, doch Hugljúfur war ihr am liebsten. Die Dinge nahmen ihren Lauf und am Ende des Sommers, als die Tage schon kürzer wurden, gebar sie drei Junge, ein Katerchen und zwei Kätzchen. Von der Familie wurde sie in der Zeit nicht sehr beachtet, denn Guðríður stand auch kurz vor der Niederkunft. Vier Tage später war es dann soweit. Guðríður gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Snorri. Die wenigen Kinder in der Siedlung waren alle auf Grönland geboren und so war Snorri Þórfinnsson das erste Kind, das in diesem Land geboren wurde.
Wie die meisten Katzen konnte auch Geyfa neugeborene Menschen nicht ausstehen, denn ihr Geschrei klang in Katzenohren fürchterlich. Nur wenn der kleine Snorri schlief, traute sie sich sogar in sein Bettchen aus getrocknetem Gras und legte sich neben ihn. Guðríður duldete das.
Geyfa's Kinder wurden schnell grösser und fingen an herumzustromern. Doch der Winter kam und mit ihm die Kälte. Eines Tages kehrte eines der Kätzchen nicht mehr von seinem Streifzug zurück. Niemand wusste was passiert war und so blieben Geyfa nur noch ein Kätzchen und das Katerchen.
Im kommenden Frühling konnte Snorri schon laufen und er spielte sehr oft mit den Katzen.
Das Katerchen, das er später, als er sprechen konnte, Aldavinur nannte, begleitete ihn oft und sie spielten zusammen. Snorri wurde grösser und musste oft bei den Kühen helfen, doch Aldavinur war meistens bei ihm. Sein Vater, Þorfinnur Karlsefni, unterrichtete ihn immer häufiger in der Kampfkunst und der Schwertführung, doch Aldavinur verstand nicht, wozu das gut sein sollte. So wuchs Snorri heran und mit ihm Aldavinur. Geyfa war nun auch alt geworden und als Snorri 9 Jahre alt geworden war, starb sie. Snorri begrub sie unter einem grossen Baum im Wald. Vergessen hat er sie nie, denn sie hatte ihm Aldavinur geschenkt.
Die Sommer und Winter kamen und gingen. Immer wieder landeten Schiffe aus Grönland, brachten nützliche Dinge und fuhren wieder los, beladen mit Fracht aus Vinland.
Einige Siedlungen gab es und in allen lebten Katzen. Da gab es ausser Leifsbouir noch Hop im Süden und Straumfjord im Norden.
Doch die Wikinger und auch die Katzen der Siedlungen trafen sich nicht oft, sie waren einfach zu wenige.
Snorri musste jetzt auch auf die Jagd gehen, wie alle Wikinger und Aldavinur begleitete ihn häufig. Die Männer lachten dann und nannten ihn eine Hundekatze. Doch Snorri und Aldavinur störte das wenig.
Eines Tages waren sie auf der Pirsch, als sie ein seltsames Plätschern hörten.
Aldavinur, neugierig wie alle Katzen, schlich vorsichtig näher.
Da war ein Bach und das Schauspiel, dass dort gerade gegeben wurde, verblüffte ihn doch sehr. Seltsame Tiere waren dort im Wasser. Fische waren das nicht, sie hatten ein dunkles Fell, waren etwa doppelt so gross wie der Kater und hatten einen spitz zulaufenden Schwanz.
Sie planschten übermütig im Wasser und spielten mit irgend etwas Glitzerndem.
Jetzt konnte der Kater erkennen, dass das Glitzerding ein Fisch war. Erst hatte er sich im Gestrüpp geduckt, doch nun schaute er ganz offen zu der übermütigen Meute. Die hatte ihn jetzt auch entdeckt und unterbrach ihr Spiel. Einer kam jetzt vorsichtig aus dem Wasser und ihm näher. Er hatte wohl noch nie eine Katze gesehen und zeigte keine Furcht. Der Fremde begann zu schnuppern und Aldavinur wich etwas zurück. Doch das seltsame Wassertier drehte sich um, lief ein paar Schritte zum Bach und schaute dann wieder in Richtung des Katers, so, als wolle es ihn auffordern, mitzuspielen.
Langsam und vorsichtig kam der Kater näher. Die Tiere fingen wieder an im Wasser herumzutollen und Aldavinur sah ihnen vom Ufer aus zu. Obwohl er das Wasser, wie alle Wikingerkatzen, nicht scheute und auch manchmal damit spielte, so mochte er den seltsamen Fisch-Land-was-auch-immer-Tieren nicht in den Bach folgen.
Indessen hatte Snorri den Kater vermisst und war ebenfalls am Bach angelangt.
Dort setzte er sich in einiger Entfernung auch einen Stein und sah dem Treiben eine Weile zu.
Erst als er wieder aufstand und dabei nicht gerade leise war, schreckten die Wasserbewohner auf und tauchten unter. Aldavinur hatte jetzt Snorri auch entdeckt und sprang mit einigen Sätzen zu ihm. Snorri lachte, als der Kater bei ihm war. "Na, mein alter Freund, hast du neue Freunde gefunden? Aber pass auf, Fischotter können gut zubeissen."
Fischotter hiessen diese Tiere also. Aldavinur rieb sich an Snorri und schnurrte.
Von dem Tag an besuchte Aldavinur immer wieder die Fischotter und manchmal spielte er mit ihnen, denn sie waren wirklich ein lustiges Völkchen und akzeptierten ihn, als sei er einer der Ihren.
Doch jetzt ging es erst einmal nach Hause. Snorri schulterte die Jagdbeute, einige Wildhühner und sie marschierten los. Schon von weitem konnten sie die Aufregung hören, die in Leifsbouir herrschte. Einige Männer hatte wirklich gute Jagdbeute gemacht. Ein riesiges Tier mit einem Geweih, auf dem sich eine Menge Katzen hätten niederlassen können. Das Fleisch würde für sehr viele Tage reichen.
Spuren dieser Riesentiere, welche die Menschen Elche nannten, hatten die Katzen schon oft gesehen, doch nie eines zu Gesicht bekommen.
Eines Tages war Snorri wieder auf der Jagd und Aldavinur begleitete ihn. Eine Weile machten sie Rast bei den Fischottern, mit denen der Kater inzwischen gut Freund geworden war, dann wanderten sie weiter den Bach entlang. Fast einen halben Tag waren sie gelaufen, als sie ein lautes Krachen hörten. Sofort duckte sich Snorri ins Unterholz und auch der Kater drückte sich ganz flach an den Boden. Dann war eine Art schleifen und ein Geraspel zu hören.
Einen Reim darauf konnte sich weder Snorri noch der Kater machen.
Langsam schlich Snorri in die Richtung, aus der das Geräusch kam und nach einigem Zögern folgte ihm Aldavinur vorsichtig und mit gespitzten Ohren.
Das erste was der Kater sah, war ein kleiner umgestürzter Baum.
Der Baum war weder alt noch morsch, warum war er umgestürzt?
Da raschelte es in den Ästen und ein pelziges Etwas kam zum Vorschein.
Das Tier war viel grösser als Aldavinur, und hatte lange und kräftige Schneidezähne.
Am auffälligsten war sein Schwanz. Der war ganz kahl und wirkte wie plattgedrückt.
Jetzt nagte der Plattschwanz an einem Ast und hatte ihn nach kurzer Zeit vom Stamm getrennt. Den abgetrennten Ast schleppte er zum Bach, wo schon einige andere Äste im Wasser lagen, das dadurch bereits etwas gestiegen war. Snorri verhielt sich Aldavinur gegenüber mittlerweile so, als ob der ein Mensch wäre. Deshalb flüsterte er ihm zu: "Schau Aldavinur, das ist ein Biber. Er baut gerade einen Damm." Der Kater schaute zu dem Biber, der bereits dabei war, den nächsten Ast in Wasser zu ziehen. Eine Weile beobachteten sie noch den Biber, dann brachen sie wieder auf. Jagdbeute hatten sie noch keine gemacht und der Tag war schon weit fortgeschritten. Doch am Nachmittag erlegte Snorri zwei grosse Vögel. Die Wikinger nannten sie Truthähne. Dann machten sie sich auf den Rückweg und trafen in Leifsbouir ein, als es bereits dunkel war. Aldavinur machte noch einen Rundgang in seinem Revier. Plötzlich stieg ein leichter und unverwechselbarer Geruch in seine Nase.
Da war eine Katze und sie war rollig! Wenn das so war, würde er in der nächsten Zeit nicht mehr mit Snorri gehen, sondern hier bleiben und sich um die Katze kümmern. Zu seinem Leidwesen wusste er, dass das die anderen Kater genau so sahen. Also würde er den anderen zeigen, wer hier das Sagen hatte. Dann war es für einige Zeit vorbei mit der Sanftheit der Riesen. Die folgenden Nächte waren ziemlich lautstark, denn jeder der Kater versuchte sich durchzusetzen.
Wer sich schliesslich durchsetzte konnte nie geklärt werden, vielleicht waren es auch mehrere Kater.
Zwei Monde später bekam Dirfska sechs Kätzchen, aber nur vier überlebten die ersten Tage.
So zogen sich die Jahre dahin und auch Aldavinur starb schliesslich. Er hatte ein hohes alter von sechzehn Jahren erreicht. Snorri begrub ihn neben seiner Mutter Geyfa im Wald unter demselben Baum. Und sehr oft besuchte er das Grab, denn Aldavinur war ihm ein sehr guter Freund geworden.
Nach einiger Zeit nahm er Engilbjört zu sich, eines der Kätzchen aus Dirfska's Wurf.
Engilbjört blieb die meiste Zeit in ihrem Revier und begleitete Snorri selten.
Nach Engilbjört kamen im Lauf der Jahre Góðráð und dann der Kater Farmóður, der sich ein riesiges Revier eroberte und auch manchmal mit Snorri auf die Jagd ging.
Manchmal wurde Leifsbouir von den Skrælingar besucht, doch obwohl sie jetzt schon viele Jahre in Vinland lebten, waren die Wikinger nur sehr wenige Male bei den Skrælingar gewesen, denn die zogen oft mit ihrem gesamten Hab und Gut an einen anderen Ort.
Für diesen Mittsommer wollten sie ein grosses Fest machen und auch einige der Skrælingar war schon seit längerem dazu eingeladen worden.
Das Fest war zwar ziemlich ausgelassen, doch die Katzen mochten den Lärm nicht und streiften daher lieber durch ihre Reviere. Farmóður war am Anfang noch bei Snorri geblieben, denn er wartete noch auf die Schale frischer Milch, die er regelmäßig bekam. Einige der Skrælingar waren schon da und beobachten das ganze erstaunt. Denn so eine weiße Flüssigkeit kannten sie nicht. Thorvald, Leif's Bruder gab den Skrælingar auch Schalen mit Milch, doch erst als Thorvald auch einen Becher davon trank, versuchten die Skrælingar das neue Getränk. Und so, wie es aussah, schmeckte es ihnen. Das Fest nahm seinen Fortgang und Farmóður verdrückte sich. Er musste sein Revier kontrollieren und frische Markierungen setzen.
Es dämmerte schon als er zur Siedlung zurückkehrte. Noch im Wald nahm er einen üblen Geruch wahr. Zwischen den Bäumen waren dünnflüssige Exkremente und sich rochen nach Mensch. Der Kater kümmerte sich nicht weiter darum, sondern lief zu Snorri's Grassodenhaus und suchte sich eine Ecke zum Ausruhen. Die Skrælingar waren schon fort und die Wikinger schliefen noch. Erst am Nachmittag kamen sie aus ihren Häusern und begannen, die Reste des Festes aufzuräumen. Die nächsten Tage waren ruhig und nichts besonderes geschah.
Einige Tage später war Farmóður, wie die meisten Katzen auf seinem nächtlichen Streifzug.
Erst im Morgengrauen kam er zurück, als er schon von weitem ein Furchtbares Geschrei hörte und es kam aus der Siedlung. Erst schlich er sich vorsichtig näher, dann duckte er sich in's Gras. Was er sah, entsetzte ihn. Da waren Skrælingar, sehr, sehr viele Skrælingar und sie kämpften mit den Wikingern. Diese hatten die besseren Waffen aber die Angreifer waren einfach in der Überzahl. Es hatte unter den Wikingern schon vier Tote gegeben. Farmóður verstand nicht, was da vor sich ging. Er duckte sich tiefer in's Gras und erst als ein Pfeil sich dicht neben ihm ins Gras bohrte, flüchtete er in den Wald. Den ganzen Tag und die folgende Nacht blieb er in einem Versteck. Dann hatte er Hunger. Er würde erst auf die Jagd gehen bevor er zur Siedlung zurückkehrte und nachschaute was eigentlich passiert war.
So kam es, dass er erst am Abend des nächsten Tages nach Leifsbouir kam.
Doch Snorri war nicht da. Er untersuchte die anderen Häuser. Doch niemand war da. Auch die Kühe waren weg. Einige der Katzen hatten sich in dem Getümmel auch in den Wald geflüchtet und kamen wieder zurück. Alle waren sie ratlos. Sie fanden noch zwei Katzen, die sich in den Häusern versteckt hatte. Und so erfuhren sie, dass die Wikinger noch in der Nacht alles auf die Schiffe verladen hätten. Die Schiffe! Farmóður rannte zum Strand.
Der Strand war leer, wo waren die Schiffe?
Es waren keine mehr da, die Schiffe waren weg!
Vielleicht wären die Katzen von den Wikingern mitgenommen worden, wenn sie sich nicht im Wald oder anderswo versteckt hätten.
Doch es war nun einmal so und Farmóður wusste, sie waren jetzt auf sich selbst gestellt.
Sie waren alle gerne mit nach Vinland gekommen und sie würden bleiben.
Vielleicht kämen ja die Wikinger wieder.
Farmóður und die anderen Katzen würden darum kämpfen, sie würden bleiben und sie würden warten.
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mike1024
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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Mo 23. Sep 2013, 23:04

Die Reise der sanften Riesen - Heimatlos

Farmóður wusste nicht, was er tun sollte
Die Drachen waren weg. Und nicht nur die, sondern auch die Lastenschiffe. Alles war weg, niemand war mehr da.
Die Katzen untersuchten alle Häuser gründlich, doch sie fanden niemand, alles war verlassen.
Schliesslich blieben sie in den Häusern, in denen sie vorher gewohnt hatten.
Doch die waren bis auf die Katzen leer und das bedrückte sie gewaltig.
Nach einigen Tagen kamen doch wieder Menschen in die Siedlung
Doch das waren Skrælingar, und die Katzen trauten sich nicht in ihre Nähe, zu frisch war noch das, was geschehen war.
Die Skrælingar durchsuchten alle Häuser und auch das Thinghaus und sie waren sichtlich aufgeregt und wütend.
Wer von den Katzen noch in den Häusern war, flüchtete. Doch sie wurden von den Skrælingar nicht verfolgt, ja, es schien sogar als ob diese einen gewissen Respekt oder vielleicht sogar Furcht vor ihnen hätten.
Doch zurück in die Siedlung getraute sich trotzdem niemand. Also beschlossen sie, sich im Wald neue Reviere zu suchen. Der Wald war riesig, es gab genug Beute und frisches Wasser.
Verstecke würden sich auch schnell finden lassen.
So richteten sie sich in der Wildnis ein.
Einige Zeit lief das auch sehr gut. Farmóður wusste wo die Fischotter lebten und dass mit ihnen gut auszukommen war. In kurzer Zeit erlernte er den Fischfang und obwohl er nicht wie die Otter im Wasser schwamm oder tauchte, war er in der Fischerei ziemlich erfolgreich. Die anderen Katzen hatten ihre Reviere im Wald und zwei davon waren trächtig.
Doch über Nacht kam der Winter. Der Bach war zugefroren und die Fischotter hatten sich in ihre geschützten Unterkünfte zurückgezogen.
Der Winter waren sehr hart, doch da ihre Vorfahren aus dem kalten Norwegen, aus Island und aus Grönland stammten, kamen sie einigermassen damit zurecht. Viele der Neugeborenen überlebten die ersten Tage nicht, daher blieb ihre Zahl gering.
Denn Beute gab es genug in diesen Wäldern, aber auch Feinde, die sie nicht kannten.
Es war gefährlich und nur die stärksten und grössten überlebten.
Die Wälder waren riesig und man konnte von Vollmond zu Vollmond darin wandern ohne etwas anderes als Bäume zu sehen.
Und da keine Wikinger mehr da waren, die ihnen Namen gaben, gaben sie ihren Jungen ihre eigene Katzennamen.
Als der Frühling begann, entdeckten sie zwei halbverhungerte und abgemagerte Katzen.
Wie sich herausstellte, kamen sie von Straumfjord im Norden und waren den langen Weg den ganzen Winter unterwegs gewesen.
Auch in Straumfjord hatten die Skrælingar angegriffen, nur viel brutaler als in Leifsbouir. Dort gab es keine Häuser mehr, die Skrælingar hatten alles zerstört. Ob Wikinger entkommen waren, wussten die beiden Katzen nicht, ebenso wenig, ob andere Katzen überlebt hatten.
Die beiden schlossen sich denen aus Leifsbouir an.
Der Frühling kam, das Eis taute und auch die kleinen braunen Nager und andere Beute kam wieder zum Vorschein.
Dann kam der Sommer.
Die überlebenden Neugeborenen waren jetzt gross genug um sich ein eigenes Revier zu suchen. Platz dafür gab es in den Wäldern genug.
Einige beschlossen, nach Süden zu wandern und Hop zu finden. Vielleicht gab es dort noch Wikinger. Farmóður ging mit ihnen.
Die Katzen wanderten nicht gemeinsam nach Hop, denn das ist nicht nach ihrer Art. Auch wussten sie den Weg nicht, nur, dass Hop im Süden lag. Einige waren schon dort gewesen, aber mit den Wikingern auf ihren Drachenbooten, den Landweg kannten sie nicht. Im Sommer drangen sie weit in den Süden vor, doch dann kam der Herbst und sie mussten sich auf den Winter vorbereiten.
Die Schneestürme kamen, und Beute wurde rar. Auch Fischfang war nicht mehr möglich, denn die Bäche waren zugefroren. Doch die grössten und stärksten erwischten ab und zu einen Schneehasen. Doch sie mussten sehr vorsichtig sein, denn die Schneehasen waren auch die Lieblingsbeute der Luchse und trotz ihrer Grösse wollte sich niemand mit einem Luchs anlegen. Nicht alle überlebten den Winter und als sie sich am Beginn des Frühlings an einem Versammlungsplatz trafen, sah Farmóður, dass einige fehlten. Doch vier Katzen waren rollig und so würde es bald Nachwuchs geben.
Gelegentlich trafen sie auf Familien von Fischottern, mit denen sie sich anfreundeten.
Auch einige Biberbehausungen gab es, doch die Biber beachteten sie nicht und arbeiteten lieber an ihren Dämmen.
Farmóður stromerte oft mit Schneeläufer durch den Wald. Schneeläufer war einer der jüngeren Kater, er war geboren worden, als die Wikinger schon fort waren.
Eines Tages war Schneeläufer allein unterwegs. In der Nähe eines Baches hatte er Vögel entdeckt, die sorglos auf dem Waldboden nach Futter suchten.
Geduckt wartete er ab. Er musste den richtigen Moment abwarten, sonst wären die Gefiederten schnell wieder in der Luft.
Doch dazu kam es nicht. Ein Geraschel und Scharren war plötzlich zu hören und das Vogelvolk ergriff sofort die Flucht.
Dann sah Schneeläufer, was die Geräusche verursacht hatte.
Das Tier sah seltsam aus. Um die Augen waren dunkle Ringe im Fell gezeichnet und es hatte eine lange Schnauze. Irgendwie sah es mit seinem buschigen Schwanz wie ein kleiner Bär aus.
Der Fremde beobachtete ihn aufmerksam, doch eine feindselige Haltung nahm er nicht ein.
Er schnüffelte und kam dabei Schneeläufer immer näher. Der buckelte jetzt und sträubte den Schwanz. Er begann zu fauchen.
Der Fremde öffnete das Maul und eine Reihe spitzer Zähne wurden sichtbar. Er fauchte zurück. Schneeläufer spannte seine Muskeln und stellte sich auf einen Kampf ein.
Doch das Gefauche ging noch eine Weile so. Auch der seltsame Bär war in Angriffsstellung gegangen, doch er griff nicht an. So standen sie sich einige Zeit gegenüber, bis der Bär genug hatte und seitlich davonlief. Diese Begegnung war gimpflich ausgegangen.
Der Kater wusste nicht, wie ein Kampf ausgegangen wäre, denn er hatte die langen Krallen an den Vorderpfoten des Bären gesehen und er wusste nichts über diese seltsamen Tiere.
In der folgenden Zeit sah Schneeläufer immer wieder diese seltsamen kleinen Bären auf ihren nächtlichen Streifzügen.. Und einmal beobachtete er etwas merkwürdiges. Einer dieser Bären hatte etwas essbares nahe bei einem Bach gefunden.
Da sah Schneeläufer aus einem sicheren Versteck heraus, wie der kleine Bär mit seiner Beute zum Bach trippelte und sie dort ins Wasser tauchte. Er war irritiert. Zwar wusste er aus Erzählungen, dass die Menschen das auch manchmal machten, sie nannten das "waschen", doch ihm selbst würde es niemals einfallen, ihre Beute ins Wasser zu tauchen. Wozu sollte das auch gut sein?
Jedenfalls verzehrte der "Waschbär" anschliessend seine Beute mit offensichtlichem Genuss.
Doch da sie nicht gefährlich waren, wenn man sie in Ruhe ließ und ihnen ihre Beute nicht streitig machten, gingen die Katzen den Waschbären einfach aus dem Weg oder ignorierten sie.
Einige Sommer und Winter waren vergangen, als sie endlich Hop erreichten.
Doch von der Siedlung war nicht mehr viel übrig, Nur die Grundmauern der Häuser waren noch sichtbar, alles andere war zerfallen. Sie fanden einige verkohlte Balken, also musste es hier gebrannt haben. Wikinger oder andere Menschen waren nicht zu sehen.
Und sie fanden unter den Balken zwei Katzenskelette.
Einige Tage später waren alle Katzen in Hop angekommen. Sie versammelten sich unter einem Baum im nahen Wald. Nun gibt es unter den Katzen keinen Anführer, doch Farmóður
war so etwas wie der Ratgeber, er war der mutigste und erfahrenste von allen. Am besten wäre es wenn, sie sich hier vorläufig Reviere suchen würden, sonst könnte es sein, dass sie einzeln nach und nach umkämen.
So lebten die Katzen eine zeitlang in der Nähe von Hop.
Und sie entdeckten Markierungen anderer Katzen. Als sie diese schliesslich fanden, stellte es sich heraus, dass es Katzen aus Hop waren, die in den Wäldern überlebt hatten.
So erfuhren sie, dass auch hier ein Überfall der Skrælingar stattgefunden hatte und dass diese alles niedergebrannt hätten. Es seien sehr, sehr viele Skrælingar gewesen, so dass die Wikinger gerade noch auf ihre Drachen entkommen konnten. Ob es Tote unter den Wikingern gegeben hatte, wussten die Katzen nicht.
Sie richteten sich in den Wäldern südlich von Hope ein.
Auch Schwarzohr hatte ein passables Revier gefunden und kontrollierte es mehrmals am Tag. Einen guten Ruheplatz hatte sie hinter einem Gebüsch unter einem überhängenden Felsen gefunden. Tagsüber ruhte sie sich dort aus und wie sich herausstellte, war der Platz auch sicher. Doch abends ging sie auf die Jagd. Sie wusste, wo die stummelschwänzigen Nager zu finden waren und freute sich schon auf das Spiel mit ihnen, bevor sie zubeissen konnte.
So streifte Schwarzohr also durch ihr Revier, als sie ein Rascheln hörte.
Neugierig schlich sie dem Rascheln entgegen.
Ein seltsames Tier war das, so gross wie Schwarzohr, schwarz, mit einem riesigen buschigen Schwanz und weißen Streifen auf dem Rücken. Es ignorierte Schwarzohr vollständig. Die hatte sich in den Waldboden gedrückt und machte sich so flach wie möglich. Das seltsame Tier schnüffelte eifrig hierhin und dorthin und kam dabei Schwarzohr immer näher.
Es war fast auf eine Katzenlänge heran, als es Schwarzohr zuviel wurde. Sie stand auf, buckelte und fauchte. Das Tier stand still. Doch anstatt anzugreifen oder zu flüchten drehte es sich nur um und hob den Schwanz. Schwarzohr stand still, gebuckelt und mit gesträubtem Schwanz. Sie fauchte nicht mehr, sie war eher verblüfft. Plötzlich schoss ein Strahl Flüssigkeit aus dem Hinterteil des Tieres auf sie zu und traf sie. Das Zeug stank fürchterlich!
Nichts wie weg, bloss weg von dem Gestank!
Schwarzohr rannte und rannte, doch der Gestank blieb an ihr haften. Schliesslich fiel sie erschöpft einfach um und schlief ein. Als sie erwachte war es heller Tag. Sie war mitten auf einer Lichtung ohne Deckung eingeschlafen. Doch niemand hatte sie angegriffen. Der furchtbare Gestank war immer noch da und hatte wohl Feinde vertrieben. Jetzt hatte sie ganz einfach Hunger. Doch die Jagd verlief anders als sonst. Sie wurde schon von weitem gerochen und alle lohnende Beute flüchtete, bevor sie auch nur in die Nähe kam.
Die folgend Zeit war sehr schlimm.
Seit einigen Tagen hatte Schwarzohr nichts vernünftiges mehr zwischen die Zähne bekommen.
Nur einige grössere Insekten hatte sie erbeutet, doch das genügte nicht.
Noch immer haftete dieser furchtbare Gestank an ihr und alles was sie jagen konnte floh, wenn sie schon von weitem gerochen wurde.
Mit furchtbar knurrenem Magen schleppte sie sich durch das Unterholz, das unvermittelt endete. Vor ihr lag eine Grasfläche, die sanft zu einem flachen Fluss abfiel.
Etwas seltsameres hatte sie nie erblickt.
Denn inmitten des Flusses standen mehrere grosse Tiere.
Sie erinnerten an die Eisbären aus Grönland in den alten Erzählungen, nur waren sie kleiner und braun oder schwarz. Sie standen im Wasser und manchmal platschte eine Pranke ins Wasser und ein grosser Fisch flog auf einen Felsen oder ans Ufer.
Die Bären schnappten sich dann den Fisch und fraßen ihn.
Ins Gras geduckt und vom Hunger geplagt schlich Schwarzohr langsam näher.
Einige der Bären hoben den Kopf, schauten in ihre Richtung und witterten.
Schwarzohr machte sich bereit, sofort zu flüchten, sollte das notwendig sein.
Immer mehr Bären witterten in ihre Richtung.
Sie machte sich ganz flach im Gras, doch dann geschah etwas unerwartetes.
Die Bären witterten jetzt alle in ihre Richtung, dann flüchteten sie. Hatte sie etwa der Gestank vertrieben, der immer noch an ihr haftete?
Jedenfalls lagen am Ufer noch einige der Fische, welche die Bären zurückgelassen hatten.
Hungrig, wie sie war, lief sie zu den Fischen. Endlich konnte sie ihren Hunger stillen.
Eine Weile blieb sie am Fluss. Immer wieder sah sie von weitem die Bären, doch sie kamen am Anfang nicht näher.
Nur ganz allmählich verlor sich in den nächsten Tagen der Gestank und da kamen die Bären auch wieder näher.
Schwarzohr beschloss deshalb, die Gegend zu verlassen.
Ziellos streifte sie durch den Wald auf der Suche nach einem vielversprechenden Revier.
Der Frühling war da und es wurden viel wärmer.
Irgendwann roch sie eine vertaute Markierung. Das war von Farmóður, er war hier gewesen.
Schwarzohr musste ihn finden und vor den Stinktieren warnen. Denn obwohl die nicht direkt angriffen und auch sonst friedlich zu sein schienen, so war doch ihre Stinkflüssigkeit lebensgefährlich. Nicht direkt, natürlich, doch der Gestank machte jede Jagd aussichtslos, hatte er doch sogar die Bären am Fluss vertrieben.
Als sie Farmóður endlich fand, blieb der auf gehörigem Abstand. Ein klein wenig des Gestanks haftete wohl immer noch an ihr.
Doch sie konnte ihr Erlebnis berichten. Farmóður würde es an alle Katzen weitergeben, die er traf.
Einige Tage später war der Gestank vollständig verflogen und Schwarzohr blieb eine Weile bei Farmóður.
Zwei Vollmonde später gebar sie vier Kätzchen, deren Vater Farmóður war.
Die Sommer und Winter kamen und gingen und langsam verstreuten die Katzen sich über ein grosses Gebiet.
Farmóður war schon lange tot. Er war 18 Jahre alt geworden und das war ein sehr, sehr hohes Alter für eine Katze in der Wildnis. Und er war zur Legende geworden, war er doch der letzte gewesen, der noch mit den Wikingern gelebt hatte. Daher hielten die Katzen sein Andenken in Ehren. Ausserdem stammte er von Geyfa ab und die war bei Leif Erikson's erster Fahrt mit an Bord gewesen.
Wenn sie sich trafen, was selten genug geschah, erzählten sie sich alte Geschichten.
Vieles gab es zu erzählen, von ihren Erlebnissen im Wald, Begegnungen mit den Skrælingar,
und von neuer Beute die sie entdeckt hatten.
Doch auch Geschichten von den Wikingern aus der Zeit, als sie nach Vinland gekommen waren.
Und so geriet bei den Katzen Leif Erikson und die Wikinger nie in Vergessenheit.
Doch Menschen wie die Wikinger trafen sie nicht.
Sie konnten in der Wildnis überleben, doch sie würden so gerne bei Menschen sein.
Zum Waldvolk wollten sie nicht gehen, nach allem was passiert war. Ausserdem blieben die nie lange am gleiche Ort, sondern zogen mit ihrem gesamten Hab und Gut durch das Land und das wollten sie nicht, das war nicht ihre Art. Auch schien es, dass die Skrælingar aus irgendeinem Grund eine gewisse Furcht vor den Katzen hatten. Diese wussten nicht warum und gingen daher dem Waldvolk lieber aus dem Weg. Und wenn sie einen der Skrælingar trafen, so blieben sie immer ungesehen. So kam es, dass die Skrælingar sie mit der Zeit vergaßen und nichts mehr von ihnen wussten.
Wenn aber Menschen wie die Wikinger hier wären, so würden sie zu ihnen gehen und bleiben.
Die Winter waren sehr, sehr hart. Es war bitter kalt und oft peitschten fürchterliche Schneestürme über das Land. Beute gab es bei diesem Wetter kaum noch und viele verhungerten oder erfroren. Doch kam es immer wieder vor, dass eines aus einem Wurf grösser wurde und ein noch dichteres Fell hatte. Und diese Katzen überlebten das raue Klima.
Nicht alle, doch sehr viele dieser Katzen stammten von Farmóður ab.
Da gab es Langbein, Scharfzahn, Grünauge, Rauhfell und noch viele mehr.
Immer weiter südlicher hatten sie ihre Reviere.
Auch Scharfzahn hatte ein gutes Revier gefunden, noch vor Einbruch des Winters.
Viel Beute und gute Verstecke gab es da.
Nun war sie auf der Pirsch und sie war trächtig. Nur einige Tage noch, sie würde sich schnellstens ein Wurfversteck suchen müssen. Die Jagd war nicht sehr erfolgreich, erst in der Morgendämmerung hatte sie einen jungen Schneehasen erwischt.
Doch dann kam ein Schneesturm. Er kam aus dem Nichts und er kam heftig.
Scharfzahn fror erbärmlich, trotz des dichten Fells.
Der Wind trieb den Schnee zwischen den Bäumen hindurch, zersauste ihr Fell und machte eine Sicht fast unmöglich. Sie gelangte schliesslich an eine Felswand in deren Schutz sie sich gegen den Schnee und den Wind vorwärts kämpfte.
Da war eine kleine Höhle, oder besser ein Loch an der Felswand. Scharfzahn kroch hinein, der schneidend kalte Wind zwang sie dazu, diesen Schutz zu suchen. Gross war das Versteck nicht, aber es musste genügen. Die Büsche hatten natürlich kein Laub, doch sie gaben immer noch einen gewissen Sichtschutz, so dass der Eingang nicht sofort sichtbar war.
Tagelang tobte der Schneesturm und Scharfzahn konnte nicht hinaus.
Sie fühlte, dass sie bald gebären würde. Einige Tage später war es soweit. Sie gebar in diesem notdürftigen Versteck inmitten des Schneesturmes fünf Kätzchen. Eines davon war eine Todgeburt, aber die Natur und die Wildnis nahmen darauf keine Rücksicht.
Sie wärmte die übrigen vier, indem sie ihren buschigen Schwanz um sie legte, nachdem sie die Nabelschnur durchgebissen und die jungen Kätzchen trocken geleckt hatte.
Sofort begannen die Vier bei ihr zu trinken. Einige Zeit hielt sie es in der Höhle aus, doch sie würde bald wieder Beute machen müssen. Die Jungen brauchten ihre Milch und wenn sie nichts zwischen die Zähne bekam, wäre es aus mit der Milch und ihre Kätzchen würden verhungern.
Der Schnee türmte sich mittlerweile vor der kleinen Höhle und bot somit Schutz vor fremder Sicht und dem Wind. Endlich ließ der Sturm nach. Sie konnte wieder nach draussen und nach Beute suchen. Diesmal war es ein halberfrorener Vogel, doch das musste genügen.
In der folgenden Zeit ging sie nicht oft auf die Jagd, denn sie musste bei ihren Jungen bleiben und sie wärmen. Grausam war diese Zeit, doch sie schaffte es, allen Widernissen zum Trotz, alle ihre Jungen durch den Winter zu bringen. Als endlich der Frühling kam, waren die vier gross genug um mit ihr das erste mal das Versteck zu verlassen.
Ganz neu und anders war es da. Es lag zwar noch viel Schnee, aber dazwischen freie Flächen auf denen die ersten Blumen mit gelben und weissen Blüten sich gierig der Sonne entgegenstreckten. Die jungen Kätzchen tollten im Schnee und in den Blüten, schnupperten hierhin und dorthin. Scharfzahn blieb immer in der Nähe und beobachtete die Umgebung aufmerksam. Nichts gefährliches war zwischen den Bäumen, also waren sie auf der Lichtung sicher. Plötzlich hörten ihre feinen Ohren ein Rauschen. Es kam aus der Luft. Bevor sie reagieren konnte stürzte ein grosser Raubvogel aus der Höhe und griff nach einem ihrer Jungen. Es war das schwarze Katerchen. Es zappelte und schrie nach seiner Mutter.
Scharfzahn rannte auf den Raubvogel zu, sie würde auf jeden Fall ihre Kinder verteidigen.
Doch bevor sie ihn erreichte, war der schon mit dem Katerchen in den Fängen wieder in der Luft. Eine Weile hörte Scharfzahn noch die Schreie des Katerchens, dann wurde es still.
Zeit blieb jetzt keine mehr, sie musste mit den drei übrigen den schützenden Wald erreichen.
Das ging schnell und der Raubvogel kam auch nicht wieder.
So zog sie ihre verbliebenen Junge auf und bevor der nächste Winter kam, waren sie gross genug, um sich ihr eigenes Revier zu suchen.
Immer weiter nach Süden wanderten die Katzen, doch zahlreich wurden sie nicht. Zu hart waren die Winter und viele starben. Feinde gab es überall und man musste sehr vorsichtig sein. Nur die grössten und stärksten überlebten. Sie lernten, auch mit ihren Stimmen leise zu sein und sie gaben dieses an ihre Nachkommen weiter. Das Fell zwischen ihren Zehen war dichter geworden und das half ihnen bei der Jagd im Winter. Denn der Schnee war tief und die Fellbüschel verhinderten, dass sie zu tief darin einsanken. Das Wasser fürchteten sie nicht und oft spielten sie damit. Das half ihnen, auch Bäche und sogar Flüsse zu überqueren, wenn sie auf der Suche nach einem neuen Revier waren.
Unzählige Sommer und Winter kamen und gingen und immer noch lebte das Katzenvolk in den Wäldern. Ungesehen von den meisten, gingen sie auf ihre nächtlichen Beutezüge. Nur die Fischotter, mit denen sie immer noch Freundschaft hielten, wussten wo sie zu finden waren.
Und immer noch warteten sie auf die Rückkehr der Wikinger.
Doch dann, eines Tages, fanden sie den Fuchs.
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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Mo 23. Sep 2013, 23:05

Die Reise der sanften Riesen - die Ankunft

Braunkragen war schon eine Weile unterwegs. Alles musste kontrolliert werden und sie musste neue Markierungen setzen. Zwar waren die Reviere der Katzen kleiner als die der Kater, doch hier im Wald immer noch ziemlich gross. Ihre Jungen vom letzten Jahr hatten sich eigene Reviere erobert und so musste sie für niemand mehr sorgen. Alles im Revier war so, wie es sein sollte. Also wollte sie sich später mit einigen anderen Katzen am Versammlungsplatz treffen. Der Versammlungsplatz lag tief im Wald und es war eine lange Strecke dorthin.
Gegen Abend, nach einer nochmaligen Revierkontrolle, machte sie sich auf den Weg.
Nun musste sie vorsichtig sein, denn sie war jetzt ausserhalb ihres Reviers.
Die Nacht war sternenklar, und am Himmel zeigte sich eine schmale Mondsichel.
Eine ganze Weile war sie schon gelaufen, als sie ein leises Winseln hörte.
Ein solches Geräusch hatte sie noch nie gehört. Neugierig, wie alle Katzen, schlich sie dem Geräusch entgegen, immer bereit, zu flüchten oder zu kämpfen.
Doch was sie dann sah, erstaunte sie doch sehr. Auf einem Haufen alter Blätter vom vorigen Jahr lag ein junger Fuchs. Nun gingen die Katzen den Füchsen aus dem Weg, denn niemand konnte voraussagen, wie ein Kampf mit einem Fuchs ausging. Doch dieser hier war offensichtlich krank oder verletzt. Vorsichtig schlich Braunkragen näher. Der Fuchs sah sie jetzt und fing wieder zu winseln an. Braunkragen schnupperte. Nein, nach Krankheit roch er nicht, sie hätte sich sonst sofort zurückgezogen. Es roch nach Blut. Dann sah sie es. An einer Hinterpfote des Fuchses war das Fell komplett abgerissen und die Muskeln lagen frei. Der Fuchs musste furchtbare Schmerzen haben. Ausserdem gab es eine zweite Wunde auf dem Rücken. Sie war klein und rund. Was war dem Fuchs passiert? Nach einem Kampf sahen die Verletzungen nicht aus, zumindest kannte sie kein Tier, das jemand solche Verletzungen zufügen konnte.
Sie sass einfach da und schaute den Fuchs an. Er war klein, noch sehr jung. Es war still geworden im Wald, ausser dem gelegentlichen Winseln des Fuchses war kein Geräusch zu hören. Irgendwie erinnerte sie der Fuchs an junge Katzen und so fing sie vorsichtig an, ihm die kleine Wunde zu lecken. Der Fuchs ließ es geschehen.
Wie lange sie so bei dem Fuchs war, wusste sie nicht, als sie plötzlich ein Geräusch hörte.
Sie drehte den Kopf nach dem Geräusch und sah Silberpfote. Silberpfote hatte ihr Revier neben dem ihrem und war wohl auch auf dem Weg zum Versammlungsplatz. Auch sie war von dem Winseln angelockt worden.
Sie kannten die Sprache der Füchse nicht. Da sie sich kaum begegneten, wussten sie die Füchse nicht zu deuten.
Was bedeutete dieser oder jener Blick? Die Haltung und Bewegung des Schwanzes? Die Haltung der Ohren und des Kopfes?
Kannten sie die "Stille Sprache"? Zumindest das Letztere schien ausschließlich eine Sache der Katzen zu sein. Sie trafen sich an ihren Versammlungsplätzen und saßen scheinbar ruhig da. Währenddessen tauschten sie ihre Gedanken aus. War alles gesagt, verstreuten sie sich wieder. Niemand hatte das bei anderen Tieren beobachtet, daher glaubte Braunkragen nicht, dass Füchse dazu in der Lage waren. Außerdem war der Fuchs verletzt. Vielleicht wollte er etwas mitteilen und konnte es bloß nicht.
Doch Braunkragen und Silberpfote wussten, wenn da eine neue Gefahr aufgetaucht war, mussten davon so schnell wie möglich alle anderen Kenntnis erhalten. Was also tun?
Sie beschlossen, dass Braunkragen bei dem Fuchs bleiben und Silberpfote zum Versammlungsplatz gehen und über den Fund berichten sollte.
Lange vor der Morgendämmerung traf sie dort ein. Es gab eine ziemliche Aufregung. Sie alle kannten die Gefahren des Waldes und wussten damit umzugehen. Doch die Verletzungen des Fuchses waren von einer Art, die sie nicht kannten und die vielleicht eine neue Gefahr darstellten.
Ihre einzigen Freunde waren die Fischotter, also würde jemand zu ihnen gehen müssen, vielleicht wussten sie Rat. Silberpfote sollte zusammen mit Faucher und Schwarzfleck zu Braunkragen und dem Fuchs zurückkehren. Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sie dort eintrafen. Faucher hatte unterwegs einen Nager erwischt und schob den, als sie dort eintrafen, in Richtung des Fuchses. Der versuchte, danach zu schnappen, doch erst als er ihm den Nager direkt vor die Schnauze schob, fing er an zuzubeißen. Er musste völlig entkräftet sein. Früher oder später würde er auch Wasser brauchen, doch die Katzen wussten nicht, wie sie das herbeischaffen konnten. Über den Baumwipfeln schien die Sonne, es sah nicht nach Regen aus, also würde der Fuchs auch auf diesem Weg nicht an Wasser kommen. Doch auch ohne Wasser kam der Fuchs ein bisschen zu Kräften. Zu fürchten war jetzt wenig, denn es waren nun vier Katzen, die bei dem Fuchs Wache hielten.
Sie versuchten etwas aus ihm herauszubekommen, doch viel war es nicht. Nur dass die ganze Sache etwas mit Menschen und Bibern zu tun hatte. Der Fuchs war noch viel mitteilsamer, doch sie verstanden ihn nicht.
Inzwischen waren Büschel und Einzahn nach einer langen Nachtwanderung bei den Fischottern angekommen. Die Fischotterfamilie lebte am Ende einer tiefen Klamm, wo ein Bach sich zu einem kleinen See verbreiterte. Nach einer freudigen Begrüßung versuchten Büschel und Einzahn herauszufinden, ob die Fischotter helfen konnten, oder ob sie etwas über eine neue Gefahr wussten. Helfen würden die Fischotter den Katzen, aber keinesfalls einem Fuchs. Doch sie kannten Gerüchte, dass bei den Bibern in letzter Zeit seltsame Dinge vorgingen. Büschel schaffte es, dass ihm die Fischotter einige Zeichen der Fuchssprache zeigte. Natürlich würden sie trotzdem vieles nicht verstehen, der Fuchs war ja verletzt.
Am nächsten Tag machte sich Einzahn zusammen mit einem Fischotter auf, um Biber zu finden. Dazu brauchten sie nur dem Bach zu folgen. Der Otter war die meiste Zeit im Wasser, während Einzahn am Ufer nebenherlief.
Erst am nächsten Tag fanden sie einen Biberbau.
Währenddessen war Büschel zu dem Fuchs und den vier Wächterkatzen zurückgekehrt. Mit viel Mühe und Büschels neuen Kenntnissen der Fuchssprache erfuhren sie ein wenig mehr.
"Bodenbeißer", "Knallschmerz" und "Bibermensch" war das, was sie herausbekamen.
Vor allem "Bibermensch", darüber wollten sie mehr herausbekommen, doch die Verständigungsmöglichkeiten zwischen dem Fuchs und den Katzen reichte nicht aus.
Inzwischen versuchten Einzahn und der Otter sich mit der Biberfamilie zu verständigen. Die Biber waren nicht sehr interessiert und ließen sich bei ihrer Beschäftigung, dem Ausbessern und Erneuern ihrer Dämme kaum stören. Doch das Wenige, was sie erfuhren, schreckte den Kater und den Otter ziemlich auf.
Da war etwas von einer neuen Gefahr, die vor kurzem in den Wäldern aufgetaucht war und der schon viele Biber zum Opfer gefallen waren. Da war die Rede von einem furchtbaren unsichtbaren Gebiss, das im Boden verborgen war, von einem Stock oder Ast, der knallend tötete, und es war die Rede von einem Bibermenschen. Nein, kein Skrælingar, so etwas wie diesen geheimnisvollen Bibermenschen hatte nie zuvor jemand gesehen.
Einzahn war ganz aufgeregt. Kein Skrælingar!
Und außer den Skrælingar gab es keine anderen Menschen hier.
Waren etwa nach so langer Zeit doch die Wikinger zurückgekehrt?
Einzahn musste so schnell wie möglich zum Versammlungsplatz.
Er verabschiedete sich von dem Otter und macht sich schnellstens auf den Weg.
Indes ging es dem Fuchs etwas besser. Am Morgen hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt, von dem der Fuchs aufschlappte, soviel er bekommen konnte. Und ganz langsam, auch durch die Fürsorge der Katzen, begannen seine Verletzungen zu heilen. Irgendwann versuchte er aufzustehen und ein paar Schritte zu laufen. Es gelang ihm leidlich und er hinkte. Von da an wurde er von den Katzen Hinker genannt. Hinker blieb bei den Katzen und mit der Zeit verstanden sie seine Sprache. Er lernte auch etwas von der Katzensprache, nur die "Stille Sprache" blieb ihm verschlossen. Selbst jagen konnte er kaum noch, doch Braunkragen nahm sich seiner an als wäre er ihr Sohn. Und lange noch erzählten sich die Katzen auf ihren Versammlungen die Geschichte von Hinker, dem Fuchs.
So erfuhren die Katzen auch endlich, was eigentlich passiert war.
Hinker war auf der Suche nach etwas Essbarem gewesen. Er war noch jung und nicht sehr oft alleine unterwegs gewesen. Meist war er im Bau bei seinen Geschwistern geblieben. Doch irgendwann hatte ihn die Neugier doch ein Stück fortgetrieben. Es gab ja so viel zu entdecken.
Und nach einiger Zeit bekam er ganz einfach Hunger.
Doch da war ein verlockender Geruch, dem er folgte.
Er schnüffelte durch das Unterholz dem vielversprechenden Geruch entgegen.
Da, direkt vor ihm musste es sein. Er wollte gerade noch näher daran schnüffeln, als er durch das Knacken von Ästen aufgeschreckt wurde. Er fuhr herum, da geschah alles auf einmal.
Irgend etwas schnappte mit gewaltiger Kraft aus dem Waldboden und nur der Umstand, dass er sich wegen des Knackens umgedreht hatte, verhinderte, dass ihn das Ding im Boden sofort tötete. Doch schwarze Zähne hatten ihm das Fell an einer Hinterpfote völlig abgerissen.
Er war so in Panik, dass er keinen Schmerz spürte und nur wegrannte. Da sah er den Menschen. Er sah völlig anders aus als die Waldmenschen, die von den Katzen Skrælingar genannt wurden. Er hatte Haare im Gesicht und seltsam anmutende Kleidung an.
Am merkwürdigsten war, dass auf seinem Kopf ein Biber saß.
Das alles bemerkte Hinker, als er seitlich davonrannte.
Dann gab es einen Knall und ein Schlag traf ihn im Rücken. Er überschlug sich, durchbrach ein Gestrüpp und purzelte irgendwo hinunter. Auf einem Laubhaufen kam er zur Ruhe. Vor dem Gestrüpp hörte er Schritte, doch sehen konnte er nichts. Dann wurde es still und er schlief vor Erschöpfung ein. Als er erwachte, hatte er furchtbare Schmerzen. Er begann nach seiner Mutter zu winseln. Dann lag er wieder still. Es wurde Nacht und er begann wieder zu winseln.
So fand ihn schließlich Braunkragen.
Hinker´s Erlebnisse brachten kaum Licht ins Dunkel, eher stellten sich die Katzen noch mehr Fragen.
Auf jeden Fall würden sie jetzt sehr, sehr wachsam sein. Mehrere Vollmonde vergingen, doch der Bibermensch wurde nicht mehr gesichtet.
Aber es gab trotzdem immer wieder Berichte über den Bodenbeißer und getötete Tiere, meistens Biber, aber auch große Bären und das machte das Ganze erst recht gefährlich.
Doch dann, als der kurze Herbst schon begonnen hatte, entdeckten die Katzen den Bibermenschen.
Greifer döste vor sich hin. Er hatte am Morgen gute Beute gemacht und sich ein Schläfchen verdient. Von seinem Versteck aus hatte er einen guten Überblick, ohne selbst gesehen zu werden. Am Abend wollte er Winterlauf besuchen. Sie hatte ihr Revier in der Nähe und Greifer roch, dass sie demnächst rollig werden würde. Da galt es, als Erster vor Ort zu sein und sich einen Platz zu sichern.
Doch es war erst Mittag und Greifer wollte noch etwas ausruhen und Kräfte sammeln.
Trotz seiner scheinbar totalen Gelassenheit erfassten seine feinen Ohren, dass sich etwas näherte. Es war noch weit entfernt und Greifer konnte das Geräusch erst nicht einordnen. Dann sah er es. In einer Senke unterhalb seines Versteckes stand ein Mensch. Und es war ganz eindeutig kein Skrælingar! Die Waldmenschen sahen ganz anders aus. Er roch auch, dass der Fremde ein Mann war. Der Mann stand da und schaute sich um, als ob er etwas suchen würde. Und die Berichte stimmten, auf seinem Kopf saß oder lag ein Biber.
Aus der Sicherheit seines Versteckes beobachtete Greifer das Treiben des Bibermenschen genau. Der Biber hatte sich bis jetzt nicht gerührt. Da erkannte Greifer, dass das kein lebender Biber war, sondern nur das Fell eines Bibers, das der Mensch auf dem Kopf trug.
Er wusste aus den alten Erzählungen, dass Leif Erikson und seine Wikinger auch oft Kopfbedeckungen gehabt hatten, doch diese waren aus Eisen oder Leder gewesen. Wozu eine Kopfbedeckung aus Biberfell gut sein sollte, war dem Kater rätselhaft.
In der einen Hand hatte der Mann einen langen Stock, der sich an einem Ende verbreiterte.
Den legte er jetzt auf den Boden und holte etwas aus der andern Seite seiner Kleidung hervor, das Greifer bisher verborgen gewesen war. Doch jetzt erkannte er es sofort. Der Bodenbeißer! Greifer wusste, was Eisen war, obwohl er es noch nie zu Gesicht bekommen hatte. In den alten Erzählungen hatten die Wikinger Eisen benutzt, auch als Waffe. Und der Bodenbeißer bestand aus Eisen. Greifer wusste, gegen eine Waffe aus Eisen konnte sich kein Tier schützen und schon gar nichts dagegen ausrichten. Er musste ganz schnell zum nächsten Versammlungsplatz und allen anderen davon berichten. Allerdings würden sich nur die Katzen darauf einrichten können, alle anderen Tiere kannten das Eisen und seine Gefahr nicht. Doch vorerst wartete er erst einmal ab. Der Mann hatte indes den Bodenbeißer mit sichtlicher Anstrengung gespannt und unter Laub und Zweigen versteckt. Und das genau auf dem Weg, den viele Tiere jeden Morgen benutzten um zum Bach und damit zum trinken zu gelangen. Früher oder später würde ein Tier, egal welcher Art, in diese heimtückische Falle geraten. Jetzt war der Mann wieder im Wald verschwunden und nur von fern hörte Greifer noch seine Schritte. Greifer verließ sein Versteck und näherte sie der Stelle, an welcher der Mann den Bodenbeißer versteckt hatte. Er brauchte nichts zu fürchten, denn er hatte ja gesehen, wie und wo der Fallensteller den Bodenbeißer versteckt hatte. Er begann, die Falle und deren Umgebung ausgiebig zu markieren. Kein anderes Tier würde nun noch hineintappen. Außer den Fischottern bekamen andere Tiere die Katzen kaum zu Gesicht, doch den Geruch kannten sie. Sie sahen es nicht als Gefahr oder Beute an, aber eben als Reviermarkierung, die man umgehen sollte. Und so würden sie der Falle ausweichen und lieber einige Schritte daneben ihren Weg gehen. Greifer machte sich nun auf den Weg zum nächsten Versammlungsplatz. Dabei durchquerte er Winterlaufs Revier, die sich ihm anschloss.
Erst am frühen Morgen erreichten sie einen Versammlungsplatz. Niemand war da und so warteten sie einfach. Erst am Abend trafen als erste Schnüffler, Steinkratzer und Grünauge ein. Mitten in der Nacht waren dann schon viele gekommen und Greifer berichtete seine Beobachtungen. Das alles geschah in der "Stillen Sprache". Dann wussten sie, was zu tun war. Sie würden beobachten und wenn sie irgendwo eine Falle entdeckten, würden sie diese und die Umgebung davon sehr, sehr ausgiebig markieren.
So geschah es, dass in der folgenden Zeit immer weniger Tiere in die Fallen gerieten.
Obwohl die Tiere, angefangen von kleinen Baumbewohnern bis zu den großen Bären nicht wussten, wem sie diese Hilfe zu verdanken hatten, verbreitete sich bald das Gerücht von den "guten Geistern des Waldes" oder den "unsichtbar Schützenden". Einzig die Fischotter wussten, wer das alles bewirkt hatte, doch sie behielte es für sich.
Zwei Winter waren jetzt ins Land gegangen, als Hinker starb.
Er war nie sehr groß geworden, denn selbst jagen konnte er nicht richtig. Daher war er auf das angewiesen, was ihm Braunkragen an Beute brachte. In letzter Zeit hatte die vernarbte Wunde auf seinem Rücken wieder zu schmerzen angefangen und es wurde schlimmer.
Braunkragen war so oft bei ihm, wie es ihr möglich war. Er konnte sich fast nicht mehr bewegen und sie leckte ihm das Fell. Oft schliefen sie dicht aneinandergekuschelt in einem Versteck. An jenem Nachmittag ruhten sie unter einem überhängenden Felsen. Der war mit weichem Moos bewachsen und trocken. Plötzlich bemerkte Braunkragen, dass Hinker schwerer als sonst atmete. Sie drehte den Kopf und leckte ihm die Ohren. Hinker schaute sie dankbar an, dann lief ein Zucken über seinen Körper und sein Blick brach. Braunkragen beschnüffelte ihn und fing dann an, ihn zu treteln. Doch Hinker rührte sich nicht mehr.
Den restlichen Tag und die folgenden Nacht saß Braunkragen neben dem leblosen Körper.
So fand sie Grünauge. Doch auch er konnte Braunkragen nicht dazu bewegen, ihren Platz zu verlassen. Die Sonne ging auf und wieder unter und noch immer saß Braunkragen neben dem toten Hinker. Immer wieder kam eine Katze oder ein Kater vorbei, um ihre Anteilnahme zu bekunden. Noch eine Nacht und ein Tag verging, doch die Katze verließ ihren Platz neben Hinker nicht. Doch das Leben in der Wildnis erlaubt keine zu lange Trauer und so machte sich auch Braunkragen irgendwann auf, ein neues Revier zu suchen, denn hier wollte sie nicht mehr sein.
Sie selbst wurde unter den Katzen bald zur Legende, hatte sie doch einen Fuchs an Kindes statt angenommen, für ihn gesorgt und ihn geliebt wie eine Mutter ihren Sohn.
Als er starb hatte sie um ihn getrauert, und in seinem Gedenken eine Totenwache gehalten. Und solange sie lebte, hat sie Hinker nicht vergessen.
Denn wenn eine Katze einmal jemand in ihr Herz schließt, dann bleibt der für alle Zeit darin.
Das Leben ging weiter und bald gab es nur sehr wenige Fallen und Fallensteller.
Grünauge war einem von ihnen unbemerkt gefolgt, nachdem er deutliche Geruchsspuren an dessen letzter aufgestellter Falle hinterlassen hatte. Nach einer sehr weiten Strecke gelangte der Fallensteller in ein weites Tal. Was er dann sah entsetzte Grünauge. Da war eine Behausung auf einer Lichtung, aber nicht wie die Grassodenhäuser der Wikinger, sondern viel kleiner und aus Baumstämmen gebaut. Zwischen den Ritzen war Moos gestopft worden. Vor dieser Hütte waren Holzgestelle in den Boden gerammt, zwischen denen die Felle vieler Tiere aufgespannt waren. Alle Arten von Fellen sah er da, Waschbären, Rehe, Füchse, doch am meisten Biber.
Ein Katzenfell gab es nicht. Der Mann öffnete eine lose angelehnte Tür und ging hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, ohne die Tür zu schließen. Das war die Gelegenheit für Grünauge, das Innere der Hütte in Augenschein zu nehmen. Da war ein Ruhelager und ein Tisch, wie sie es aus den Wikingererzählungen kannten. Außerdem ein rundes hohes Ding aus Eisen, das Hitze spüren ließ, als ob ein Feuer darin brennen würde. An einer Wand hingen eine Menge dieser Fallen. Doch in der hinteren Ecke stapelten sich Tierfelle fast bis zur Decke. Grünauge flüchtete vor Entsetzen aus der Hütte und versteckte sich im hohen Gras.
Eine bessere Deckung fand er nicht. Doch konnte er von dieser Stelle beobachten, was weiter geschah. Der Mann ging wieder in die Hütte und fing an, die dort gestapelten Felle herauszutragen und vor der Hütte zu einem großen Bündel zu schnüren. Dann schloss er die Tür und schulterte das riesige Fellbündel. Gemessenen Schrittes wanderte er nun auf einem Pfad, der entlang des Tales lief. Unsichtbar folgte ihm Grünauge. Am Abend baute sich der Mann ein einfaches Lager aus Ästen. Dann entfachte er ein Feuer und legte sich unter freiem Himmel schlafen. Grünauge schlief ebenfalls in der Nähe, doch obwohl er schlief, blieben seine Ohren wachsam, wie es nur die Katzen können. Früh am nächsten Morgen ging die Wanderung weiter und dann noch bis zum Abend des folgenden Tages. Am Morgen danach waren der Mann und sein unsichtbarer Begleiter am Ende des Tales angekommen. Und da bot sich Grünauge ein grandioses Bild. Vor ihm lag, eingesäumt von Wiesen und Wäldern ein großer, breiter Fluss. In leichten Mäandern schlängelte sich der Fluss durch die Landschaft. Die Jahreszeit ging bereits dem Herbst entgegen und das Laub auf den umliegenden Hügeln begann sich leicht zu verfärben. Darüber wölbte sich ein klarer Himmel.
Am meisten faszinierte Grünauge jedoch, was er auf dem Fluss sah.
Da war ein Schiff und da waren viele Menschen. Die Wikinger waren zurückgekehrt!
Grünauge spürte eine freudige Erregung in sich aufsteigen und wollte erst sofort losrennen und allen Katzen diese freudige Nachricht verkünden.
Dann bemerkte er, dass etwas nicht mit den alten Erzählungen übereinstimmte.
Das Schiff war viel größer und höher, als erzählt wurde, und es hatte mehrere Masten und nicht nur ein Segel, sondern viele. Grünauge war verwirrt und beschloss, erst einmal abzuwarten. Der Fallensteller war unterdessen weiter auf den Fluss zumarschiert. Langsam schlich ihm Grünauge hinterher. Jetzt war er nicht mehr weit von Ufer entfernt und duckte sich unter einer riesigen angeschwemmten Wurzel. Es waren viele Menschen am Ufer und Grünauge erkannte, dass seltsamerweise viele davon genau gleich gekleidet waren, alle rot und blau. Es waren nur Männer, Frauen sah er keine. Und eine Menge davon trugen Knallstöcke. Der Fallensteller verhandelte derweil mit einem anderen Mann und zeigte ihm dabei seine Felle. Grünauge hörte die Stimmen. Nun hatte sich trotz der vielen Jahre bei den Katzen zumindest der Klang der Wikingersprache erhalten, doch die Sprache dieser Menschen war völlig anders. Wikinger waren das auf keinen Fall.
Den ganzen Tag blieb Grünauge in seinem Versteck. Das Treiben dieser Leute war ihm völlig unverständlich. Es gab welche, die standen ohne jede Deckung völlig still mit ihren Knallstöcken. Nach einiger Zeit wurden sie von anderen abgelöst, die dann genau so still dastanden. Immer wieder hörte er die Stimmen und erkannte, dass sich manchmal etwas wiederholte. Das war beispielsweise "atasio", "misiö", "leroi" oder "vivlafra". Doch er wusste damit nichts anzufangen.
Am Abend schlich der Kater wieder in den Wald zurück, um etwas Beute zu machen, denn er hatte gewaltigen Hunger. Als er mitten in der Nacht zum Fluss zurückkehrte, schliefen die Fremden zwischen großen Feuern, die sie entfacht hatten.
Am nächsten Tag beobachtete er weiter. Und so bekam er durch aufmerksames Zuhören heraus, dass die Fremden sich selbst als "Franzosen" bezeichneten und mit Wikingern überhaupt nichts zu tun hatten. Ihr Anführer nannte sich Samuel de Champlain. Eigentlich hätte daher den Katzen diese ganze Sache egal sein können, doch es waren sehr viele Franzosen und es gab sehr viele Knallstöcke und diese fürchteten sie.
Also musste Grünauge dringend zum nächsten Versammlungsort, damit die anderen erfuhren, was hier vor sich ging. Der nächste Versammlungsort lag einige Tagesmärsche entfernt und obwohl Grünauge sich beeilte, ging es doch langsam voran, denn zwischendurch musste er etwas in den Magen bekommen.
Die Nachricht verbreitete sich schnell unter den Katzen und die Aufregung war groß.
Keiner wusste mit dem Lauf der Dinge in letzter Zeit etwas anzufangen. Da hatten sie so viele Sommer und Winter gewartet und nun das. Sie waren ratlos. Ihre Freunde, die Fischotter konnten ihnen nicht helfen, denn alles was diese von den Menschen wussten, hatten sie von den Katzen erfahren.
Einige Katzen machte sich auf den Weg zum Fluss, um sich dort neue Reviere zu suchen. So würden sie immer beobachten können, was die Franzosen trieben. Grünauge, Schwarzfleck, Raschler und noch einige andere würden das tun. Zwar bestand ab jetzt die Gefahr, dass die Waldkatzen entdeckt wurden und nicht mehr im Verborgenen leben konnten. Doch die Ereignisse überstürzten sich nun, daher mussten sie dieses Risiko eingehen. Und, so hofften sie, vielleicht geriet ja zum Schluss doch noch alles zum Guten. Oft trafen die Katzen sich in dieser Zeit an ihren Versammlungsplätzen und tauschten mit Hilfe der "Stillen Sprache" ihre Gedanken aus. Am nächsten Vollmond war das Schiff der Franzosen weiter flussaufwärts gesegelt. Grünauge und Schwarzfleck waren den Franzosen gefolgt und berichteten alle Beobachtungen.
Die Katzen erfuhren nun auch einiges über die Knallstöcke.
Sie wurden von den Franzosen Musketen genannt und waren wirklich nur dazu da, auf große Entfernung zu töten, egal ob Mensch oder Tier. Die Franzosen hatten Häuser gebaut und sich dauerhaft eingerichtet. Nachts schlich Grünauge zwischen den Häusern. Er hatte Kratz- und Geruchsmarkierungen an einigen Häusern hinterlassen und wollte jetzt versuchen, in eines der Häuser einzudringen. Die Türen waren nicht abgeschlossen und teilweise nur angelehnt. Grünauge zwängte sich durch den Türspalt. Es war dunkel hier, doch für Grünauge genügte das wenige Licht das der Mond hereinwarf. Er sah sich um. An einer Wand waren Strohaufschüttungen, auf denen zwei Männer schliefen. Mehrere Gegenstände waren auf einem Tisch in der Mitte des Raumes. Lautlos schaffte es Grünauge, auf den Tisch zu springen. Essensreste lagen darauf und ein Becher mit einer Flüssigkeit, die in Grünauges Nase furchtbar roch. Trotzdem schnüffelte er an allem, um sich den Geruch einzuprägen.
Plötzlich drehte sich einer der Männer ziemlich laut im Schlaf. Grünauge erschrak, sprang vom Tisch und rannte zur Tür hinaus. Dabei stieß er den Becher um, der mit lautem Geklirr vom Tisch fiel und auf dem Boden zerschellte. Sofort waren die Männer hellwach und begannen zu schreien. Ein Geschrei begann in allen Häusern die Menschen rannten durcheinander und zu ihren Musketen. Dann fiel ein Schuss. Grünauge war ein Stück gerannt und hatte sich neben einer Kiste in Sicherheit gebracht. Der Schuss brachte ihn endgültig dazu, davonzurennen und im Wald Deckung zu suchen. Nach diesem Vorfall näherten sich die Katzen den Franzosen nur noch mit äußerster Vorsicht.
In den kommenden Sommern und Wintern änderte sich nicht viel. Es kamen immer mehr Franzosen und die Siedlung, die Almouchaquois genannt wurde, blieb von den Waldkatzen immer argwöhnisch, und von den Franzosen unbemerkt, beobachtet. Auch Skrælingar tauchten wieder auf, die von den Franzosen Souriquois genannt wurden. Sie selbst nannten sich Mi'kmaq.
Bevor der Winter kam, berichteten die Fischotter, dass eine riesige Menge Souriquois durch den Wald in Richtung Almouchaquois marschierte. Dann erlebten die Katzen einen wirklichen Kampf unter den Menschen. Den Grund erfuhren sie nie, doch möglicherweise war es wieder die Milch, welche die Souriquois nicht kannten und von der sie daher krank wurden und glaubten, sie wären vergiftet worden. Es kamen viele Franzosen um, doch die Musketen wüteten unter den Souriquois, und viele, sehr viele blieben tot am Flussufer liegen. Wer nicht tot war, sondern nur verletzt, wurde von den Franzosen erschossen.
Im Laufe der Zeit hatten einige Katzen gelernt, die Sprache der Franzosen zu verstehen. Zwar nicht alles, vieles war ihnen unverständlich, doch einiges konnten sie erkennen. Und sie gaben das in der "Stillen Sprache" an alle andern weiter.
So erfuhren sie, dass viele Tagesmärsche von hier andere Menschen angekommen waren, die von den Franzosen Engländer genannt wurden. Und jetzt kämpften die Engländer mit den Franzosen.
Auf ihren Versammlungen rätselten die Katzen über den Grund für diese Kämpfe, doch niemals konnten sie es herausfinden, obwohl sie auch die Sprache der Engländer zu verstehen lernten. Sie selbst waren auch sehr gute Kämpfer, doch nur wenn es sein musste, wenn sie etwa auf der Jagd waren und eine sehr große Beute gemacht hatten. Doch das diente dann zum Überleben. Die Kater kämpften auch untereinander, doch da ging es immer um eine Katze. War einer der Sieger, erkannte der Verlierer das an und es war gut.
Tote hatte es bei solchen Kämpfen nie gegeben.
Doch was die Menschen machten, konnten die Waldkatzen nicht verstehen.
Daher hielten sie sich aus den Angelegenheiten der Menschen heraus, beobachteten weiter und warteten ab. Sie würden sich sowieso niemals auf irgendeine Seite stellen. Sommer und Winter vergingen und immer noch lebten die Katzen im Wald, bis sie eines Tages den toten Souriquois fanden. Zehenschleicher hatte ihn entdeckt, als sie ihr Revier kontrollierte.
Der Souriquois wies keine Verletzung auf, er roch nach Krankheit. Er lag einfach so auf dem Waldboden. Zehenschleicher näherte sich ihm nicht. In weitem Bogen lief sie um ihn herum, dann erst sah sie es. Sein Gesicht war mit schwarzen und blutigen Beulen bedeckt. Und es stank! Die Katze würde für lange Zeit diese Stelle meiden oder sich ein anderes Revier suchen.
In der folgenden Zeit wurden nicht nur von den Katzen, auch von vielen anderen Tieren immer wieder Souriquois entdeckt, die auf dieselbe Weise umgekommen waren. Doch selbst die Aasfresser vermieden es, sich den Toten zu nähern. Nur die ganz winzigen, die Ameisen, machten sich an die Arbeit und sorgten dafür, dass die Leichname verschwanden. Die Ameisen waren zwar manchmal lästig, doch wurden sie von allen Tieren respektiert, sorgten sie doch dafür, dass im Wald keine Krankheit ausbrach. Und es wurde auch berichtet, dass viele Siedlungen der Souriquois jetzt leer und verlassen waren.
Da im Land nur noch wenige Souriquois lebten, kamen immer mehr Franzosen und Engländer.
Die beiden Gegner hatten jeder einen König, wie damals die Wikinger König Olav von Norwegen. Doch der hatte damals im fernen Norwegen gelebt und die Wikinger waren eigentlich für sich selbst frei und nur ihrer eigenen Thingversammlung verantwortlich gewesen. Und dorthin konnte jeder kommen und reden, ungeachtet seiner Stellung. Selbst Anführer wie Leif Erikson mussten sich vor dem Thing rechtfertigen und konnten nicht einfach Befehle erteilen, es sei denn, es wäre ein Notfall. Doch der englische König James I. und der französische König Louis XIII "le Juste" dachten da anders und konnten trotz der riesigen Entfernung zu England und Frankreich direkt befehlen, was zu geschehen hatte.
Auch das war den Katzen unverständlich. Wie war es möglich, dass jemand einen Befehl gab oder ihn befolgte? Sie kannten etwas ähnliches von den Wolfsrudeln, doch auch bei den Wölfen ging es letzten Endes nur ums Überleben. Sie selbst berieten sich auf ihren Versammlungen und beschlossen dann gemeinsam, was zu tun sei. Niemals würde eine Katze einer anderen einen Befehl erteilen.
Die Kämpfe der Menschen wurden mit einer Härte geführt, welche die Katzen und alle anderen Tiere in Panik versetzten. Denn da gab es die Donnerer, die von den Kämpfenden Kanonen genannt wurden und die waren wirklich furchtbar. Die Katzen zogen sich wieder tiefer in den Wald zurück und beobachteten aus der Ferne.
Mal hatte die eine Partei die Oberhand, mal die andere. Und oft gab es lange Zeiten, in denen nichts geschah.
Immer mehr Menschen kamen in das Land, doch nicht alle ließen sich in den Siedlungen nieder, denn zu groß war die Gefahr, dass eine Siedlung von gegnerischen Soldaten angegriffen wurde.
Manche zogen in die Nähe der Wälder wo sie sich niederließen und Bäume fällten, so dass große freie Flächen entstanden. Dort bauten sie sich ein oder zwei Häuser, hielten sich Kühe oder Schweine und pflanzten das an, was sie zum Leben brauchten.
Einfach war das nicht, denn sie waren nur mit dem Notwendigsten in diesem Land angekommen und die Lebensmittel wurden zu oft von Ungeziefer bedroht.
Doch nicht überall. Auf manchen dieser einsamen Gehöfte schien diese Plage geringer zu sein und die Siedler wussten nicht warum das so war.
Wegen der Kämpfe mieden die Waldkatzen die Siedlungen. Doch immer wieder unternahmen sie nächtliche Streifzüge durch die Gehöfte. Da war es sicher und eingelagertes Getreide und andere Lebensmittel zogen immer wieder Mäuse, Ratten und andere leicht erlegbare Beute an.
Außerdem fühlten sie sich trotz allem zu den Menschen hingezogen, wünschten sie sich doch nichts so sehr wie ein Leben wie zu Zeiten der Wikinger, als sie bei den Menschen und trotzdem frei waren.
So geschah es eines Tages, dass Spitzohr sich nachts in einen Stall schlich. Eine Kuh, ein Bulle und zwei Kälber waren darin. An einer Seite war ein Haufen Heu in dem es verführerisch nach Mäusen raschelte. Und richtig, nach kurzer Zeit erwischte sie eine fette Maus. Ein bisschen spielen war jetzt angesagt, loslassen, zupacken, loslassen, zupacken.
Die Maus quiekte in Todesangst, doch dann biss Spitzohr zu. Sie riss Fleischbrocken aus dem kleinen Körper und spießte sie auf eine ihrer ausgefahrenen Krallen. Im Lauf ungezählter Jahre in der Wildnis hatten die Katzen gelernt, ihre Beute so zu fressen. Diese Art zu fressen machte es möglich, unbekannte Beute und deren Fleisch erst zu begutachten, um keine unliebsame Überraschung zu erleben. Erst dann begann Spitzohr das Fleisch zu fressen.
Nachdem sie satt war, wollte sie wieder im Wald verschwinden, doch in der Zwischenzeit hatte Regen eingesetzt. Nun scheuten die Waldkatzen das Wasser nicht und spielten sogar damit. Denn ihre Vorfahren waren oft mit den Wikingern auf hoher See gewesen und ihre Freunde waren die Fischotter, die sie oft besuchten. Doch der Regen platschte sehr unangenehm herunter und wurde auch stärker. Spitzohr beschloss, hier im Stall und im Heu zu bleiben. Zu befürchten hatte sie hier nichts. Bald schlief sie ein.
Noch vor der Morgendämmerung wurde sie durch lauten Donner geweckt. Erst dachte sie an die Kanonen der Menschen, doch als sie es durch die Ritzen blitzen sah, wusste sie, dass es nur ein Gewitter war. Doch hier im Stall war sie in Sicherheit.
Allerdings wurde das Gewitter immer heftiger und entwickelte sich fast zum Sturm. Die Kälber wurden unruhig und fingen an, laut zu blöken. Plötzlich gab es ein Gerüttel an der Tür und diese öffnete sich. Ein schwacher Lichtschein drang herein und Spitzohr erkannte die Umrisse eines Menschen. In seinen Händen hielt er ein Gefäß, in dem eine kleine Flamme düsteres Licht verbreitete. Der Mann ging zu den beiden Kälbern, streichelte und beruhigte sie. Dann schaute er sich um. Jetzt erst erkannte er im flackernden Licht seiner Lampe Spitzohr, die sich ins Heu geduckt hatte. Der Mann kniete nieder und Spitzohr fühlte, dass er ihr nichts böses wollte. Er schaute die Katze verwundert an und beleuchtete sie von allen Seiten. Lange schaute er sie so an und etwas vertrautes baute sich zwischen ihm und der Katze auf. Dann stand er langsam auf und verließ den Stall. Draußen tobte immer noch das Gewitter, daher blieb Spitzohr im Stall. Erst am nächsten Vormittag, als sich das Gewitter verzogen hatte, traute sie sich ins Freie.
Einige Tage später besuchte sie wieder das Gehöft und dann immer öfter. Schließlich blieb sie ganz dort. Der Bauer kannte sie inzwischen gut und hatte nichts dagegen, dass sie blieb.
Er hatte sie, als er sie zum ersten mal im Stall sah, für einen dieser aufdringlichen Waschbären gehalten und sie vertreiben wollen. Erst auf den zweiten Blick hatte er erkannt, dass er eine Katze vor sich hatte.
Sein Name war William McGalham und er kam aus Schottland. Er hatte eine Frau, Deborah, und zwei Kinder, Silas und Maggy, die aber oft auf dem Feld helfen mussten.
Die Kinder spielten so oft sie konnten mit Spitzohr und gaben ihr schließlich den Namen Missy.
Missy ging öfter zu einem der Versammlungsplätze und berichtete, wo sie jetzt war und wie es ihr dort erging.
So kam es, dass immer mehr der Waldkatzen in die verstreut liegende Gehöfte gingen und bei den Menschen blieben. Und die Menschen gaben ihnen Namen, wie es die Wikinger in alter Zeit getan hatten.
Niemand wusste, wo sie herkamen, doch waren sie gern gesehen, waren sie doch sehr geschickte Mäusejäger. Auch überstanden sie die harten Winter im Land ohne Schaden.
Die Farmer und ihre Familien wunderten sich zwar, dass Katzen von einer so imposanten Größe eine so leise Stimme hatten und auch keine Scheu vor dem Wasser hatten, doch sie nahmen diesen Umstand einfach hin und hinterfragten ihn nicht. Und da sie trotz ihrer Größe, Kraft und Zähigkeit sehr anhänglich waren und sich den Menschen zuwandten, gaben die ihnen den Beinamen "die sanften Riesen".
Es war, als hätte Leif Erikson selbst ihnen durch die Tiefen der Zeit zugeflüstert, dass sie schon damals von den Wikingern so genannt wurden.
Endlich waren sie wieder bei Menschen, die sie achteten. Die Farmer hatten zwar genug damit zu tun, ihre Felder zu bewirtschaften und konnten sich nicht so um die Katzen kümmern, wie in alten Zeiten die Wikinger, doch sie respektierten und schätzten sie.
Und die Katzen liebten es, wieder bei den Menschen zu sein.
Doch die Farmen lagen weit voneinander entfernt, und zur nächsten Siedlung war es ein weiter Weg.
Immer wieder kam es zu Kriegen zwischen Engländern und Franzosen, daher mochten nicht alle Katzen zu den Menschen gehen. In die Siedlungen ging sowieso niemand von ihnen, weil sie die Musketen und Kanonen fürchteten, daher wussten die Menschen dort sehr wenig oder nichts von ihnen.
Eines Tages war von etwas neuem die Rede. Die Menschen nannten es "Massachusetts Bay Colony" und machten ziemlich viel Aufhebens darüber. Doch die Katzen verstanden diese Aufregung nicht, denn für sie änderte nichts. Die Zeit verging, Missy, aber auch William und Silas waren schon lange tot. Die Familie hatte ihre Gräber draußen am Waldrand.
Die Farm gehörte jetzt Ebenezer McGalham, Silas Urenkel. Drei Katzen lebten auch dort, alles Nachkommen von Missy, nämlich Streuner, Lilly und Mary. Alle waren sie groß und kräftig und sie genossen das Leben bei den Menschen und liebten sie sehr. Streuner begleitete Ebenezer oft auf die Felder, die im Laufe der Jahre ziemlich groß geworden waren. Kühe hatte Ebenezer keine mehr, er baute auf seinen Feldern Mais an, der im Herbst verkauft wurde. Nur einige Schweine hielten sie, aber die wurden nicht verkauft, sondern jedes Jahr eines geschlachtet.
In dieser Zeit hatten die Kriege zwischen Engländern und Franzosen aufgehört, doch gab es Gerüchte über einen anderen Krieg. Immer wieder hörten die Katzen den Begriff "Kontinentalarmee". Was eine Armee war, hatten sie in der Zeit, in der sie in diesem Land lebten, leidvoll erfahren müssen, doch den Begriff "Kontinental" konnten sie nicht deuten. Häufig fiel auch ein anderer Name: George Washington. Da sie jedoch auf den verstreuten Farmen einigermaßen in Sicherheit waren, kümmerte es sie nicht, solange es sie nicht betraf. Doch ihre Erfahrung lehrte sie, bei solchen Veränderungen immer wachsam zu sein.
Eines Tages war Streuner mit Ebenezer und seinem Sohn Mathew auf den Feldern, als ein Reiter in schnellem Galopp laut rufend über die Felder preschte.
Er zügelte sein Pferd direkt vor Ebenezer und redete auf ihn ein. Der Kater spürte, dass der Fremde Ebenezer eine sehr freudige Mitteilung machte. Nur verstand er nichts, so schnell redete der Fremde.
Erst langsam fand er heraus, dass sich für die Menschen und damit auch für die Katzen sehr viel geändert hatte. Die Menschen hatte etwas getan, das sie "einen Staat gegründet" nannten.
Natürlich hatte weder Streuner, noch eine andere Katze eine Ahnung, was ein Staat war, doch Streuner fand heraus, dass dieser Staat fast katzenhaft war, jedenfalls gab es keinen König mehr, der jemand etwas befehlen konnte. Das Land in dem sie lebten, gehörte zu diesem Staat, der Massachusetts genannt wurde. Die Katzen nahmen das zur Kenntnis und kehrten wieder zu ihrer Alltagsbeschäftigung zurück.
Immer noch lebten viele von ihnen in den Wäldern und da sie die Siedlungen mieden, fanden sie noch keine richtige Heimat. Die würden sie erst finden, wenn die Menschen ihrer ganzen Sippe einen Namen gaben.
Ihre Zahl war gering, doch ganz langsam wurden es mehr.
Und wenn es auf einer Farm wieder einen Wurf von ihnen gab, wurden sie von den Farmern nicht fortgejagt oder getötet, sondern fuhren mit ihnen auf den Pferdewagen manchmal ein oder zwei Tagesreisen bis zur nächsten Siedlung auf den Markt.
Denn unter den Farmern waren diese bis dahin unbekannten Katzen sehr beliebt und auf den Märkten wurde für ein junges Kätzchen oft ein guter Preis bezahlt, denn viele wollten die sanften Riesen auf ihren Farmen.
Doch die Leute in den wenigen Städten wollten kaum etwas mit ihnen zu tun haben und nannten sie geringschätzig Bauernkatzen.
So hatte sich alles eingependelt und für viele Jahre schien es, dass es für immer so bleiben würde.
Kaum eine Katze lebte noch im Wald, obwohl sie sich dort immer noch an den alten Versammlungsplätzen trafen und in der "Stillen Sprache" ihre Gedanken austauschten.
Und trotz allen Fährnissen und Veränderungen hielten sie weiter Freundschaft mit den Fischottern.
In dieser Zeit begannen die Menschen in den Städten von Missouri zu reden.
Was genau mit Missouri gemeint war, wussten die Katzen nicht, sie erfuhren jedoch, dass das der Name eines Flusses war, weit, weit im Süden und im Westen. Doch was ein Fluss, zumal einer, der soweit weg war, dass man Jahre brauchen würde, um dorthin zu laufen, mit dem Land und den Menschen hier zu tun haben sollte, verstanden sie nicht und eigentlich war es ihnen egal. Doch da sie immer wachsam gewesen waren und es auch weiterhin sein würden, hörten sie immer aufmerksam zu, wenn die Menschen redeten.
Denn offensichtlich stand ein großer Tag bevor.
Die Menschen in den Städten bereiteten große Feiern vor und manche Farmer zogen ihre Sonntagskleidung an und machten sich auf den Weg dorthin.
Auch Ebenezer McGalham machte sich mit seiner Frau Susan und den Söhnen Abraham und Fitzgerald auf den Weg. Der Kater Hellpaw, ein Enkel Steuners, und die Katze Flower, die Ebenezer von einem Besuch bei einem befreundeten Farmer mitgebracht hatte, begleiteten sie auf der Kutsche, wie sie es öfter taten. Ebenezer hatte Brot für sich und seine Familie sowie getrocknetes Fleisch für die Katzen als Proviant für die Reise mitgenommen. Die beiden Pferde konnten sie überall grasen lassen. Da sie auf ihrer Farm Mais anbauten und keine Kühe zu versorgen hatten, konnten sie einige Zeit fortbleiben. Die Schweine waren in einem Pferch und konnten daher einige Tage alleingelassen werden. Nach zwei Tagen kamen sie in der Stadt an.
Viele Menschen hatten sich zu einem bunten Treiben versammelt und die Katzen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, so etwas kannten sie nicht. Doch das Ganze erschreckte sie nicht, dazu waren sie viel zu neugierig.
Überall waren Banner in den Farben Rot, Weiß und Blau angebracht und sogar über die Strasse gespannt. Die größte Fahne zeigte rote und weiße Streifen und auf einem blauen Feld dreiundzwanzig weiße Sternen.
Erst als laute Musik gespielt wurde, zogen sich Hellpaw und Flower zwischen zwei Häusern in den Schutz einiger Kisten und Fässer zurück. Die Musik war dann doch zuviel für empfindliche Katzenohren. Auch andere Tiere waren in der Stadt, hauptsächlich Pferde und Mulis, aber auch Hühner liefen über die Straße und in einiger Entfernung einige wenige Hunde. Doch die sanften Riesen machten sich nichts daraus und so kam es zu keinem Streit mit den Hunden.
Um die Mittagszeit versammelten sich die Menschen in der Mitte der Stadt auf einem freien Platz. Hellpaw und Flower waren vor Kurzem wieder zu der Kutsche zurückgekehrt und hatten es sich darauf gemütlich gemacht. Ebenezer hatte sie dort wiedergefunden und beide auf den Arm genommen. So standen sie auf dem Platz und warteten, was geschehen würde.
Die Musik hatte aufgehört und alles war still.
Männer in würdevoller Kleidung stiegen auf ein Podest.
Einer hielt eine Rede, danach wurde eine weitere Fahne gehisst.
Sie war blau, zeigte einen Farmer und einen Seemann, dazwischen eine Kiefer, vor der ein Elch lag.
Und so erlebten die Waldkatzen, wie nach der menschlichen Zeitrechnung am 15. März des Jahres 1820 Massachusetts aufgetrennt wurde und der weiter entfernte nördliche Teil, in dem die Katzen im Wald und auf verstreuten Farmen lebten, als eigener Staat ausgerufen wurde.
Und dieser neue Staat bekam einen Namen: Maine.
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mike1024
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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Mo 23. Sep 2013, 23:10

Die Reise der sanften Riesen - Der Kapitän

Ebenezer blieb noch einige Tag in der Stadt. Er hatte noch Besorgungen und Einkäufe zu machen. Ausserdem wollte er seinen ältesten Sohn Mathew treffen, der schon seit mehreren Tagen hier war. Der wollte seine Aufwartung bei den Woodman's und vor allem bei deren Tochter Linda machen.
Erbenezer war das nur recht, Linda war das, was man eine gute Partie nannte. Man würde sehen was sich daraus entwickeln würde, Mathew war jetzt alt genug für eine Ehe. Ausserdem wäre es ganz gut, wenn er eine Frau hätte, würde er doch eines Tages die Farm erben.
Hellpaw und Flower nahmen so etwas gelassen, denn Katzen sehen solche Dinge aus einer ganz anderen Sicht.
Bei den Woodman's lebten keine Katzen, daher waren Hellpaw und Flower meist mit sich selbst beschäftigt und ausgerechnet in diesen Tagen wurde Flower rollig.
Hellpaw war das nur mehr als recht und daher kam es auch, dass Flower in dieser Zeit trächtig wurde. Es gab in der Stadt nur sehr wenig Katzen, daher hatte er keine Konkurrenz zu befürchten. Außerdem waren die wenigen Kater der Stadt keine Waldkatzen und daher viel kleiner und bei weitem nicht so kräftig wie Hellpaw.
Die Familie Woodman lebte am Stadtrand und Christian Woodmann hatte einen Laden, der mit Eisenwaren handelte. Er war oft lange unterwegs in das weit entfernte Biddeford, wo er Ware einkaufte, Nägel, Beschläge, Stacheldraht und andere Dinge aus Eisen.
Wenn es tatsächlich zu einer Verbindung zwischen Mathew und Linda kam, würden sich die Familien öfter besuchen.
Zwei Tage später reiste Ebenezer mit seiner Familie wieder zurück. Mathew ritt gutgelaunt auf seinem Pferd nebenher. Auf der Farm war fast alles in Ordnung, nur die Schweine hatten den Pferch durchbrochen und den Gemüsegarten umgewühlt. Doch fortgelaufen war keines. Der Schaden war schnell behoben und dann ging alles wieder seinen alltäglichen Gang.
Zwei Monate später gebar Flower vier Junge, zwei Katerchen und zwei Kätzchen.
Der Hochsommer war gerade vorbei, als Mathew wieder einmal die Woodman's besuchen wollte. Und natürlich würde er Linda ein Geschenk mitbringen.
Er dachte über dieses und jenes nach, aber was gab es schon auf der Farm, was seiner Angebeteten gemäß wäre?
Dann hatte er die Idee! Zwei Kätzchen aus Flowers Wurf, das wäre das richtige Geschenk.
Linda war sehr tierlieb, das wusste Mathew. Die Kleinen waren jetzt vier Monate alt und konnten nun gut in ein neues Zuhause kommen.
Er wählte das rotgefleckte Katerchen und das schwarzweiße Kätzchen.
Einen Namen wollte er den Beiden nicht geben, das würde er mit Freuden Linda überlassen.
An einem Sommermorgen, noch vor Anbruch der Dämmerung ritt er los. Mit dem Pferd wäre er schneller als mit der Kutsche und würde schon am Abend in der Stadt sein. Er hatte Tage zuvor einen kleinen Holzkäfig gezimmert, in dem jetzt die beiden Katzengeschwister untergebracht waren. Der Käfig war fest mit den Satteltaschen verzurrt.
Den beiden Kätzchen passte das Ganze gar nicht. Erst der enge Käfig, dann dieses Gerüttel und Geschaukel.
Sie waren beide ganz aufgeregt und freuten sich, als Mathew eine Pause einlegte. Doch auch da ließ er sie nicht aus dem Käfig. Die Sonne stand schon tief, als sie die Stadt erreichten.
Linda war nicht da, sie musste noch eine Besorgung erledigen. Sarah, Lindas Mutter, begrüsste ihn und bat ihn herein. Über den Käfig hatte er ein Tuch gelegt und stellte das ganze auf dem Boden ab. Sarah schaute mit Verwunderung darauf, denn sie hörte seltsame kratzende Geräusche daraus, dann ein ganz leises "mauuu". Endlich kam auch Linda.
Die Begrüssung fiel sehr herzlich, aber auch förmlich aus. Mathew und Linda wären jetzt am liebsten alleine gewesen, doch die erwartete Höflichkeit zwang sie zu einer Förmlichkeit, der sie am liebsten entronnen wären. Und dann hob Mathew das Tuch vom Käfig.
Da saßen sie, rot und schwarzweiß. Richtige Fellknäul. Und wie sie schauten.
Linda war ganz hingerissen. Sie liebte Tiere, hatte aber bis jetzt keine eigene besessen.
Dann griff sie in den Käfig und holte beide heraus. "Wie heissen sie?" fragte Linda. "Oh, sie haben noch keinen Namen, ich dachte, Du gibst ihnen Namen." antwortete Mathew.
"Ich werde darüber nachdenken, welche Namen zu ihnen passen." meinte Linda.
Dann erwähnte sie das Thema nicht mehr. Doch den ganzen Tag sah man sie die Katzen anschauen und immer wieder spielte sie mit ihnen.
Der Kater untersuchte das Haus intensiv und rannte aufgeregt von einer Ecke in die nächste, während die Katze eher bei Linda blieb und schmusen wollte.
So kam Linda endlich zu einem Entschluss.
"Mathew, siehst du, wie der Kleine herumrennt und das Mädchen wie mein kleiner Sonnenschein bei mir bleibt?"
"Ja, die sind beide so süß"
"Eben, und deshalb nenne ich den Roten Racer und das Mädchen Sunshine."
So hatten die Geschwister einen Namen erhalten und lebten sich schnell bei der Familie Woodman ein.
Racer stromerte oft durch die Stadt, während Sunshine lieber bei der Familie blieb.
Sie gewöhnte sich nach kurzer Zeit an, Linda und ihrem Vater überall hin zu folgen.
Es gab nun einige Katzen und Kater hier und mittlerweile waren drei davon Waldkatzen. Die anderen hatten die Siedler aus dem fernen Europa mitgebracht.
Die Zeit verging und die Geschwister waren nun viel mehr als ein halbes Jahr alt. Noch waren sie nicht so groß wie eine ausgewachsene Waldkatze, doch trotzdem schon sehr imposant.
Und im Herbst wurde Sunshine zum ersten mal rollig.
In den Nächten war das Geschrei und Gezerfe im Garten für die Familie fast nicht auszuhalten. Alle Kater der Stadt hatten sich dort versammelt.
Blacky und Sir Fluffy, die beiden Waldkater, machten schliesslich das Rennen unter sich aus.
Sie waren am grössten und stärksten und alle anderen hatten nicht die Spur einer Chance.
In der folgenden Zeit wurde Sunshine noch anhänglicher und folgte vor allem Christian überallhin. Da sie nie störte, war es ihn recht. Die Leute grinsten zwar und tuschelten hinter vorgehaltener Hand, doch da Christian mit seinem Eisenwarenhandel ein angesehener Mann war, blieb es dabei. Einige, die schon von den grossen Katzen der Farmer gehört hatten, sagten sogar, dass dieses nicht einmal das schlechteste wäre. Die Familie kümmerte sich nicht darum und die Katzen erst recht nicht. Sunshine war jetzt trächtig und in einigen Wochen würde sie gebären.
Der Herbst war schon weit fortgeschritten, als sich Christian wieder einmal auf den Weg nach Biddeford machte. Er wollte vor dem Winter dort Waren einkaufen und hatte deshalb den grossen Wagen und die Pferde vorbereitet. Und wie so oft würde ihn wohl Sunshine begleiten.
Die Fahrt dorthin würde drei Tage dauern und er würde auch einige Tage in Biddeford bleiben um seine Geschäfte abzuschließen. Sunshine hatte es sich auf dem Wagen zwischen einigen Decken gemütlich gemacht und genoss die Fahrt. Öfter machten sie Rast und Sunshine nutze das, um herumzustromern und zu sehen, ob sie etwas erlegen konnte. Nachts schlief Christian im Wagen, während Sunshine die Gegend erkundete. Sie hatte auch Markierungen von anderen Katzen gefunden und in der zweiten Nacht einen Versammlungsplatz. Einige Katzen waren da, von den Farmen, aber auch welche von den ganz wenigen, die noch in der Wildnis lebten.
Was sie untereinander berieten, hat nie jemand erfahren, doch Sunshine kehrte sehr zufrieden zum Wagen zurück. In der Mittagszeit des dritten Tages kamen sie in Biddeford an.
Während der Reise war es ruhig geblieben. Christian hatte zwar, wie alle Reisenden, ein Gewehr dabei, doch das nur zur Sicherheit, den auf den Wegen waren wenig Menschen unterwegs.
Anders war es in Biddeford. Das lag nah am Meer und der Hafen war nicht weit entfernt.
Die Seeleute feierten und zechten in den Saloons und oft gab es Streit. Jedenfalls hatte der Sheriff und seine Gehilfen alle Hände voll zu tun. Sunshine war nicht das erste mal hier und schaute neugierig aus dem Wagen, als sie in die Stadt einfuhren. Einige Männer sahen sie, schauten erst sehr verwundert und fingen an zu lachen. Denn eine Katze auf einem Wagen, das hatte es noch nie gegeben und dann auch noch so eine grosse und mit so einem dichten Pelz!
Mancher hatte schon davon gehört, dass es auf den Farmen Riesenkatzen gäbe, die den Menschen wie Hunde folgten, doch gesehen hatte hier in Biddeford so eine Katze noch niemand. Es gab auch einige, die Sunshine auf den ersten Blick für einen Waschbären hielten.
Zwei Schiffe waren vor kurzem draußen in Pool vor Anker gegangen, eines davon mit Fracht aus Boston für Christian's Eisenwarenladen. Deshalb herrschte auch viel Betrieb auf den Strassen von Biddeford. Da waren Händler, Seeleute, die Schauerleute, aber auch zwielichtiges Gesindel, wie in jeder Hafenstadt.
Christian musste zuerst zum Kontor um die Papiere fertig zu machen, bevor er seine Ware im Lagerhaus abholen konnte. Immer gefolgt von Sunshine, ging er entlang an Geschäften und Saloons. Er war so in Gedanken versunken, dass er unvermittelt mit einem Mann zusammenstieß, der gerade aus einem Saloon kam.
Er entschuldigte sich, dann sah er den Mann genauer an. Irgendwie erinnerte er ihn mit seiner Hornbrille an einen Waschbären.
Offensichtlich war er Seemann, wie Christian unschwer an seiner Kleidung erkennen konnte.
Der Mann entschuldigte sich ebenfalls, dann bückte er sich und streichelte Sunshine über den Kopf.
"Eine wunderschöne Katze. Ich liebe Katzen und habe selber welche. Wie heißt sie?"
"Sie heißt Sunshine," sagte Christian, "doch mit wem habe ich die Ehre?"
"Oh, sie entschuldigen Sir, ich habe mich nicht vorgestellt. Nennen sie mich einfach Tom, zu ihren Diensten. Ich bin Kabinensteward auf der GLEN LAURIE, die zur Zeit in Pool vor Anker liegt."
"Keine Ursache Tom, es ist ja nichts passiert. Mein Name ist Christian Woodman, ich bin in Geschäften hier."
"Sehr erfreut Mr. Woodman, doch nun entschuldigen sie mich, ich werde auf dem Schiff erwartet."
Er wandte sich um und Christian sah ihm noch eine Weile nach. Ein Seemann als Katzenfreund, was es nicht alles gab. Dann betrat er kopfschüttelnd den Kontor.
Tom war ziemlich sauer. Den ganzen Tag hatte ihn der Erste Maat nur schikaniert und rumgescheucht. Natürlich war Seefahrt kein Zuckerschlecken, doch was dieser Mistkerl veranstaltete, ging zu weit. Er schwor sich, eines Tages würde er Kapitän auf der GLEN LAURIE sein und dann würde es vorbei sein mit den Schikanen. Er musste sich erst etwas beruhigen, daher war er erst vom Pool nach Biddeford gegangen und hatte sich im Saloon einige Drinks genehmigt.
Und dann auch noch vor dem Saloon der Zusammenstoss mit diesem Händler. Heute war einfach nicht sein Tag. Der einzige Lichtblick war die Katze gewesen, die dieser Woodmann bei sich gehabt hatte. Tom mochte Katzen sehr.
Denn es gehörte auch zu Toms Pflichten als Kabinensteward, nach den Katzen zu sehen und dafür zu sorgen, dass immer welche an Bord waren. Die Ratten hatte in letzter Zeit gewaltig überhand genommen und nur die Katzen waren in der Lage diese Plage einzudämmen. Leider musste er immer wieder neue Katzen an Bord bringen, denn manche verliefen sich in fremden Häfen und fanden nicht rechtzeitig zurück, wenn die GLEN LAURIE auslief.
Tom träumte davon, das es Schiffskatzen gäbe, die immer bei ihm blieben und nicht wegliefen. Im Winter war es besonders schlimm, denn viele Katzen waren dieses Klima nicht gewohnt und starben. Neu angekommene Siedler aus Europa brachten manchmal ihre Katzen mit, aber das geschah nicht allzu oft, außerdem wollten die ihre Katzen nur selten hergeben und so blieb das Problem bestehen.
Mürrisch machte er sich zurück auf den Weg nach Biddeford Pool.
Zwischenzeitlich hatte Christian ein Menge Papierkram hinter sich. Sunshine hatte sich auf einem Stuhl zusammengerollt und schlief.
Draußen vor dem Kontor wurde es laut. Wahrscheinlich war wieder irgend ein Streit unter Betrunkenen zugange, doch das ging ihn ja nichts an.
Endlich war alles erledigt und mit Sunshine im Gefolge ging Christian wieder nach draußen.
Draußen war der Streit inzwischen eskaliert. Einige Schauerleute waren wohl mit dem Ergebnis eines Pokerspiels nicht einverstanden und bezichtigten sich gegenseitig des Falschspiels. Es wurde immer lauter und erste Faustschläge fielen.
Christian machte einen weiten Bogen um die Raufbolde und überquerte die Straße.
Plötzlich fiel ein Schuss. Sunshione drückte sich sofort auf den Boden und Christian drehte sich hin zu den Streitenden aus deren Richtung der Schuss gekommen war. Er sah nicht, wie hinter ihm ein Pferd mit einem Einspänner durch den Schuss in Panik geraten war und auf ihn zu gallopierte. Das Pferd streifte ihn nur, doch der Einspänner krachte voll gegen seine Beine und rollte über ihn weg. Er lag im Staub und konnte sich nicht mehr bewegen. Einige Leute kamen angerannt, auch der Sheriff mit zwei Gehilfen. Jemand hatte das Pferd zum Stehen gebracht und beruhigt, während der Sheriff sich um die Streithammel kümmerte.
Christian wollte aufstehen, doch es gelang ihm nicht. Sunshine hatte sich auch von dem Schreck erholt und kam zu Christian. Sie schnüffelte an ihm, rieb sich und fing an zu schnurren. Einige Männer hoben Christian hoch und trugen ihn weg von der Strasse.
Sunshine maunzte, doch niemand schenkte ihr Beachtung, alle Aufmerksamkeit war auf Christian gerichtet. Jemand rief nach dem Arzt. Kurze Zeit später kam der Arzt und untersuchte ihn. "Ja, Sir, da ist das Bein gebrochen. Ich werde es schienen müssen und dann werden wir weiter sehen." meinte er, "Aber sie sind nicht aus Biddeford. Haben sie eine Unterkunft hier?" "Nein," antwortete Christian, "ich wollte nur meine Waren abholen und erst dann nach einer Unterkunft schauen." "Oh. Tut mir leid Sir, aber das dürfte nicht möglich sein. Ich werde sie einige Nächte bei mir einquartieren, dann werden wir weitersehen."
Sunshine hatte dem Ganzen zugesehen, doch sie begriff nicht, was die Menschen machten.
Christian war verletzt, da sollte er doch ein sicheres Versteck suchen und leise sein. Doch die Menschen verhielten sich oft seltsam und sie nahm es eben hin. Gut, sie würde bei ihm sein und ihn gesundschnurren, wie die Katzen es in der Wildnis machten. Denn auch wenn sie nicht wusste, warum das so war, war allen Katzen bekannt, dass Schnurren Verletzungen schneller heilen ließ, vor allem, wenn Knochen verletzt waren.
Doch die Menschen hoben jetzt Christian auf eine Trage und trugen ihn in ein Haus.
Sunshine wollte ihnen folgen, doch die Männer ließen es nicht zu. Christian hatte jetzt starke Schmerzen und sah Sunshine nicht. Er hätte bestimmt dafür gesorgt, dass sie mit ihm gehen konnte. So aber saß sie vor dem Haus des Arztes und wartete.
Es dämmerte bereits und Sunshine wartete immer noch. Doch dann wurde sie hungrig. Nun, hier eine oder zwei Mäuse zu erwischen, war ja kein Problem und da sie wusste, wo Christian war, konnte sie jederzeit hierher zurückkehren. Doch der nächste Tag verging und Christian kam nicht wieder. Mehrmals hörte sie seine Stimme, also musste er noch hier sein. Sie richtete sich auf eine längere Wartezeit ein und dehnte ihre Streifzüge immer weiter aus.
Tom hatte inzwischen auf der GLEN LAURIE nach dem Rechten gesehen und nun auf dem Weg zur Farm. Die Farm, am Rande des kleinen Hafens Biddeford Pool gelegen, wurde Tarbox Farm genannt und war Toms zuhause, wenn die GLEN LAURIE hier im Hafen lag. Sie gehörte Joseph Tarbox, einem Freund von Enoch Snow, dem Kapitän der GLEN LAURIE. Kapitän Snow hatte auch dafür gesorgt, dass Tom mit den Katzen auf der Tarbox Farm wohnen konnte, wenn das Schiff hier im Pool vor Anker lag.
Auf der Farm waren die Katzen untergebracht, die er dann mit aufs Schiff nahm, wenn es wieder auf die Reise ging. Die GLEN LAURIE würde erst in einigen Tagen auslaufen, also konnte er bis dahin auf der Tarbox Farm bleiben. Als er das Haus betrat, wurde er von dreien der Rattenjäger freudig begrüsst. Tom schaute sich um, es hätten doch vier sein müssen, wo war Snuggles? Nach einigem Suchen fand er schließlich Snuggles. Der Kater hatte sich hinter der Küchenbank verkrochen und sah ziemlich elend aus. Er war schon alt, über 14 Jahre, und Tom hatte nicht genug Geld um mit ihm zum Veterinär nach Biddeford zu gehen. Ausserdem bezweifelte er, dass der sich mit Katzen auskannte, denn eigentlich schaute er nur nach den Pferden und dem Vieh der Farmer in der Umgebung. So blieb Tom nichts anderes übrig, als Snuggles zu streicheln und zu kraulen.
Lange beschäftigte er sich mit dem Kater und es war spät, als er zu Bett ging
In dieser Nacht hatte er zum ersten mal den Traum.
Sunshine war auf der Suche nach einem sicheren Wurfversteck auf die Landbrücke geraten, die Biddeford mit Biddeford Pool verband.
In der Stadt war es ihr zu umtriebig, sie brauchte einen ruhigen Platz wo sie ihre Jungen zur Welt bringen konnte. Außerhalb waren kaum Häuser und einige wenige Farmen. Die Luft roch hier anders, salzig.
Es gab auf der Landbrücke nur einige kleine Farmen
Nach zwei Tagen des Suchens in der Stadt und der Umgebung war sie hierher gekommen. Und sie sah in der Ferne Masten. Wo Masten waren, da waren auch Schiffe. Obwohl die Masten und damit auch die Schiffe noch ziemlich weit entfernt waren, zog es sie dorthin.
Trotzdem musste sie bald einen sicheren Platz finden, denn mittlerweile drängte die Zeit und die Geburt stand kurz bevor.
Unterwegs kam sie an einer der Farmen vorbei. Im Garten der Farm sah sie etwas merkwürdiges.
Ein Mann war gerade damit beschäftigt, in diesem Garten ein Loch zu graben. Neben ihm stand eine kleine Holzkiste.
Sunshine bemerkte die Traurigkeit dieses Mannes. Er hatte Tränen in den Augen.
Langsam kam Sunshine näher. Ein Geruch lag in der Luft, ein Geruch des Todes.
Und er kam aus der Kiste. Da war eine tote Katze drin, Sunshine roch es.
Und jetzt erkannte sie den Mann. Es war dieser Tom, den sie vor einigen Tagen zusammen mit Christian vor dem Saloon getroffen hatte.
Jetzt legte Tom sein Werkzeug ins Gras und wollte nach der Kiste greifen.
Erstaunt hielt er inne, als er Sunshine sah. Es schien, als ob er nachdachte. Sunshine konnte die Traurigkeit dieses Mannes förmlich riechen.
Sie sah ihn an und begann zu miauen. Tom beugte sich zu ihr hinunter und begann, ihr den Kopf zu kraulen. Sunshine liess es zu, ja er genoss es förmlich.
"Du bist doch Sunshine, wenn ich mich recht erinnere." sagte Tom. " Ja, du bist Sunshine! Wie kommst du denn hierher? Wo ist denn Mr. Woodman?" Er erhielt keine Antwort, Sunshine schaute ihn nur an. Dann strich sie um seine Beine.
Mit Tränen in den Augen nahm er die Holzkiste und versenkte sie in dem Loch das er gegraben hatte. Dann schaufelte er das Loch wieder zu. Sunshine hatte dem Ganzen unverständlich zugeschaut, sie begriff nicht, warum Tom die Kiste mit der toten Katze vergaben hatte. Wieder strich sie ihm um die Beine. Doch dann erinnerte sie sich, dass in den alten Erzählungen die Rede davon war, dass die Wikinger es manchmal genau so gemacht hatten.
Zumindest kannte sie die Geschichte von Snorri, der Geyfa und Aldavinur auch begraben hatte, als sie gestorben waren. Dieser Tom wurde ihr immer angenehmer.
Lange stand Tom noch an dem Katzengrab und Sunshine blieb bei ihm.
Dann bückte er sich und hob Sunshine hoch. Er begann sie zu streicheln, während er langsam auf das Haus zuging. Man konnte es über eine große Veranda betreten. Innen sah das Haus aus wie jedes Farmhaus. Und es roch nach Katze! Sehen konnte Sunshine keine, doch der Geruch war eindeutig. Da war auch eine Küche in der Tom jetzt mit Sunshine auf dem Arm zu hantieren begann. "Du siehst aus, als wärst du hungrig, schauen wir mal was wir so haben." Aus einem kleinen Fass holte er ein Stück Pökelfleisch und hielt es Sunshine unter die Nase. Die schnupperte erst einmal, doch dann schnappte sie nach dem Fleisch.
Dann setzte sich Tom in einen großen Sessel, die Katze auf dem Schoß.
Er streichelte Sunshine wieder am Rücken und begann dann ihren Bauch zu kraulen. Plötzlich stutzte er. "Grosser Gott, bist du etwa trächtig?" Er tastete ihren Bauch ab. "Ja, ganz eindeutig und so wie ich das sehe, werden deine Babys sehr bald zur Welt kommen. Nun meine Liebe, dann denke ich mal, du bleibst erst mal hier. Morgen wird Molly kommen, dann werden wir weitersehen." Sunshine fühlte sich bei Tom sehr wohl und begann zu schnurren.
Wieder begann Tom zu reden, als wäre die Katze ein Mensch. "Weißt du es ist seltsam. Vor zwei Tagen kam ich von der GLEN LAURIE hierher zurück und fand Snuggles krank vor. Er war über 14 Jahre bei mir und so ein lieber Kater." Tom streichelte Sunshine wieder, dann fuhr er fort: "In der Nacht hatte ich das erste Mal diesen seltsamen Traum.
Da waren lauter langhaarige, große Katzen, genau wie du. Sie lagen, saßen und standen auf einer Wiese. Und mittendrin ein großer Kater mit kurzem, sandfarbenem Fell. Er wirkte irgendwie ehrfurchteinflößend. Und er schaute mich an, auf eine Art, die mir durch und durch ging. Weißt du wie das ist, wenn ein Mensch von einer Katze auf diese Art angeschaut wird? Du weißt es nicht! Eine lange Zeit schaute er mich so an und ich meinte, mein Innerstes würde nach außen gekrempelt. Dann fing der Kater zu sprechen an. Beim Klabautermann, er fing wirklich zu sprechen an, der Teufel soll mich holen, wenn's nicht so war. Er sagte nur: ,Gib ihnen eine Heimat.' Nur dies, ,Gib ihnen eine Heimat.', sonst nichts. Dann bin ich aufgewacht."
Sunshine hob den Kopf und schaute Tom an.
"Und heute," fuhr Tom fort, "ist Snuggles gestorben. Er war sehr oft mit mir auf See und der einzige, der immer rechtzeitig zum Schiff zurückfand. Nur die letzten beiden Fahrten war er nicht dabei, denn er war schon alt und hat hier auf der Tarbox Farm sein Gnadenbrot erhalten." Tom kamen wieder die Tränen.
"Und in der letzten Nacht, bevor er starb, hatte ich dann wieder denselben Traum."
Wieder streichelte er Sunshine.
"Weißt du, ich habe mich gefragt, was er bedeutet. Doch wenn ich dich so sehe, wie du zu mir gekommen bist und wann, dann glaube ich zu wissen, was der sandfarbene Kater in meinem Traum mir sagen wollte. Aber wir werden sehen."
Plötzlich war ein Scheppern zu hören und dann ein leises Tapsen.
Sunshine drehte sofort die Ohren nach dem Geräusch, dann den Kopf.
Da sah sie die Katze. Sie schlich langsam zur Tür herein, misstrauisch den Blick auf Sunshine gerichtet. Sie war kleiner als diese und hatte ein kurzes schwarzgrau gestreiftes Fell. Langsam kam sie näher.
"Das ist Cheri," sagte Tom, "sie lebt auch hier. Dann sind da noch Buster und Diabolo. Ich denke, du wirst mit ihnen klarkommen, es sind öfter neue Katzen hier und sie kennen das, wenn jemand neues hier einzieht."
Sunshine schaute neugierig auf Cheri, die vorsichtig näher kam. Nein, kein Fauchen, kein Buckeln, nur Vorsicht. Viel Vorsicht, man weiß ja nie...
Doch dann war das Eis gebrochen. Cheri schnupperte an Sunshine und die ließ es geschehen.
Dann fing sie an, Sunshine über den Kopf zu lecken.
Sie war auf der Tarbox Farm aufgenommen!
Buster und Diabolo traf sie erst spät in der Nacht. Es gab mit den beiden Katern dann doch erst ein ziemliches Gefauche, aber dann wurde sie auch von ihnen willkommen geheißen.
Auch die Kater waren kleiner und hatten ein sehr kurzes Fell.
Am Morgen spürte Sunshine ein erstes schmerzhaftes Ziehen im Bauch. Die Geburt stand unmittelbar bevor. Tom hatte ihr im Wohnzimmer einen großen Korb mit einem Kissen zurechtgemacht, in den sie sich zurückzog. Es war noch nicht Mittagszeit, als sie drei Kätzchen geboren hatte, ein Katerchen und zwei Mädchen. Sie biss die Nabelschnur durch und leckte die drei winzigen Katzenbabys trocken. Sofort suchten sie ihre Zitzen und begannen zu trinken. Tom war die ganze Zeit in der Nähe und hatte alles beobachtet.
Als er sah, dass alles gut gelaufen war und die Jungen offensichtlich gesund waren, sagte er zu Sunshine: "Gut hast du das gemacht. Doch bald kommt Molly und ich werde euch eine Weile alleine lassen. Ich werde nach Biddeford gehen und sehen, ob ich Mr. Woodman finde.
Ich muss ihm doch erzählen wo du bist und was passiert ist, nicht war?"
Um die Mittagszeit kam Molly. Jonathan und Molly Haley lebten auf der Haley Farm, etwa eine Meile von der Tarbox Farm entfernt und Molly kam öfter herüber und schaute nach Toms Katzen. Die Tarbox Familie beschäftigte sich auch mit den Katzen und Joseph war auch froh darüber, dass welche auf der Farm waren, doch sie konnten sich nicht so darum kümmern, wie sie eigentlich gewollt hätten.
Molly war ganz hingerissen von den Neugeborenen und hätte sie am liebsten geknuddelt.
Doch sie wusste, dass sie Sunshine und ihre Kinder fürs erste in Ruhe lassen musste.
Sie hatte schon einiges von den so genannten "Bauernkatzen" oder auch "Shag Cats", Zottelkatzen, wie sie manchmal genannt wurden, gehört, die auf den weit verstreuten Farmen in den Wäldern leben sollten, doch gesehen hatte sie noch keine.
Und hier war jetzt eine und was für eine wunderschöne. Molly konnte gar nicht mehr wegsehen.
Tom hatte sich unterdessen fertiggemacht. Er wollte nach Biddeford, und schauen ob Mr. Woodman noch in der Stadt war. Immerhin musste er ja wissen, wo Sunshine jetzt war und dass sie eine Weile bei ihm bleiben würde.
In der Stadt konnte er den Geschäftsmann nicht finden, so fragte er sich durch. Doch erst der Hufschmied konnte ihm Auskunft geben. Bei ihm waren Wagen und Pferde des Eisenwarenhändlers untergestellt, daher wusste er, dass Christian Woodman im Haus des Arztes war.
Es klopfte an der Tür. Christian fragte sich, wer das sein könnte, er wusste, dass der Arzt zur Zeit ausser Haus war. Sein Bein hatte der Arzt geschient, doch die Schmerzen waren immer noch heftig, obwohl jetzt schon mehrere Tage vergangen waren.
"Herein." rief Christian. Langsam öffnete sich die Tür und ein Kopf mit einer Hornbrille auf der Nase schob sich herein. Christian konnte ein Schmunzeln nur schwer unterdrücken. Denn der Kopf hatte, vor allem wegen der Brille, eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Waschbären. Dann kam es ihm wieder in den Sinn. Das war doch dieser Tom, mit dem er vor dem Saloon zusammengestoßen war. Was wollte der denn hier?
"Verzeihung Sir, wenn ich sie einfach hier belästige, aber ich würde gerne mit ihnen reden."
Christian war irritiert. "Mit mir reden? Worüber denn, wir kennen uns doch nur flüchtig, oder irre ich mich?" "Nun Sir, es ist wegen ihrer Katze, Sunshine." "Was ist mit ihr, ich habe mich schon gefragt, wo sie ist. Ich kann ja nicht nach ihr schauen, wie sie unschwer erkennen können. Ist ihr etwas passiert?"
"Nein Sir, da kann ich sie beruhigen, sie ist wohlauf und sie ist in meiner Obhut. Ja, und Sir, es ist so, sie hatte heute Vormittag einen Wurf von drei Kätzchen. Daher denke ich, dass es das Beste ist, wenn sie eine Weile bei mir bleibt, wenn sie einverstanden sind."
Christian hatte gewusst, dass Sunshine trächtig war, doch er hatte geglaubt, dass bis zur Geburt noch einige Zeit blieb und sie dann wieder zuhause wären.
Gut, es war nun eben so und dieser Tom schien ja ein Katzenkenner zu sein.
Ausserdem blieb ihm zu Zeit nichts anderes übrig. So stimmte er Toms Vorschlag zu.
Er hatte einen berittenen Boten zu seiner Familie geschickt, mit einem Brief, in dem er die Situation erklärte. Sunshines Verschwinden hatte er nicht erwähnt, denn Sarah, seine Frau, würde jetzt andere Sorgen haben. Seine Tochter würde zwar traurig sein, doch das ging jetzt nicht anders.
"Nun," sagte Christian, "ich danke ihnen, dass sie sich um Sunshine kümmern und sobald ich wieder gehen kann, werde ich mich auf jeden Fall erkenntlich zeigen Mr...?"
"Tom, wie ich schon sagte."
"Nur Tom?"
"Nein, eigentlich Thomas. Thomas Coon."
Und so blieben Sunshine und ihre Jungen auf der Tarbox Farm. Die GLEN LAURIE lief nach einigen Tagen in Richtung Boston aus. Die Frachträume waren voll mit Mais, daher hatten Cheri, Buster und Diabolo ziemlich zu tun um die Ratten, die sich an Bord geschlichen hatten, im Zaum zu halten. Passagiere waren nur zwei an Bord, beides Geschäftsreisende, daher hatte Tom in seiner Funktion als Kabinensteward nicht all zuviel zu tun.
Molly Haley sorgte inzwischen für Sunshine und ihre Kätzchen. Joseph Tarbox war erleichtert, dass seine Familie das nicht tun musste, denn sie hatten genug Arbeit auf der Tarbox Farm. Und nach drei Wochen war die GLEN LAURIE aus Boston zurück.
Eines Tages fuhr ein Einspänner vor und ein Mann mit einer Krücke stieg umständlich aus.
Christian Wooodman machte einen Besuch auf der Farm. Er wurde von der Familie Tarbox herzlich begrüßt und auch Tom war da.
Christian hatte sich soweit erholt, dass er nach hause reisen konnte und er wollte nach Sunshine schauen. Mitnehmen würde er sie noch nicht können, dafür waren ihre Jungen noch zu klein. Also würde sie wohl den Winter über bei Tom bleiben müssen. Aber er wusste, dort war sie gut versorgt.
Und er fragte Tom, wie er sich denn erkenntlich zeigen könnte.
Der druckste erst verlegen herum. "Nun, Mr. Woodman, es ist so..." "Heraus mit der Sprache, und keine Hemmungen!" "Sir, sie werden Sunshine nach dem Winter wieder abholen, nur..."
"Was, nur?" "Es ist einfach so, dass wir uns an die drei Kleinen gewöhnt haben und sie sehr mögen, daher, Sir, wenn es nicht zu vermessen ist, bitte ich sie, ob wir nicht eines oder zwei behalten könnten." "Thomas, das ist das mindeste, mit dem ich mich bedanken kann. Aber wissen sie was, ich schenke ihnen alle drei."
Tom war sprachlos, das hatte er nicht erwartet.
Christian blieb noch einige Zeit auf der Tarbox Farm und fuhr dann gegen Abend nach Biddeford zurück.
So zog Sunshine also ihre Jungen auf der Tarbox Farm auf. Tom nannte den Kater Silver, weil er ein fast silberfarbiges Fell hatte, den beiden Katzen gab er die Namen Blinky und Jessy.
Der Winter kam und die drei wurden grösser. Sie entdeckten die Farm und ihre Umgebung.
Mit Cheri, Buster und Diabolo kamen sie meistens gut aus. Manchmal gab es zwar ein Gezerfe und Gefauche, doch schnell war alles wieder gut.
Der Winter ging vorüber und die ersten Blüten streckten sich der Sonne entgegen, als eine offene Kutsche Vorgefahren kam. Christian Woodman war mit seiner Tochter Linda gekommen um Sunshine abzuholen. Es gab eine grosse Begrüssung und dann wollte Linda gleich nach Sunshine schauen. Die schnupperte erst vorsichtig an ihrer Hand, dann erkannte sie Linda und fing sofort zu schnurren an.
Christian Woodman und seine Tochter blieben noch einen Tag auf der Tarbox Farm.
Dann fuhren sie mit Sunshine nach hause.
Da sie die offene Kutsche hatten und nicht Christians schweren Transportwagen, würde die Fahrt nur zwei Tage dauern.
Am Abend des ersten Tages machten sie Rast in einem kleinen Gehöft. Dort wollten sie übernachten. Sunshine war in den letzten Stunden unruhig gewesen, daher hatte sie Linda auf den Arm genommen und gekrault. Die Sonne war bereits am untergehen und sie wollte noch etwas in der Kutsche nachsehen, als Sunshine ihr plötzlich vom Arm sprang und auf den Wald zurannte.
Linda war erst erschrocken, dann rannte sie, laut nach Sunshine rufend, hinterher.
Die Bäume standen hier nicht so dicht, auch gab es kaum Unterholz, so dass sie der Katze folgen konnte. Sunshine rannte jetzt nicht mehr, sondern lief nur noch in einem etwas schnelleren Tempo. Linda konnte ihr folgen. Sie rief jetzt nicht mehr, sondern versuchte nur noch, der Katze hinterherzukommen. Es war schon fast dunkel und sie konnte Sunshine gerade noch erkennen. Sie waren schon tief im Wald, als Sunshine unvermittelt stehen blieb.
Langsam ging die Katze weiter. Der Mond war inzwischen aufgegangen und sein fahler Schein schimmerte durch die Bäume. Linda wusste nicht, wie sie Sunshines Verhalten deuten sollte. Jedenfalls konnte sie erkennen, dass die Katze erst auf etwas hinabsah und dann langsam irgendwo hinunterging. So vorsichtig wie möglich pirschte Linda sich näher.
Ihr bot sich ein seltsames Bild. Da war eine kleine Senke, bedeckt mit altem Laub. Zwei Bäume und eine Menge Gebüsch wuchsen auch darin. An einer Seite war eine freie Fläche.
Vielleicht lag es auch am schwachen Mondlicht, doch Linda glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Denn mitten auf der freien Fläche saßen sechs, nein, jetzt waren es sieben, Katzen.
Soweit sie in dem Dämmerlicht erkennen konnte, war eine davon Sunshine. Die anderen kannte sie nicht, doch es waren alles diese großen, langhaarigen Waldkatzen. Sie saßen einfach so da. Nichts weiter geschah. Es war still. Die Katzen schauten sich gelegentlich gegenseitig kurz an, das war alles, was an Bewegung zu erkennen war. Linda wusste nicht, wie lange sie schon da gestanden und diese unheimliche Zeremonie beobachtet hatte. Sie traute sich nicht zu rühren. Plötzlich, wie auf ein Kommando, standen alle Katzen auf und liefen in verschiedene Richtungen davon. Auch Sunshine lief auf dem Weg zurück, den sie gekommen war. Sie musste unweigerlich an Linda vorbeikommen. Das tat sie auch, doch sie lief an der ihr vorbei, als wäre die nicht vorhanden. Linda war sprachlos und machte keinen Schritt. Da blieb Sunshine stehen, drehte sich um, und schaute Linda an, als würde sie die junge Frau auffordern, doch endlich mitzukommen. Die war völlig durcheinander. Sunshine hatte gewusst, dass sie da war! Und sie hatte das als völlig selbstverständlich hingenommen.
Ab dem Tag betrachtete Linda alle Katzen mit anderen Augen.
Auf der Tarbox Farm lief unterdessen alles seinen gewohnten Gang. Tom war mit der GLEN LAURIE nach Philadelphia unterwegs und Silver, Blinky und Jessy waren bei ihm. Für die drei Geschwister war es die erste Seereise. Buster und Diabolo hatte er auch mitgenommen.
Cheri war auf der Farm geblieben, denn auch dort wurde eine Mäusejägerin gebraucht.
Molly schaute gelegentlich nach ihr. Eines abends wollte sie gerade nach hause gehen, als sie ein leises Miauen hörte. Sie schaute sich danach um und da sah sie einen riesigen langhaarigen Kater, der sie interessiert musterte. Er war ähnlich wie Sunshine, gross und langhaarig. Verblüfft musterte sie ihn, dann sagte sie: "Wo kommst du denn her? Wem gehörst du denn?" Der Kater schaute sie weiterhin an und das irritierte Molly so ziemlich. Doch dann ging sie weiter in Richtung Haley Farm. Einmal drehte sie sich um und der Kater saß immer noch an derselben Stelle und schaute ihr nach. Die Sache ging ihr die ganze Nacht nicht mehr aus dem Kopf und so beschloss sie, am nächsten Tag ziemlich früh noch mal nach Tarbox zu gehen, es war ja nur eine Meile dorthin. Als sie am nächsten Morgen dort ankam, saß der Kater vor der Haustüre, als ob er sie erwartet hätte. Joseph Tarbox war bereits auf den Feldern, doch die Tür wurde eigentlich nie abgeschlossen. Also öffnete sie die Tür und sofort lief der Kater hinein, als wüsste er wohin er wollte und würde sich hier auskennen.
"Na gut," meinte Molly "du willst wohl hierbleiben. Das kannst du meinetwegen auch. Trotzdem werde ich herumfragen, ob dich jemand vermisst. Tom kommt erst in einer Woche wieder und dann werden wir weitersehen. Doch bis dahin brauchst du einen Namen."
Sie sah den Kater genauer an. Er war grau mit schwarzen Flecken. Auf dem Rücken hatte er einen auffälligen schwarzen Streifen. "Weißt du was," sagte Molly "ich nenn' dich Strippes, weil du den lustigen Streifen auf dem Rücken hast." Strippes ließ durch nichts erkennen, ob er mit der Namenswahl einverstanden war und begann das Haus zu erkunden. Cheri war nicht im Haus, doch er roch sie. Doch offensichtlich hatte er nichts dagegen, dass noch mehr Katzen im Haus wohnten. Molly beschloss, jeden Tag nach Strippes zu schauen. Am Sonntag würden sie mit Jonathan nach Biddeford in die Kirche gehen, dort konnte sie dann einige Leute fragen, ob sie ihren Kater vermissten.
Doch ihre Überraschung war gross, als sie am nächsten Tag wiederkam und zwei weitere dieser Langhaarkatzen im Haus fand. Sie war völlig perplex.
Der Sonntag kam und bis dahin waren nochmals zwei aufgetaucht und hatten sich einquartiert. Jetzt waren es schon fünf! Molly glaubte nicht mehr, dass die Katzen jemand gehörten und einfach so entlaufen waren. Da steckte mehr dahinter.
Strippes indes schien sich hier wohlzufühlen. Er war vor Tagen, als er hier angekommen war, ziemlich ausgehungert gewesen. Die lange Wanderung war wohl schuld daran. Molly wusste es nicht, aber er war einer der wenigen Waldkatzen die noch in der Wildnis gelebt hatten. Vor einiger Zeit hatte sich unter den Katzen eine Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. Es kam von einer Katze namens Sunshine. Sie hatte sich mit anderen an einem Versammlungsplatz getroffen und eigentlich nur berichtet, wie es ihr in letzter Zeit ergangen war. Und sie hatte von Thomas Coon erzählt. Niemand hat je erfahren, was die Katzen sich auf dieser Versammlung sonst noch erzählt und was sie beschlossen haben, doch manchmal, so scheint es, haben sie Kenntnis von Dingen, die den Menschen verschlossen bleiben.
Jedenfalls machten sich alle, die noch in der Wildnis lebten, auf den Weg nach Biddeford Pool und Strippes war nur der Erste gewesen, der angekommen war.
Drei Wochen später legte die GLEN LAURIE im Pool an.
Und dort hatte sich sehr viel geändert. Als sie in Philadelphia vor Anker lagen, hatte der Erste Maat wieder einmal Streit angefangen. Er war wie so oft betrunken gewesen. Dann hatte er mit Kapitän Snow gestritten und der Streit war immer mehr eskaliert. Als der Erste Offizier eingreifen wollte, hatte der Maat sein Messer gezückt und den Ersten Offizier niedergestochen. Natürlich war der Maat sofort verhaftet und der Erste Offizier in ein Hospiz gebracht worden. Ob er überleben würde, wusste noch niemand. Als ob das noch nicht genug wäre, hatten einige der Mannschaft nach dem Vorfall ihre Heuer verlangt und waren von Bord gegangen. Kapitän Snow konnte es ihnen nicht verdenken. Doch nun stand er nur noch mit einem Drittel seiner Mannschaft da. Auf die Schnelle war kein Ersatz zu finden. Also bot er einem der verbliebenen einfachen Matrosen die Stelle des Ersten Maats an. Und Tom sollte Erster Offizier werden, denn er wusste, dass Tom sowieso das Kapitänspatent machen wollte und bereits jetzt eifrig lernte. Außerdem mochte er Tom und auch seine Katzen und er würde sich freuen, wenn Tom eines Tages seine Stelle einnehmen könnte.
Er hatte schon Toms Vater Israel gekannt, sie hatten zusammen im Unabhängigkeitskrieg gekämpft.
Also lief der Viermastschoner mit Thomas Coon als Erstem Offizier in Biddeford Pool ein.
Mit Buster und Diabolo auf dem Arm und Silver, Blinky und Jessy im Gefolge machte sich der frischgebackene Erste Offizier auf den Weg zur Farm.
In Philadelphia hatte er bei der Abreise ein kleines Problem mit Buster und Diabolo zu lösen gehabt. Die Beiden waren herumgestromert und Tom hatte Mühe, sie gerade noch rechtzeitig aufstöbern, bevor das Schiff ablegte.
Silver, Blinky und Jessy waren zwar auch mehrmals von Bord gegangen, jedoch immer nur für kurze Zeit, sonst waren sie ihm fast wie Hunde bei Fuss gefolgt. Mit der Überlegung, wen er bei der nächsten Fahrt mitnehmen sollte, kam er auf der Farm an.
Molly erwartete ihn bereits. Sie war etwas durcheinander. "Ist etwas passiert?" fragte Tom.
"Ich weiß nicht. Nein, eigentlich nicht. Oder doch. Also komm erst mal rein."
Im Wohnzimmer setzte er sich erst mal in einen Sessel. Er schaute sich um. Alles war wie sonst. Plötzlich gab es ein Poltern und Joseph Tarbox kam zur Tür herein.
"Ah Thomas, da bist du ja. Da hast du uns ja was eingebrockt." Tom verstand jetzt überhaupt nichts mehr. Plötzlich kam durch die immer noch geöffnete Tür eine große haarige Katze in den Raum. Sie schaute sich um, sprang auf das Fensterbrett und legte sich hin. Alle anderen im Raum ignorierend schaute sie zum Fenster hinaus. Tom schaute Molly fragend an. "Darf ich vorstellen," sagte sie "Strippes!" Tom sagte immer noch nichts. "Ach ja, bevor ich's vergesse," fuhr Molly fort, "da wären auch noch Carlos, Ramses, Dotty und Marie-Lou. Nur damit du's weißt." Tom brachte nur "wa... wa... wa ...?" heraus. "Thomas, ich weiß nicht, wo sie herkommen. Jonathan war in Biddeford und hat alle möglichen Leute gefragt, ob sie ihre Katze vermissen. Niemand vermisst eine Katze. Und alle sind sie von der gleichen Rasse wie Strippes hier. Einige Farmer haben solche Katzen, aber ich glaube nicht, dass sie dort entlaufen sind. Die kamen von alleine und absichtlich hierher."
Jetzt hatte sich Tom einigermaßen gefasst. Er dachte nach.
Katzen mochte er sehr und hätte am liebsten einen ganzen Haufen davon gehabt. Doch er wohnte nun mal auf der Tarbox Farm und die gehörte Joseph Tarbox. Allerdings war er jetzt Erster Offizier und hatte folglich mehr Heuer. Nun, er würde sich mit Joseph einigen, der würde bestimmt nichts gegen ein paar Dollars mehr haben. Und auch Molly Haley würde nicht leer ausgehen.
Strippes indes schien das ganze nicht im geringsten zu interessieren. Er hatte schon gewusst, als er hier ankam, dass er am richtigen Ort war. Alle, die noch in der Wildnis lebten, wussten davon und sie würden kommen. In voller Länge lag Strippes ausgestreckt auf der Fensterbank und fühlte sich einfach nur wohl.
Den Ganzen Abend debattierten sie und schließlich stand fest, die Katzen konnten bleiben.
Die Farm war groß genug und sie waren fast Selbstversorger. Damit war das auch geregelt.
Erst über eine Woche später Tage lief die GLEN LAURIE wieder aus, denn es musste erst wieder eine neue Manschaft angeheuert werden. Diesmal waren sechs Katzen mit an Bord, doch Tom hatte nur die neu zugezogenen mitgenommen, denn er hatte auch bei ihnen die Erfahrung gemacht, dass sie ihm auf Schritt und Tritt folgten. Der Schoner sollte diesmal länger unterwegs sein, Die Route führte diesmal über Boston, New York und Philadelphia bis Portsmouth. Strippes war auch dabei auf dieser Reise und da die GLEN LAURIE lange im Pool vor Anker gelegen hatte und auch eine Menge Lebensmittel als Fracht an Bord hatte, hatte das eine Menge Ratten angezogen. Jedenfalls erwischte er gleich am ersten Tag drei dieser gefräßigen Biester. Doch da gab es lose Bretter in einem Verschlag, hinter die er nicht herankam und genau dahinter hatte sich das Rattenvolk verschanzt. Die anderen Katzen versuchten sich auch daran, doch die Nager konnten sich durch die engen Schlitze zwängen.
Doch Katzen haben Geduld, viel Geduld. Strippes hatte auch Geduld. Die Ratten waren zwar vorsichtig und schlau, doch irgendwann trieb sie der Hunger nach draußen und in die Frachträume. Alles sah danach aus, als würde Strippes sich ausruhen oder schlafen, doch er war hellwach. Da, es raschelte, dann hörte er das trippeln kleiner Füße. Bewegungslos verharrte er. Langsam schob sich eine kleine Nasenspitze durch den Spalt und schnupperte.
Noch rührte sich der Kater nicht. Jetzt kam eine graue Schnauze und zwei Kulleraugen zum Vorschein. Die Ratte war sehr vorsichtig. Immer noch machte Strippes keine Bewegung.
Die Ratte schien jetzt sicher zu sein, dass keine Gefahr drohte. Sie kam ganz hervor und wollte zu den Fässern rennen. Doch Strippes war schneller. Mit einem kurzen Sprung hatte er sie mit seinen Pfoten niedergedrückt und packte sie im Genick. Die Ratte versuchte, sich zu wehren und zu entkommen, doch gegen Strippes war das aussichtslos. Mit der zappelnden Ratte zwischen den Zähnen suchte er ein Plätzchen, an dem er ein wenig mit der Beute spielen konnte, bevor er sie verspeiste.
Im weiteren Verlauf der Fahrt wurden die schlauen Ratten zwar immer vorsichtiger, aber auch immer hungriger und Strippes und die anderen Katzen machten sich einen Spaß daraus, sie in die Enge zu treiben.
Endlich hatte die GLEN LAURIE ihr erstes Ziel, Boston, erreicht und die Schauerleute gingen daran die Ladung zu löschen. Tom wollte noch eine Besorgung in der Stadt machen.
Als er das Schiff verließ, stellte er mit Erstaunen fest, dass ihm Strippes, Ramses und
Marie-Lou folgten. Nun, wenn sie wollten, Tom hatte nichts dagegen. In der Stadt erregte er ziemliches Aufsehen mit den Katzen, war das ein doch etwas ungewohnter Anblick. Hunde ja, aber Katzen...
Jedenfalls blieben alle bei ihm, auch als er kurz in einem Saloon reinschaute.
Carlos, Silver und Dotty waren an Bord geblieben, sie hatten nicht mitbekommen, dass Tom nicht mehr auf der GLEN LAURIE war. Während Dotty schlief, erkundeten die beiden Kater den Kai und die Hafenanlagen. Sie entfernten sich jedoch nie zu weit vom Schiff. Es lebten einige Katzen hier, aber das waren keine Waldkatzen. Den beiden Katern war das so ziemlich egal und wenn eine davon rollig war, nutzten sie die Situation.
Neue Fracht wurde eingeladen und die GLEN LAURIE machte sich auf den Weg zu ihrem nächsten Etappenziel, New York.
Auch dort folgten die Katzen Tom überall hin und ebenso war es in Philadelphia.
So hatte sich alles eingependelt und mit der Zeit lebten siebzehn Waldkatzen auf der Tarbox Farm.
Zwei Jahre waren vergangen, als Kapitän Enoch Snow in den Ruhestand ging. Er zog nach Provincetown in Massachusetts. Thomas Coon wurde nun Kapitän der GLEN LAURIE und auf allen seinen Reisen begleiteten ihn die Waldkatzen.
Natürlich hatte er als Kapitän mehr zu tun als vorher, er musste sich eigentlich um alles kümmern, doch die Katzen vernachlässigte er dabei niemals.
Und immer folgten sie ihm, wenn er von Bord ging, selbst in die Pubs und Saloons oder wenn er mal wieder mit Geschäftspartnern verhandelte.
Schon bald redeten die Leute von dem verrückten Kapitän Coon und seinen Katzen, doch Tom scherte sich nicht darum und so hörten die Leute auch irgendwann auf zu tuscheln.
Er verschenkte auch immer wieder ein junges Kätzchen, wenn es auf dem Schiff oder auf der Tarbox Farm zu viele wurden.
Und immer häufiger geschah es, dass irgendwo in den Hafenstädten eine Katze einen Wurf langhaariger Jungen hatte.
Dann hieß es wieder: "Schau, wieder eine Coon-Katze!"
Tom bekam das schon mit und irgendwie freute er sich auch darüber.
Manchmal waren geschäftliche Verhandlungen sehr hart und Tom war dann froh, wenn er abends in die Koje konnte.
An einem Tag war es besonders anstrengend gewesen. Sein Geschäftspartner wollte unbedingt die Frachtkosten drücken und Tom hatte Mühe seine Preise durchzusetzen.
Entsprechend müde war er, als er sich in die Koje legte.
In dieser Nacht träumte er wieder.
Da war wieder diese Wiese. Und darauf waren wieder viele der sanften Riesen. Doch diesmal rannten sie herum und spielten miteinander. Tom hatte plötzlich das Gefühl, dass da noch jemand wäre. Alles war irgendwie unwirklich. Er schaute auf den Boden und da sah er ihn, den sandfarbenen Kater. Der schaute zu ihm hoch und fing zu reden an. "Sie waren die Verlorenen, die Verlassenen, doch du hast ihnen einen Namen und damit eine Heimat gegeben. Alle Katzen werden dir dafür immer dankbar sein. Doch die Katzen schätzen nicht wie die Menschen materielle Dinge. Daher ist ihr Dank, dass dein Name nicht vergessen wird und für immer mit ihnen verbunden sein wird."
Der Traum verblasste und Tom wachte auf. Am Fußende der Koje lag Strippes zusammengerollt und schlief. Tom setzte sich auf und strich ihm über das Fell.
Er sah jetzt vieles anders und glaubte das Geheimnis der sanften Riesen zu kennen.
Strippes bewegte sich im Schlaf und Tom strich ihm noch einmal über den Rücken.
Der Kater wachte auf und sah ihn aus seinen unergründlichen Katzenaugen an.
In ihnen lag eine Dankbarkeit, die nicht in Worte zu fassen war.
Der Kater begann leise zu schnurren.
Endlich waren sie angekommen, ihre Reise war zu Ende.
Sie kamen über das Meer aus der Alten Welt, sie jagten, sie kämpften und der Tod war allgegenwärtig, doch sie waren stark, sie haben überlebt. Und nie haben sie Leif und sein Volk vergessen.
Doch mit Hilfe von Kapitän Coon haben sie in diesem Land Maine ihre neue Heimat gefunden.
Und nach dem Land in dem sie nun leben und nach dem Kapitän wird die Sippe der sanften Riesen heute noch benannt: Maine Coon.

Epilog

"Sie hatten wirklich eine lange Reise." sagt Edward. "Ja, das hatten sie," antwortet Miezka, Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende." "Was geschah denn noch?" will Edward wissen.
"Weißt du, sie waren früher nie sehr zahlreich und es gab eine Zeit, da glaubten die Menschen, sie wären ausgestorben. Doch es gab sie noch und mit der Zeit wurden es immer mehr.
Und die Menschen mochten sie sehr.
Es gab da einen Mann, der hiess Joseph E. Brennan, der war der Erste im Staat Maine.
Die Menschen nennen so etwas Gouverneur.
Und er hat den Maine Coon eine Ehre erwiesen, wie sie den Katzen seit der Zeit der Pharaonen nicht mehr zuteil wurde.
Denn nach der Zeitrechnung der Menschen geschah es im April der Jahres 1985 dass eben dieser Gouverneur Joseph E. Brennan die Maine Coon Katzen zu Staatskatzen ernannt hat und sie offiziell in die Staatsbücher von Maine eintragen ließ.
So haben sie nach all ihren Mühen und allen Widernissen zum trotz ihren Platz gefunden.
Und mit den Menschen kamen sie sogar zurück in die alte Welt und der Kreis hat sich geschlossen."
"Miezka, woher kennst du diese Geschichte?"
"Weißt du, ich kenne eine Maine Coon, Milwaukee ist ihr Name. Von ihr habe ich diese Geschichte erfahren. Denn sie hatte einen Sohn, sein Vater war kein Maine Coon Kater, aber das ist nicht wichtig. Dieser Sohn war Mowgli, von dem ich dir erzählt habe."
"Mowgli?" fragt Edward "Etwa dein Mowgli?"
"Ja, Mowgli, mein Gefährte. Ich habe ihn so geliebt, doch er musste dies Welt verlassen, die Krankheit war stärker.
Und darum, kleiner Edward, bitte ich dich, wenn du eine Maine Coon Katze siehst, denke daran, was die Maine Coons durchgemacht haben, wie sie auf ihrer Suche gelitten haben und wie viele gestorben sind und sie doch allen Widernissen zum Trotz blieben, was sie immer nur sein wollten: Die sanften Riesen."



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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon Ajoscha am Di 24. Sep 2013, 12:32

Hallo mike,du hast ja wieder toll geschrieben. :ja: Aber ehrlich gesagt ist mir dieser Text dann doch etwas zu lang.

Sorry :cat-shy: LG :cat7:
Ajoscha
 

Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon Joachim B. am Sa 5. Okt 2013, 08:14

Tag
Da läßt sich doch leicht mit Sandfell und Lilith, eine Trilogie zusammenstellen.
Gruß
Joachim B.
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Re: Die Reise der sanften Riesen

Beitragvon mike1024 am Sa 5. Okt 2013, 23:22

Joachim B. hat geschrieben:Da läßt sich doch leicht mit Sandfell und Lilith, eine Trilogie zusammenstellen.


Nun ja, die Idee ist nicht schlecht.
Ich möchte mal so antworten, frei nach Radio Eriwan:
Im Prinzip ja, aber...
"Lilith", "Die Sage von Sandfell" und "Die Reise der sanften Riesen" sind drei völlig unterschiedlich erzählte Geschichten mit ebenso völlig unterschiedlicher Thematik.
Ich wüsste jetzt auf die schnelle nicht, wie ich eine real erzählte fiktive Geschichte aus grauer Vorzeit, eine Sage und eine Geschichte, die in weiten Teilen auf historischen Fakten beruht, so miteinander verknüpfen könnte, dass daraus eine durchgängige und vor allem erzählerisch glaubwürdige Trilogie entsteht.
Natürlich ist es gut möglich, dass ich doch noch eine Idee habe, wie das erzählerisch zu bewältigen wäre, doch zur Zeit sehe ich das nicht.
Nun, "Lilith" und "Die Sage von Sandfell" sind schon miteinander verknüpft, und sei es nur durch den Prolog, in dem Miezka mit Mowgli redet.
Doch bei "Die Reise der sanften Riesen" sieht das anders aus.
Dazu seien mir einige Anmerkungen zu der Geschichte gestattet.
Es war mir schon seit längerem ein Anliegen, dieses zu schreiben und erste Anzeichen dafür finden sich in den Geschichten "Auf grosser Fahrt – aus dem Leben eines Bordkaters" und "Eine Liebe im Feuer".
Doch um eine durchgängige Geschichte niederzuschreiben, bedurfte es einiger Recherchen.
Alle Namen und Orte der Wikinger sind historisch belegt. Die Katzennamen habe ich ausgedacht, doch in der alten Wikingersprache haben sie tatsächlich eine Bedeutung. So bedeutet z.b. Aldavinur tatsächlich "Alter, vertrauter Freund".
Und es ist belegt, dass die Wikinger Katzen auf ihren Schiffen hatten.
Viele denken, dass Vinland Weinland bedeuten würde. Dies geht jedoch auf eine Fehlinterpredation des Adam von Bremen (* wohl vor 1050; † 1081/1085) zurück.
Die richtige Übersetzung aus der alten Wikingersprache lautet "Weideland".
Auch Snorri und seine Eltern sind historisch belegt, Snorri war tatsächlich das erste europäische Kind, das auf dem nordamerikanischen Kontinent geboren wurde.
Auch die Siedlungen Leifsbouir, Hop und Straumfjord gab es.
Hier habe ich mich auf die Aussagen der Gönländer- und der Vinlandsaga gestützt, die ziemlich präziese sind.
Die genaue Lage von Vinland ist bis heute unklar. Daher habe ich Vinland südlich des Lorenzstromes angesiedelt, denn ich wusste nicht, wie ich es aus erzählerischer Sicht glaubwürdig bewältigen sollte, dass die Katzen, völlig auf sich selbst gestellt, diesen riesigen und kalten Strom überqueren konnten.
Da die ganze Geschichte zum größten Teil aus Sicht der Katzen erzählt wird, habe ich im Kapitel "die Ankunft" bewusst Jahreszahlen weggelassen. Jedoch landeten die Franzosen ca. 1604 in Maine. Ein Anhaltspunkt in der Geschichte gibt die Erwähnung des englischen und des französischen Königs, sowie die Person des Samuel de Champlain.
William McGalham und seine Familie und seine Nachkommen sind Erfindungen von mir.
Jedoch gab es tatsächlich in der fraglichen Zeit einen Eisenwarenhändler namens Woodman, der in Biddeford eingekauft hat. Sein Vorname und sein Wohnsitz sind nicht überliefert.
Alle anderen Personen und Orte im Kapitel "Der Kapitän" sind belegt.
Es gibt Hinweise, dass die Tarbox Farm heute noch existiert. Angeblich soll es sogar in Maine Nachkommen von Molly Haley geben. Um jedoch das zu überprüfen, müsste ich aber vor Ort recherchieren. Sicher ist, dass die Tarbox Farm an der Pool Road lag und mindestens 1916 noch existiert hat.
Jedenfalls sind Molly und Jonathan Haley, Joseph Tarbox und Kapitän Enoch Snow überliefert. Und die GLEN LAURIE war tatsächlich ein Viermastschoner, der die Neuenglandstaaten bereiste.
Thomas Coon war wirklich Kabinensteward auf der GLEN LAURIE und wurde später Kapitän auf dem Schiff. Und es ist überliefert, dass er tatsächlich Langhaarkatzen bei sich hatte. Er hatte ein Wohnrecht auf der Tarbox Farm und sein Vater war Israel Coon, ein Soldat im Unabhängigkeitskrieg.
Alle diese Informationen habe ich von der "Biddeford Historical Society" bekommen und ich denke, dass sie einigermaßen korrekt sind.
Was die Katzen selbst betrifft, so mögen einige Passagen der Geschichte befremdlich oder ziemlich unwahrscheinlich wirken.
Jedoch ist bekannt, dass Katzen oft mit Artfremden Freundschaft schließen oder ein artfremdes Junges adoptieren. Auch diese Versammlungsplätze existieren und hier in der Stadt gibt es mindestens zwei davon. Ich selbst konnte mehrmals eine solche Versammlung beobachten und sie läuft tatsächlich so ab, wie sie Linda in der Geschichte erlebt hat.
Wenn man das real einmal beobachtet hat, kommt man eigentlich nur zu dem Schluss, dass da irgendeine Kommunikation abläuft. Daher habe ich das einfach "Stille Sprache" genannt.
Was das im Kapitel "Der Kapitän" erwähnte "Gesundschnurren" betrifft, so ist es mittlerweile wissenschaftlich belegt, dass die Schnurrfrequenz von Katzen Knochen schneller heilen lässt. Ich beziehe mich auf die Forschung von Prof. Dr. Leo Brunnberg an der Poliklinik für Haustiere in Berlin Zehlendorf. Auch andere Wissenschaftler haben den Effekt weltweit bestätigt.
http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/n ... 20/zi783j/
Es gibt mehrere Versionen über die Herkunft der Maine Coon.
Die verrückteste ist die einer Kreuzung zwischen Waschbär und Katze. Naja, wer's unbedingt glauben will...
Dann heisst es, dass europäische Siedler norwegische Waldkatzen mitgebracht hätten. Nun, trotz der Vermehrungsrate von Katzen und der Ähnlichkeit zwischen Norweger und Maine Coon gibt es doch ziemliche Unterschiede. Auch dürften die Siedler ihre Katzen bei sich behalten haben. Daher glaube ich nicht, dass der Druck der evolutionären Selektion so gross gewesen war, dass daraus in relativ kurzer Zeit sich die Maine Coon entwickelt haben.
Ebenso unwahrscheinlich halte ich die Geschichte von Kapitän Samuel Clough der die Perserkatzen der Marie Antoinette nach Amerika gebracht haben soll. Da nämlich Marie Antoinette 1792 hingerichtet wurde, konnte der Kapitän nicht vor diesem Zeitpunkt in Amerika sein, also ist auch hier der Zeitraum zu kurz. Also habe ich mich für die wahrscheinlichste, die Wikingerversion entschieden.
Ausserdem erschien sie mir am interessantesten und ich hoffe, dass die Leser und Leserinnen das auch so sehen.
Was die beiden Traumsequenzen im letzten Kapitel betrifft, so war es mir ein persönliches Anliegen, diese in die Geschichte einzubauen. Wer meine Geschichten kennt, weiß, dass mit dem sandfarbenen Kater Sandfell gemeint ist. Doch da er in diesem Kapitel nicht real, sondern nur im Traum auftritt, denke ich, dass ich das verantworten kann.
Vielleicht überkommt es mich irgendwann in der Zukunft, noch mehr über die Katzen und ihre Abenteuer in Amerika zu schreiben, vor allem die Kapitel "Heimatlos" und "Die Ankunft" bieten sich ja geradezu an. Doch das ist Zukunftsmusik.
Vorerst geht's weiter mit Geschichten um Edward.
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